Tussiherrschaft

Bei diesem Beitrag handelt es sich um ein Blog aus der Freitag-Community

Der Hörspielfreund hat wieder einmal zu später Stunde vor den Lautsprechern gehockt, denn beim WDR gibt es eine Reihe mit dem denglischen Titel „open: WortLaut“, die neuere Literatur vorstellt. Und letztere kann natürlich nur von Jungen AutorInnen bis 25 Jahren kommen. Der schon etwas bejahrte Prenzelberger Autor A. N. H. darf dort öfter mal eine(n) Vorzeige-Jungendliche(n) vorstellen. Jüngst warb er in seinem Blog für eine Sendung: „Im land da wo wir blutrot sind“. Eine Zusammenstellung von Gedichten und Geschichten der ostdeutschen Autorin Daniela Danz würde den geneigten Leser erwarten. Die Dichterin residiere in Halle an der Saale, wo der Osten noch blutrot sei, animalisch und brühwarm mit Körperflüssigkeiten herumsplattere. Auf WDR 3 durfte ich es dann nach 23.00 Uhr hören: zum Einstieg Dichterinnengestammel, schlecht Aufgesagtes, umrahmt von sentimentalen Akkordeonklängen. Jaja, der ostische Mensch, eine tiefe Seele hat er! 1989 war die Danz 13 Jahre alt, wurde trotzdem in eine tiefe, sieben Jahre andauernde Krise gestürzt. Jetzt denkt sie über den Osten an sich nach: "Man hört die Regenvögel schlagen. Es sind tiefe traurige Vögel, die schon vor Jahren ihren Ort verloren haben; man sieht sie nie, man hört sie nur", trägt die Dichterin vor. Haben die Tierchen in der Mitte eine Vertiefung? Die gefiederten Sänger haben also "schon vor Jahren ihren Ort verloren" und im Fundbüro ist er auch nicht abgegeben worden?

Interessant auch, was Autor H. in seinem Blog über die Entstehung der Sendung schreibt: über diese gebührenfinanzierte Altersdiskriminierung herrscht in Köln die Redakteurin I. W., anscheinend eine grausame Tussi, die sich nur nebelhaft über ihre Erwartungen an das Hörstück äußert. Autor H. lädt die Dichterin D. ein, lässt sie und einige Schauspieler lesen und schneidet alles mit dem kostenlosen Programm Audacity, brennt es auf CD und schickt es der Redakteurin. Die hört es und äußert sich unzufrieden. H. übt zerknirscht Selbstkritik und schneidet alles noch einmal. Gestern Abend war es zu hören: zwischen gefühlten zwei Stunden Akkordeongewimmer geht es ums Arabische Meer, Euphrat, Tigris, Bosporus, Donau, Moldau, Elbe, Saale, Unstrut und Helme. Reichlich namedropping antikisierenden Bildungsgutes, dazu rauscht ständig das Meer wie eine kaputte Klospülung. Dichterin D. verbreitet Urlaubsstimmung und der Akkordeonspieler wird auch immer melancholischer: der ostische Mensch arbeitet sich an Europa ab - dabei hat er seinen letzten Beitrag zum Geschäftserfolg der Marke Europa geleistet, als Jason und Co. das räudige Widderfell aus Kolchis weggeschleppt haben. Ostdeutsche Wirklichkeit erreicht die öffentlich-rechtlich-zwangsfinanzierten Medien anscheinend nur noch über eine dreifache Filterung: grausame Obertussi im Westen, prekarisierter Billigproduzent auf dem Schicki-Micky-Prenzelberg und gecastetes Naivchen aus den Urwäldern Thüringens.

Sieben Stunden später sitze ich wirklich in Halle an der Saale, in einer Maßnahme der „ARGE SGB II GmbH“. Im Arbeitsraum hocken mit mir noch weitere 19 „Müllmenschen“, erstellen eine „Müllfibel“, die ferkelige Ossis zum ordentlichen Mülltrennen animieren soll. Zitat eines Teilnehmers: „Produzieren dürfen wir nichts, aber mit unserem Kot spielen.“ Soziologen schreiben längst vom abgehängten Prekariat, vom Übergang der Neid- zur Wutgesellschaft. In zwei Nachbargebäuden sind die Büros der örtlichen ARGE untergebracht. Dort arbeiten anscheinend mehrheitlich noch relativ junge Frauen, die sich ganz schrecklich nett und einfühlsam geben. Aber heute streiken die Tussis von der ARGE, schreien für 5 % mehr Entgelt auf dem Riebeckplatz herum und verteilen bereitwillig Einspruchsformulare an „ihre Hartzer“. Im Nebenraum bastelt indes die Arbeitsgruppe „Deutsche Einheit“ Minenfelder und Selbstschussanlagen aus Sperrholz. Ihre Wandzeitungen rühmen Genscher und Kohl: „Lieber Dr. Helmut Kohl, habe Dank und lebe wohl!“, dichtet ein Russlanddeutscher, anscheinend eine besonders tiefe Seele. So siehts nämlich aus im Osten, Mr. Jason!

18:17 05.02.2010
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

hadie

Was die Arbeitnehmer jetzt brauchen, ist ein Rettungsschirm für die Portemonnaies. (Frank Bsirske)
hadie

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