150 Jahre Pariser Kommune

1871 Neue Bücher zu der kurze Zeit bestehenden revolutionären Kommune von Paris versuchen sich an einer Aktualisierung dieses mythenumwobenen Ereignisses
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Wacht auf, Verdammte dieser Erde/ die stets man noch zum Hungern zwingt!/ (...)
Es rettet uns kein höh'res Wesen,/ kein Gott, kein Kaiser noch Tribun/ Uns aus dem Elend zu erlösen/ können wir nur selber tun!(...)

Unmündig nennt man uns und Knechte,
duldet die Schmach nun länger nicht!
Völker, hört die Signale!/Auf zum letzten Gefecht!

Die Internationale/erkämpft das Menschenrecht“

Von Eugène Pottier, Dichter und aktiv Beteiligtem der Pariser Kommune von 1871, stammt der Text der „Internationale“. Die 72 Tage bestehende Kommune in Paris wiederum wurde in den 70er Jahren des 20. Jahrhunderts von der österreichischen Folkrock-Band Schmetterlinge in ihrem politischen Oratorium „Proletenpassion“ besungen. Der Abschnitt ihrer Schallplatte zeigt meisterhaft soziale und politische Hintergründe der Kämpfe des Pariser Proletariats. Nach dem Deutsch-Französischen Krieg und der Niederlage Frankreichs, weigerte sich die unter Waffen stehende Bevölkerung von Paris symbolträchtig die rund 400 Kanonen abzugeben und sich den Preußen zu unterstellen. Am 18. März proklamierte die Nationalgarde, die sich den proletarischen und kleinbürgerlichen Bewohner*innen von Paris anschlossen: „Die Proletarier von Paris, inmitten der Niederlage und des Verrats der herrschenden Klasse, haben begriffen, dass die Stunde geschlagen hat, wo sie die Lage retten müssen, dadurch, dass sie die Leitung der öffentlichen Angelegenheiten in ihre eigenen Hände nehmen.“ Die Frauen spielten eine entscheidende Rolle in der Kommune, obwohl sie in der kurzen Stadtherrschaft der Kommune von politischen Ämtern ausgeschlossen blieben.

Doch: „Was ist die Kommune?“:

Ein Volk, das nun das Sagen hat,

eine neue Qualität von Staat,

das ist die Kommune:

Zum erstenmal zu dieser Zeit

herrscht das Volk in Wirklichkeit“, so besangen es die Schmetterlinge. Was bleibt von dem Aufbruch, den „Himmelstürmern“ (Karl Marx), den aufrührerischen Tagen der Kommune? An Marx Orientierte waren sich einig: hier tauchte die endlich gefundene politische Form kommunistischer Gesellschaft als Rätesystem zum ersten Mal in relativ moderner Gestalt auf, natürlich noch voller Makel.

Ganz im Geiste der Interpretation von Karl Marx endete ihre musikalische Ehrung der Pariser Kommune mit den Fragen:

Warum sind wir nicht nach Versailles marschiert/

damals am 18. März?/

Den Feind entließen wir ungeniert

und trafen nicht das Herz“

Sicherlich: Theorie-Strategen konnten damals oder auch heute schwere Fehler des Vorgehens der Kommunard*innen entdecken: So hätten sie vor einer frühzeitigen militärischen Konfrontation mit den konterrevolutionären Kräften zurückgeschreckt. Zu sehr wären die Kommunard*innen von den kleinbürgerlichen und anarchistischen Ideen Blanquis und Proudhons geprägt gewesen. Zu wenig hätten sie militärisch konsequent die konterrevolutionären Heere zerschlagen, zu sehr hätten sie nur „schöne Resolutionen“ verfasst, wie der trotzkistische Publizist Chris Harman beispielsweise zu Bedenken gibt. Eine etwas merkwürdige Kritik, weiß man doch, dass Trotzki nach seiner Vertreibung aus der Sowjetunion auch nichts anderes mehr tun konnte, als schön geschriebene Resolution zu verfassen. Außerdem provoziert die Polemik von Harman die Nachfrage, was den das Marxsche Lager seinerzeit betrieb? Im Gegensatz zu den anarchistischen Aktivist*innen, die eine rege Reisetätigkeit an den Tag legten, saßen der Generalrat der Internationalen Arbeiter Assoziation (IAA) und Marx und Engels höchstpersönlich in London und warteten auf ein schriftliches Lebenszeichen der Kommunard*innen, als hätten diese nichts besseres zu tun gehabt, als nach England zu schreiben. Trotz Owenistischer und anderer nicht-marxistischer Mitglieder der Assoziation, die darauf drängten, zumindest eine Solidaritätserklärung zu verfassen, blieb diese aus. Dafür spreizten sich Marx und Engels in zeitgenössischer wie nachgeschobener Ferndiagnose auf. Dass die Kommunard*innen gezögert hätten, sich der Staatsbank zu bemächtigen, ist eine der immer weiter tradierten Urteile über die Halbheiten der Aktivist*innen. Im achten Teil der ambitionierten und insgesamt lehrreichen DDR-Serie „Marx und Engels. Stationen ihres Lebens“ wird den Kommunard*innen vorgehalten, sie seien zu zögerlich mit der Presse verfahren. Rezeptionsgeschichte ist in der Geschichte des Realsozialismus immer politische Lehr- und Legitimationsgeschichte. Das Zentralkomitee der Kommunard*innen, so eine Passage bei Marx, hätte im übrigen seine Macht zu früh aufgegeben, um der Kommune Platz zu machen. Der „endlich entdeckten politischen Form“ schien er hier wenig zu und gar nicht über den Weg zu trauen. „Gutmütigkeit“ und „Skrupulosität“ hätten die „Himmelstürmer“ der Commune davon abgehalten, brutale, doch notwendige Schritte zu gehen. So hatte es Marx in seinem „Bürgerkrieg in Frankreich“ notiert und in einem Brief vom April 1871 an Louis Kugelmann konstatiert.

Drei sehr unterschiedliche Veröffentlichungen widmen sich nun der Pariser Kommune und den Lehren, die aus ihr zu ziehen sind. Das eine Buch stammt von der emeritierten Professorin für Vergleichende Literaturwissenschaft an der New York University, Kristin Ross. Das andere erschien im traditionsreichen linksradikalen Berliner und Hamburger Verlag Assoziation A und stammt von zwei radikalen Linken unterschiedlicher Generationen: Detlef Hartmann (Jahrgang 1941) und Christopher Wimmer (Jahrgang 1989). Das dritte versammelt kurze Einträge von und über Louise Michel, einer der wichtigsten Protagonistinnen der Kommune, die sich selbst als Anarchistin verstand. Herausgekommen ist letztere Schrift im Dietz-Verlag, herausgegeben von der feministischen Aktivistin und Germanistin Florence Hervé, die den Clara-Zetkin-Frauenpreis der Partei Die Linke trägt, sich allerdings der Verleihung des Bundesverdienstkreuzes im Jahr 2014 verweigerte.

Ross geht es in ihrem Buch zu der „Ideenwelt der Pariser Kommune“ um die Schönheit und Aktualität eines neuen Gesellschaftsentwurfs, der hier zum Tragen gekommen wäre. Marx selbst legt sie in den Mund, dass es um ein Bündnis zwischen Arbeitern und Bauern (die Übersetzung folgt angenehm lesbar dem Generischen Maskulinum), zwischen Stadt und Provinz gehen müsse. Sie findet solche Überlegungen tatsächlich in der Literatur des französischen Geographen und Anarchisten Jacques Élisée Reclus. Nach der Bildung der Pariser Kommune lehnte dieser einen Posten in der neu gebildeten Regierung ab und diente stattdessen in der Nationalgarde, um Paris zu verteidigen ohne den eigenen Feind aus den Augen zu verlieren. In der Zeitschrift Cri du Peuple kritisierte er in einem Manifest die Regierung in Versailles. Der Freund Michail Bakunins hatte bereits nach dem Ausbruch des Deutsch-Französischen Krieges an Luftschiffexperimenten teilgenommen. Tatsächlich gab es ab Ende des 18. Jahrhunderts eine Art Wahlverwandtschaft von Sehnsucht nach einem Aufstieg im aerodynamischen Sinne und revolutionärem Begehren. Der 68er-Theoretiker Helmut Reinicke sprach in einer Veröffentlichung von 1988 von der Beförderung irdischer Freiheitsneigungen durch Ballonfahrt und Luftschwimmkunst. Er verweist unter anderem auf den Aeronautiker Eugène Godard, der 1870 während des Deutsch-Französischen Krieges Aufklärungsfesselballonflüge in Paris organisierte. Nach dem Ende der Belagerung von Paris ließ er sich in Nantes nieder, Teil der Commune war Godard allerdings nicht.

