Der Letzte macht das Radio aus

Mittelwelle Die Mittelwelle ist tod. Wir hören nur noch rauschfrei und digital. Doch funktioniert das auch noch, wenn es brennt und knistert?
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Eine Ära geht zu Ende, wenn am 31.12. die letzten Mittelwellensender in Deutschland abgeschaltet werden. Für viele Liebhaber analoger Radiotechnik ein denkwürdiges Ereignis, denn nun ist der Übergang in das digitale Zeitalter unwiderruflich vollzogen. Kein Knistern mehr und Rauschen, kein Pfeifen mehr und keine Lautstärkeschwankungen. Und doch: Nicht Wenige schauen wehmütig zurück auf dieses große Kapitel Radio, wie wir aus Ihren Reaktionen und Zuschriften wissen. Grund genug, der MW im Rahmen eines Programmschwerpunkts die Referenz zu erweisen. (->)

So hört(e) man auf Mittelwelle an der University of Twente den entfernten Sendern zu:

  • Braunschweig 247km
  • Hausweiler 382km
  • Neumünster 291km
  • Nordkirchen 70km
  • Ravensburg 530km
  • Thurnau 397km

Ich erinnere mich gut an das alte Küchenradio (natürlich Röhrentechnik!), was bei den Großeltern oft lief. Der Zeiger stand nur auf einem Sender. Mittelwelle. Deutschlandfunk.

Eine Betrachtung aus dem Heise-Forum: (Nutzer Fliegeruhr)
http://kyf.net/freitag/rotdummy445.gifSeit längerem forcieren alle ARD-Sender Deutschlands die Abschaltungen der analogen Mittel-und Kurzwellenaussendungen. Das neue DAB bzw. DAB+ verspricht lt. deren Argumenation besseren Audioklang, Zusatzinformationen und z.B. lt. dem Bayerischen Rundfunk Stromkostenersparnisse von rd. 300.000 Euro jährlich, welche für die bisherigen Mittelwellenaussendungen anfallen.
Bei genauerer Betrachtungsweise jedoch offenbart sich, dass viele versprochene Verbesserungen durch DAB und DAB+ Einführungen letztendlich nicht eingehalten werden können. Da helfen auch die DAB-Lobpreisungen "bester Klang, verfügbare Zusatzinformationen zur Sendung" etc..nicht weiter.
U.a. folgende Punkte sind technisch und fachlich durch DAB-Befürworter, den ARD-Anstalten usw. letzendlich nicht widerlegbar.

1. Um dieselbe Reichweite wie MW-Analogsendungen zu erzielen, bedarf es etlicher DAB-Umsetzer bzw. Sender. Selbst dann, kann von einer faktisch identischen Reichweite wie zu MW-Zeiten keine Rede sein. Dies räumt u.a. auch der BR lt. seiner Pressemitteilung vom 01.09.2015 zumindest indirekt ein.Originalteilzitat:
"95,9 Prozent der Einwohner können DAB+ mobil im Auto sowie außerhalb von Gebäuden empfangen".
Bei MW-Aussendungen sind es sogar rd. 99% INNERHALB der Gebäude.
Sarkastisch angemerkt, dürften intensive Radio-bzw. gezwungenermassen DAB-Nutzer künftig eine gesunde Gesichtsfarbe durch den Zwangsaufenthalt an der frischen Luft mit ihren DAB-Empfangsgeräten aufweisen.
Dass DAB bzw. DAB+ im Endeffekt erheblich weniger Reichweite und somit weniger Nutzen erbringen, zeigt als weiteres Beispiel von vielen das Vorhaben der Betreiber dt. Küstenfunkstellen. Gemäss hier vorliegender Originalmeldung sendet seit April 2014 die Betreibergesellschaft dt. Küstenfunkstellen DP07 den Seewetterbericht auf dem analogen 49m Kurzwellenband. Gegenteiliges z.Zt. mir nicht bekannt.
Die vorherigen DVB-T-Aussendungen der Seewetterberichte erwiesen sich schon innerhalb der dt. 3Meilenzone reichweitentechnisch als unbrauchbar.
Wären also die DAB-bzw. DAB+ Reichweiten tatsächlich besser und einfacher als bisherige Analogaussendungen auf MW, UKW, usw. empfangbar, wären die AnalogAussendungen der Küstenfunkstellen-Betreibergesellschaft nicht erforderlich.
Vielmehr zeigte sich nicht unerwartet, dass selbst in Küstengewässern innerhalb der dt. 3Meilenzone DAB-Aussendungen schlicht unbrauchbar sind!

