Wende West

die vergessene Wende Die Medien sind voll mit Beschreibungen, was Ostdeutsche mit der "Vereinigung" bewältigen mussten. Was der Mauerfall im Westen verändert hat, fehlt.
Bei diesem Beitrag handelt es sich um ein Blog aus der Freitag-Community

Dieses Jahr war ich zufällig am 9. November in Berlin zu einem Bürgerforum. Das hatte mit dem Jahrestag der Maueröffnung gar nichts zu tun, aber ich habe "Zufallsbürger" aus dem Osten getroffen. Sie fühlen sich immer noch benachteiligt, hörte ich, ländliche Regionen seien verkehrstechnisch abgehängt, es gibt keine Arbeit am Wohnort mehr, Preise steigen, Mieten wären teuer, junge Leute gingen in den Westen, um alles müsse man sich mühsam selber kümmern usw. Einige erinnerten sich daran, dass die Treuhand die heimische Industrie zerschlagen hat.

Ja, dieser letzte Punkt stimmt. Aber warum habe ich als Wessi mich damals darüber aufgeregt, aber die Ossis sich nicht?

Irgendwann hatte ich genug von den Klagen. Wisst ihr eigentlich, was sich für uns Wessis geändert hat? Wisst ihr nicht, dass ein Leben im Kapitalismus damit verbunden ist, um alles kämpfen zu müssen? Abhängig zu sein? Sich ständig anstrengen zu müssen fürs menschenwürdige Überleben? Okay, wir im Westen kannten es nicht anders, wir waren gewohnt, der Arbeit hinterherzujagen, Wohnorte zu wechseln, überteuerte Mieten zu zahlen, arbeitslos zu sein, als Mutter allein für die Kinder sorgen zu müssen und deswegen nicht arbeiten zu können, auf dem Dorf lebend von kultureller und gesellschaftlicher Teilhabe abgeschnitten zu sein, bis am Abend der Vater oder Ehemann mit dem Auto nachhause kam.

Nachdem die Mauer geöffnet war, mussten wir 2 Mio Wirtschaftsflüchtlinge aus des Ex-DDR versorgen und verkraften, der Konkurrenzkampf am Arbeitsmarkt wurde harscher, Steuern und Abgaben wuchsen an, aber die Rentenansprüche sanken, in der Krankenversorgung wurden wir zur Selbstbeteiligung verpflichtet, es mussten Milliarden für den Aufbau Ost erwirtschaftet werden, die Harz IV-Gewalt war dann eine spätere Folge all dessen. Frauenrenten im Westen sind niedriger als Ostfrauen-Renten. Eigentlich haben wir das alles ziemlich klaglos hingenommen. Wollte ich nur mal gesagt haben. "Das haben wir so noch gar nicht gesehen", sagten mir drei Jugendliche.

19:42 13.11.2019
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Film der Woche
Der letzte Mieter

Beklemmender Berlin-Thriller zum Thema Gentrifizierung: Das letzte unsanierte Haus in einer schicken Wohngegend wird geräumt. Die meisten verbliebenen Mieter fügen sich ihrem Schicksal, doch Dietmar (W. Packhäuser) weigert sich. Das Spielfilm-Debüt des deutschen Regisseurs Gregor Erler überzeugt seit seiner Weltpremiere auf zahlreichen Festivals

Kommentare 20

Avatar
Ehemaliger Nutzer | Community
Avatar
Der Kommentar wurde versteckt
Avatar
Ehemaliger Nutzer | Community