Eine Mauer für Sachsen

Fremdenfeindlichkeit Der Erzgebirgler kämpft mit dem Benzinkanister für seinen autoritären Traum. Und alle verstehen ihn ein bisschen. Fast alle.
Bei diesem Beitrag handelt es sich um ein Blog aus der Freitag-Community

Wenn man die Ekelbilder aus Sachsen sieht, marodierende Spießerbanden, die brennende Häuser bejubeln, die Frauen und Kinder drangsalieren, welche ihrerseits vor Krieg und Elend geflohen sind, kann man sich nur schwer gegen die Fantasie wehren, wie es wohl gewesen wäre, wenn wir es 1989 genauso gemacht hätten wie dieser Pöbel:

Die Mauer geht auf und die Wirtschaftsflüchtlinge aus der DDR wollen rüber ins Konsumparadies. Endlich „'n Fiddeo-Rekkurdor, 'n Gulf GDI un Morlbourou!“ Endlich Bananen und richtigen Kaffee, endlich richtiges Geld!

Aber was ist das? Statt Hundertmarkscheine zur Begrüßung hinterher geworfen zu bekommen, empfängt sie eine grölende Menschenmenge, die ihnen mit feindseligen Blicken den Weg verstellt und Parolen skandiert wie „Die BRD ist unser Land, Ostler raus!“ oder „Haut ab, Kommunistengelumpe!“ oder „Verpisst euch, Sozialschmarotzer, ab nach Hause!“

Was wollten die denn plötzlich bei uns? Waren die in der DDR nicht in einem sicheren Drittstaat? Es lief doch gerade ganz gut bei uns. Warum sollten wir uns mit denen belasten? Kein Pluralismus, keine interkulturelle Kompetenz, und von Sprachkenntnissen gar nicht erst zu reden!

Spätestens seit Clausnitz ist klar: Die wollen doch gar nichts anderes als ihr Tal der Ahnungslosen. Die moderne Welt überfordert sie. Das Fremde überfordert sie. Wir hätten sie davor bewahren sollen. Die waren doch glücklich in ihrem autoritären Ameisenstaat, wo alle und alles immer gleich war, wo man mit 20 schon wusste, wie der Rest des Lebens verlaufen würde. Da waren sie doch vor fremden Einflüssen geschützt! Heute sieht man es: Die sehnen sich danach, unter sich zu sein. Was haben wir denen nur angetan!

"Und die anderen?", wird man jetzt fragen, "die sächsischen Pegida-Gegner, die Flüchtlingshelfer, die Weltoffenen, die es in Sachsen doch auch gibt? Die darf man doch nicht mit den Rechten in einen Topf werfen! Und die Jungen? Was ist mit den Jungen, die noch gar nicht auf der Welt waren, als die SED-Diktatur zusammenbrach?"

Genau hier liegt die Crux: Noch bevor man das Problem überhaupt zur Kenntnis nimmt, wird schon vorsorglich relativiert und abgewiegelt, beschönigt und entgegnet. Der Sachse und seine Sympathisanten sind da gnadenlos solidarisch. Leider an der falschen Stelle.

Dass es auch in Bayern moderne und tolerante Menschen gibt und schon immer gab, hat uns nie davon abgehalten, diese entsetzlich reaktionäre Provinzialität zu kritisieren, die so nur in Bayern existiert, hat uns nie abgehalten, die unsagbar spießige Unkultur der Lederhosen und Maßkrüge zu verspotten, die Machenschaften des Waffenschiebers Strauß und seiner Amigo-Partei anzuprangern.

Den Anti-Bayern in Bayern war das recht. Die lieferten meist die besten Argumente gegen die Bayern. Wo aber sind die Anti-Sachsen in Sachsen? Die scheint es nicht zu geben. Obwohl man unter dem Sachsentum leidet wie ein Hund, wird es beschönigt, bemäntelt, verteidigt. Zeigt ein Nicht-Sachse auf sächsische Nazis, ist man beleidigt in Sachsen.

An brennenden Häusern und drangsalierten Menschen aber, an Rassismus und Faschismus gibt es nichts zu beschönigen, am allerwenigsten mit der Phrase, dass es auch woanders Nazis gebe. Wohl wahr. Jetzt aber geht es gerade um die Nazis in Sachsen. Wenn das nicht gesagt werden darf, bleibt wohl wirklich nur der Mauerbau.

01:56 23.02.2016
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

Kommentare 5