Jacques Élisée Reclus, einer der Helden von Ross subversiv-mythologischem Kommune-Buch, dahingegen schon. Dieser wurde als revolutionärer Nationalgardist am 5. April gefangen genommen, kurz darauf verurteilt und sollte nach Neukaledonien deportiert werden. Auf Drängen einflussreicher Persönlichkeiten, vor allem aus den USA und England - darunter auch Charles Darwin und Alfred Russel Wallace -, wurde die Strafe im Januar 1872 auf dauerhafte Verbannung festgesetzt. Reclus setzte sich dafür ein, aus dem Ackerland Gemeineigentum zu machen. Er verfasste ein Manifest „A mon frère, le paysan“, um diesen von den Vorzügen kommunistischer Produktion und Verteilung zu überzeugen. Für Ross ist dies auch heute noch ein wichtiger Schritt, um dem monopolistischen Zugriff des großen Agrobusiness zu entkommen. Im strikten Sinne betreibt Ross nicht Geschichtsschreibung, sondern bringt Texte und Personen in für heute relevante Konstellationen zueinander. Die Autorin verweist neben Benjamin und Bloch, denen sie wohl das Denken in Konstellationen abgelauscht hat, wiederholt auf William Morris, der 1887 in einem Text erklärte, warum er als Kommunist die Pariser Kommune ehre – und darauf libertär-kommunistische Antworten gab. Ebenso bezieht sie sich euphorisch auf Petr Kropotkin, der als erstes einen freie Zugang aller zu allen Gütern propagierte: Kommunaler Luxus für Jedermann und Jederfrau. Ross zeigt in ihrer aktivistischen und aktualisierenden Geschichtsschreibung, dass die Kommune einen Internationalismus lebte und Ausländern sogar wichtige politische Ämter übertrug: Polen und Deutsche waren im Rat und wurden Minister. Im Gegensatz zu einem (post-kolonialen) französischen Republikanismus, der sich als universell selbst setzt und Differenz nicht ertrage, hätte sich eine „universelle Republik“ mit diversen politischen Aushandlungsformen konstituiert, an der sich alle hätten beteiligen können. Darüberhinaus macht sie auf eine Vorstellung von Bildung als „integraler Bildung“ aufmerksam, die in der Kommune lebendig war. Die Trennung von Hand- und Kopfarbeit sollte aufgehoben werden, wie die Trennung zwischen „hoher“ Kunst und Kunsthandwerk. Das Leben sollte attraktiver, schöner und experimenteller werden, so dass Kunst, Ästhetik und Arbeit wahrlich verfließen konnten, wie Ross einem Fourierschen-Marcusianischen Post-1968er-Utopismus folgend sowohl für die Kommune von 1871 als auch für die Gegenwart reklamiert.

Die Geschichtserzählung von Kristin Ross mag nicht komplett zu überzeugen, zu glatt, poetisch und einen „Gegen-Mythos“ aufbauend erscheint die Lektüre. Allerdings sind die ökosozialistischen Aktualisierungen und ihr in der Traditionslinie der sozialrevolutionären Volkstümler stehende Problematisierung eines Großindustiefortschritts durchaus bedenkenswert und richtungsweisend.

Erstaunlich ist, dass Louise Michel keine prominente Rolle in Ross' Buch spielt. Deren Memoiren und Beschreibungen der Pariser Kommune würden ein weit realistisches Bild der Pariser Kommune entwerfen. Wie Reclus wurde die eher bürgerliche Lehrerin, die sich ganz den Proletariern und Armen verschrieb und Teil des Kommunekampfs war, nach Lagerhaft in Satory und in Versailles-Chantiers nach Neukaledonien transportiert. Auf dem Weg dorthin, sei sie zur Anarchistin geworden, bekannte sie später. Vier Monate lang dauerte die Deportationsfahrt, auf der sie viel zum Reflektieren über die Kommune gekommen sei: „Ich sah unsere Genossen am Werk, und nach und nach kam ich zu der Überzeugung, dass selbst die Redlichsten, könnten sie die Macht ausüben, den Schurken ähnlich würden, die sie einst bekämpften. Ich sah die Unmöglichkeit, dass sich die Freiheit mit einer wie auch immer gearteten Macht vereinbaren lässt. Ich fühlte, wenn die Revolution irgendeine Regierungsform annimmt, ist es um sie geschehen; und wenn Institutionen der Vergangenheit, die schon zu verschwinden schienen, doch bestehen bleiben – dann tragen sie nur ein anderes Etikett.“ In ihren Memoiren macht Louise Michel auf die Kommunebestrebungen im kolonisierten Algerien aufmerksam und zitiert die Erklärung der Commune de l'Algerie. Sie unterstützte 1878 einen Aufstand der einheimischen Bevölkerung Neukaledoniens gegen die französische Kolonialmacht. Auf diesen Aspekt der außereuropäischen Kommunebewegungen vor und parallel zur eigentlichen Kommune von Paris machen Wimmer und Hartmann in verdienstvollen und erhellenden Kapiteln aufmerksam. Nicht nur damit werfen sie einen Blick auf die Kommune, der sich deutlich jenseits hegemonialer Rezeptionslinien bewegt, und sie finden Anschluss an die neue Geschichtsschreibung des Kolonialismus.

