Warum steigen die Temperaturen nicht stetig?

Die Wetterfee Die Wetterfee beantwortet einmal im Monat alle Fragen rund ums Wetter. Heute: Geht es jetzt aufwärts mit dem Wetter? Und warum geht es dann bald schon wieder abwärts?
Warum steigen die Temperaturen nicht stetig?

Illustration: Otto

Sie konsultieren keine Wetter­berichte, weil Sie dem Lauf der Dinge vertrauen? Darauf setzen, dass in der ersten Hälfte des Jahres die Temperaturen kontinuierlich zu steigen haben? Klar, es mag spannendere Lektüre als den Wetterbericht geben. Schließlich steht der Sommer vor der Tür, das bedeutet, es wird wärmer, die Hüllen werden fallen, und Regen gibt es höchstens, damit wir uns an einem Regenbogen erfreuen können.

Die Wetterfee aber weiß: Es lohnt, den Wetterbericht zu konsultieren, er ist zuweilen für das Seelenheil des einen oder anderen unabdingbar. Nicht nur, dass man in den Pausengesprächen unsympathisch altklüger dasteht als der ein oder andere Kollege. Sondern auch aus rein psychologisch-paradoxen Gründen. Sie werden sich nämlich freuen, wenn die Prognose eintrifft, die Sie sich gewünscht haben. Und werden schadenfreudig jubeln, wenn es anders kommt – falls die Prognose zu Ihren Ungunsten gewesen wäre.

Trotz globaler Synchronisation sind die Prognosen eigentlich immer besser oder schlechter als die Wirklichkeit – das Wetter-Widget von Apple und Yahoo etwa verspricht meist ein paar Grade zu wenig, so kann man sich immer auf mehr freuen. Nach dem wechselhaften Aprilwetter ist es nur minimal stabiler geworden. Die Wetterumschwünge finden nun nicht mehr in den nächsten zwölf Stunden statt, sondern das Wetter mäandert jetzt im Verlauf von 24 Stunden zwischen heiß und kalt. Von der Euphorie einer Tropennacht, die halbnackte Damen und barfüßige Herren nach draußen lockte, zum Nachtfrost mit Wollsocken. Es sind Wetterumschwünge, die auf die Laune drücken und Kopfschmerzen verursachen. Warum kann das Thermometer nicht einfach stetig aufwärts steigen?

Eine überflüssige Frage, wenn auch nicht ohne philosophisches Gehalt. Ja, man mag sich durchaus fragen, ob das Wetter nicht genau deshalb so ist, wie es eben ist, damit man etwas zu reden hat. Harvey Sacks, ein englischer Soziologe, deklarierte einst das Wetter als nur vermeintliches „safe topic“. Schließlich könne man nie wissen, in welchem Verhältnis das Gegenüber gerade zum aktuellen Wetter stehe.

Auch Sonnenschein ist zum Beispiel relativ. Wenn ich mich freue, dass der Sommer so schön heiß war, hat mein Gegenüber vielleicht gerade seine komplette Kartoffelernte verloren. Oder sorgt sich um die Kirschen, die jetzt blühen und vom Nachtfrost überrascht werden könnten. Also besser erst klären, aus welcher Perspektive das Gegenüber die Wolken zählt.

Nun erweist sich, wer Wetterberichte ernst nimmt oder eben nicht; jene etwa, die heikles Saatgut zu früh streuten. Schuld am Wetterumschwung am vergangenen Wochenende sind die „drei frostigen Bazi“ Pankrazi, Servazi und Bonifazi: Je nach Region werden sie von der kalten Sophie begleitet. Und das ist nicht die krude Theorie irgendeiner geschwätzigen Nachbarin, sondern eine ernst zu nehmende Bauernregel: Pankratz und Servaz sind zwei böse Brüder, was der Frühling gebracht, zerstören sie wieder.

Gemeint sind die Eisheiligen, die zwischen dem 10. und 15. Mai den letzten Nachtfrost bringen sollen und damit alles zerstören, was gerade erst begonnen hat zu sprießen. Meteorologisch ist das zwar nicht erwiesen, aber ein Kälteeinbruch im Mai gehört schon dazu, häufig in der zweiten Hälfte des Wonnemonats – und zwar mit einem Tag Verzögerung zwischen Norden und Süden, weil die Kaltluft vom Norden zuerst bis in den Süden gelangen muss.

Die drei gestrengen Herren und ihre kühle Kollegin kamen diesmal pünktlich, nun kann es also wieder aufwärtsgehen. Aber nur solange, bis das nächste Ungemach ansteht. Die Schafskälte, die uns im Juni den Spaß verderben wird.

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11:00 20.05.2012
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Ausgabe 39/2020

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