2. Desgleichen erweisen sich die erhofften Stromkostenspareffekte durch die DAB-Einführung, letzendlich als Milchmädchenrechnung. Ein MW-Sender verursacht lt. BR 300.000€ jährliche Stromkosten. Dass rd. 37 bis jetzt in Betrieb genomme DAB-Sender - weitere sollen noch folgen - die erhofften Einspareffekte bringen, darf bezweifelt werden. Jeder einzelne DAB-Sender hat zwar weniger Sendeleistung und somit weniger Strombedarf als ein analoger MW-Sender an sich, aber "die Masse machts".
Somit wird rechnerisch gesehen letztendlich kein tatsächlicher Stromspareffekt erzielt.
Erzielen die ARD und kooperative Sender z.B. wegen der MW-Abschaltungen wider Erwarten tatsächliche Überschüsse, wäre im direkten Gegenzug u.a. die bisherige Höhe der "Haushaltsabgabe" ehem. GEZ-Gebühr infrage zu stellen. Anderenfalls stellt sich desgl. die rechtl. fragwürdige Übervorteilung der "zwangsweisen Gebührenzahler".
Ungeachtet dessen gibt es u.a. diese Risiken zulasten der Bevölkerung:

3. Information der Bevölkerung in Not-und Katastrophenfällen durch DAB bzw. DAB+:
Lt. vorliegenden Infos handelt es sich bei allen DAB-Aussendungen um Netzwerksysteme. Wie fragil und störungsanfällig diese selbst in Friedenszeiten sind, hat vermutlich Jeder schon selbst bei z.B. Internetzugangsstörungen, Handynetzausfällen etc..erleben dürfen:
Es funktionierte alles entweder nur stark eingeschränkt oder überhaupt nicht. Nicht anders wird es künftig bei DAB-Aussendungen laufen.
Wie soll bei Nichtverfügbarkeit des DAB-Rundfunks die Bevölkerung z.B. über Notfallpläne, Evakuierungsmassnahmen etc.. informiert werden? Bei den bisherigen Analogrundfunksendungen über UKW, MW und KW stellte dies kein Problem dar.

Anders gesagt:
Wer flächendeckend die Bevölkerung mit einem Schlag von fast allen Informationsquellen abschneiden will, der sabotiert relativ leicht die Internetzugänge und Mobilfunknetze. Dieses ist z.B. per Man in the middle Angriff, per "Flutangriff" (flooding) wobei Hacker derart viele Webanfragen lancieren, bis unter der Last zumindest Teile des Netzes zusammenbrechen, schon sehr wirksam gemacht worden.
Auch ist es für fachkundige Saboteure kein grosses Problem, faktisch alle Mobilfunknetze flächendeckend lahmzulegen.
Anders gesagt sind Internet und Mobilfunknetze im Vergleich bisheriger Analog-bzw. Rundfunkverbreitungswege erheblich leichter und mit weniger Aufwand gleich flächendeckend lahmzulegen.

U.a. die Folgen für die Bevölkerung:

a) keinerlei Kommunikation mehr zu Behörden, Notrufeinrichtungen usw.
b) keinerlei Rundfunkversorgung und somit keine Infos über ggfs. eingeleitete Rettungsmassnahmen durch Behörden und Hilfsorganisationen.

Die praktischen Ausfallfolgen der "vielgelobten" Digitaltechnik waren z.B. am 4. Dez. 2015 für mehrere 100.000 Telekomkunden deutschlandweit spürbar.

EIN EINZIGER Zugangsserver-Ausfall sorgte für einen vielstündigen Ausfall von Festnetztelefonen, Internetzugängen und TV-Programmen. Ähnliches ist m.E. auch zukünftig incl. aller daraus resultierenden Konsequenzen zu erwarten. Wobei dieses nicht nur Telekom-sondern faktisch alle Provider gilt.

Schon deshalb verbietet sich u.a.

a) der generelle Gedanke an eine Abschaltung des netzwerkunabhängigen terrestischen Rundfunks und
b) dessen weitere Digitalisierung sondern vielmehr Beibehaltung bzw. Rückkehr zum Analogrundfunk.

Künftig sind wohl Meldereiter unterwegs, welche die Bevölkerung bei Not-und Katastrophenfällen und deshalb ausgefallenen DAB-Sendeketten über die aktuelle Lage und behördliche Massnahmen informieren. Auf evtl. kommende Stellenausschreibungen für pferdeerfahrene sattelfeste und kommunikativ begabte Bewerber darf man gespannt sein.

4. Der aufmerksame Beobachter kommt nicht um den Eindruck, dass DAB, DAB+ und div. andere Digitalfunkbetriebssysteme (so auch der BOS-Digitalfunk) keinem anderen Zweck dienen, wenigen Lobbyisten enorme Profite einzuspielen, als eine tatsächliche Verbesserung der Rundfunklandschaft zugunsten Aller.
Sarkastisch bemerkt, wird der Rundfunkhörer und Zahler der "Haushaltsabgabe" künftig eines vermissen: Das Blaue vom Himmel, was Lobbyisten zur Durchsetzung ihrer Vorhaben der Politik und Bevölkerung versprochen und gelogen haben...
http://kyf.net/freitag/rotdummy445.gifNun sind bald alle Mittelwellensender abgeschaltet, die Türme gesprengt... Zu spät, um nur noch Smartphones mit einem MW-Empfangsmodul (+5€) verkaufen zu lassen, Notfrequenzen für die Information der Bevölkerung zu schalten... Wir haben DAB+ und hören das Rauschen.

http://kyf.net/freitag/utb.php?d=21.12.2015

09:14 21.12.2015
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Geschrieben von

Gustlik

aufgedacht und nachgeschrieben
Gustlik

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