Die beiden Autoren gehen methodisch andere Wege als Ross, scheinen aber politisch die gleiche Richtung einzuschlagen. Sie sichten und fassen Ergebnisse der sozialhistorischen Forschung zusammen, um die Vorgeschichte und die tatsächliche Dynamik in der Kommune in den Blick zu bekommen. Sie weichen nicht auf einige Theoretiker aus, deren schriftliche Erzeugnisse sie zu originären Gedanken der Kommunard*innen erklären, sondern halten fest: „Die meisten Militanten, die für die Kommune kämpften, waren weder Mitglieder der IAA noch Blanquisten oder neo-Jakobiner. Sie gehörten der Nationalgarde oder den zahlreichen Basisgruppen in der Stadt an oder waren gar nicht organisiert. Es wäre daher verfehlt, die Kommunebewegung von 1870/71 in Paris mit den politischen Parteiungen und deren Köpfen gleichzusetzen.“ So fassen sie die historischen Studien über Streik- und Klassenkämpfe, Bewegungen und Kommune-Selbstverwaltung kondensiert und lehrreich zusammen. Politisch ist ihr Verständnis der Kommune „bakunistisch“, könnte man augenzwinkernd schreiben: Sie behaupten, dass Marx mitnichten die Kommune zum Anlass nahm, sein Verhältnis zu industriellem Fortschritt und der Bauernklasse zu überdenken. Marx blieb in ihren Augen Bauernfeind. Als „Propagandist des kapitalistischen Fortschritts“ sah Marx in der parzellenförmigen Aufteilung des Landes ein Hindernis für die weitere Industrialisierung Frankreichs, erklären die Autoren. Die Bäur*innen erschienen ihm lediglich als Hauptstütze des Bonapartismus, so nannte Marx die Bauernschaft auch „dumpf verschlossen“ und wählte die Metapher des „Sacks von Kartoffeln“, um ihren konservativen und anti-revolutionären Charakter zu extrapolieren. Das war allerdings im „18. Brumaire“ von 1852. Diese Hinweise auf Marx sind sicherlich notwendig. Ross gibt allerdings zu bedenken: „Nach der Kommune zeigt sich in Marx' Werk ein neues Interesse an der Bauernschaft.“ Tatsächlich finden sich dann auch lobende Worte zum sozialen Charakter der russischen Dorfgemeinschaft zehn Jahre nach der Kommune in Briefen und anderen Aussagen von Marx. Wurde Marx also auf seine alten Tage zum Bakunisten?

Dennoch überzeugt das positive Bauernbild von Hartmann und Wimmer nicht vollends und wird sogar in der weiteren Darstellung der revolutionären Ereignisse um 1870, sowohl in der Provinz wie in Paris selbst, die die beiden Autoren liefern, widerlegt: Sie verweisen auf die Entwicklung eines sozialistischen Feminismus und auf die Selbstorganisation von Frauen, besonders in den Klubs und Komitees oder der Union des Femmes. Diese Frauen hatten den bäuerlichen Horizont inklusive dessen Moralvorstellungen längst aufgesprengt. Auch die Träger*innen der Kämpfe waren modern. Die militanten Lyoner Seidenarbeiter*innen waren hoch qualifizierte Arbeiter*innen und darüber hinaus zu hohem Prozentsatz auch verbunden mit der Internationalen Arbeiter Assoziation (IAA), also sozialistisch bewusste und geschulte Aktivist*innen. Die Streikbewegung von Lyon, die Hartmann und Wimmer ausführlich als Vorgeschichte der Kommune von Paris würdigen, verweist so auch eher auf den proletarischen Charakter der damaligen Kämpfe, als dass der Hinweis auf die Subsistenzrevolten und bäuerlichen Beharrungskräfte schlüssig auf die Kommune von 1871 zu beziehen wären. Proletarisch freilich nicht im Sinne des Bilds vom Industriearbeiter, sondern als geprägt von kleinen Krämer*innen, Handwerker*inne, Arbeiter*innen, aber eben auch von vielen Kunsthandwerker*innen, selbstständigen Arbeitskräften zwischen Kunst und Handwerk, mit hohem immateriellem Anteil und dementsprechenden Fähigkeiten und Kenntnissen, wie man in Erinnerung an postoperaistische Theorien sagen könnte. Von einigem aktuellen Interesse sind die humanistischen Gedanken eines avantgardistischen Teils des modernen Proletariats, der Arbeit, wenn nicht Spiel wie bei Fourier, so doch Kunst werden lassen wollte, wie Ross es beschreibt und dies stark in den Vordergrund rückt.

Der Antiautoritarismus der unteren Klassen, den Hartmann und Wimmer im Blick haben, entstand gerade aufgrund der hinter sich gelassenen bäuerlichen Erfahrung mit religiösem Aberglauben und idiotisch legitimierten Hierarchien. Einige historische Beschränkungen der Kommune lassen sich jedoch bei den beiden sozialrevolutionär gestimmten Autoren nachlesen: der Kommune-Rat erließ die Mieten von Oktober 1870 bis April 1871, doch das Wohneigentum blieb bestehen. Obwohl Volksbewaffnung und Rätestruktur in der Nationalgarde veranlasst wurden und eine Vielzahl von Dekreten die Arbeitswelt neu und sozialer ordnen wollte, scheuten die Kommunard*innen davor zurück, das Privateigentum anzutasten, das zeigte nicht nur die ausgebliebene Enteignung der Banken. Immerhin wurden Abzüge bei Löhnen und Gehältern ebenso verboten wie der Verkauf verpfändeter Gegenstände. Schulbildung war kostenlos und eine spontane Entsäkularisierung von unten griff um sich: Es rettet uns kein höh'res Wesen.... Hartmann und Wimmer beziehen sich positiv auf den Barrikadenkampf in la rue und sehen dies wieder in den Blockadeaktionen der Gelbwesten auferstehen. Der Barrikadenkampf und die Form der riots sind sicherlich in den aktuellen Kämpfen rund um den Globus eine weitverbreitete Form der Kämpfe von unten. Ob sie auch eine neue Gesellschaft herauszubilden vermögen? Bereits 1871 konnte die Möglichkeit einer siegreichen Barrikadenkampftaktik durch die Zertrümmerung und Neuplanung der Straßenführung durch Baron Haussmann unterlaufen werden. Heute gibt es die digitale Überwachung.

Der konstruktive und kreative Anarchokommunismus, dessen klassenmäßiger Träger eine immaterielle „Multitude“ mit Aussicht auf den ganzen Reichtum sei, wie bei Kristin Ross skizziert, erscheint dahingegen wie eine anregende, doch historisch überspannte, bloß literarisch grundierte Re-Konstruktion der Pariser Kommune, die bei der Literaturwissenschaftlerin auch von Niederlage und Blutvergießen gereinigt erscheint. Doch vielleicht ist dies die einzige angemessene Form, die Kommune heutzutage als etwas zu behandeln, was noch nicht eingelöst wurde und einer Umsetzung harrt.

Literatur:

Schmetterlinge, Proletenpassion, antagon musikgesellschaft Wien 1977

Kristin Ross, Luxus für alle. Die politische Gedankenwelt der Pariser Kommune (Übersetzt aus dem Englischen von Felix Kurz), 203 Seiten, Matthes & Seitz Berlin 2021

Detlef Hartmann/ Christopher Wimmer, Die Kommune vor der Kommune 1870/71. Lyon. Le Creusot. Marseille. Paris, 143 Seiten, Assoziation A Berlin 2021

Florence Hervé (Hrsg.), Louise Michel oder: Die Liebe zur Revolution, 135 Seiten, Dietz Berlin 2021

15:21 17.03.2021
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

Gerhard Hanloser

Kritische Analysen, Miniaturen und Reflexionen über linke Bewegungen, Theorien und Praxis
Gerhard Hanloser

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