Nackt im Garten

Herkunft In „Welten auseinander“ erzählt Julia Franck meisterlich von ihrer lebenslangen Unbehaustheit

Zu welchem Gegenwartsroman man auch greift, das Wort vom autofiktionalen Erzählen passt fast immer. Autofiktion, wo man hinschaut, als wäre die Fantasie in unserer sorgenvollen Welt ausgetrocknet. Auch zwei andere große Herbstromane bauen auf den Lebensstoff ihrer Autorinnen. Blaue Frau von Antje Rávik Strubel genauso wie Jenny Erpenbecks Kairos (der Freitag 35/2021).

Was ist dagegen zu sagen? Julia Franck sagt in ihrem neuen Roman Welten auseinander zunächst viel dagegen. Als die Ich-Erzählerin, die natürlich Julia heißt, von einer Freundin Frank McCourts Die Asche meiner Mutter als Lektüreempfehlung bekommt, gibt sie das Buch ungelesen zurück. Dabei entwickelt Julia, als die Mutter ihr im Aufnahmelager nach ihrer Ausreise aus der DDR ein Schreibheft schenkt, bald keine größere Leidenschaft, als Tagebuch zu schreiben. Mit zehn ist das Tagebuchfieber ausgebrochen.

Julia Francks neuer Roman ist einem Tagebuch nicht unähnlich und zugleich viel mehr: die Erzählung der Wildnis einer Herkunft, in die sich die deutschen Jahre zwischen 1970 und 1993 eingeschrieben haben. Sie greift zum Autofiktionalen, als sie anerkennt, dass die Geschichten aus dem eigenen Leben Welten auseinanderliegen zu den Geschichten anderer Leben. Was bleibt, ist die Sorge der Autorin, für die eigene Geschichte keine Form zu finden. Sie erweist sich mit zunehmender Lektüre als unbegründet. Aber sie war vorhanden.

Namen über Namen stürzen in den Roman. Es kommt gelegentlich zu einem Satz wie diesem: „In seinem Abschiedsbrief bittet Gottlieb seinen besten Freund Ralf, der später Vater meiner älteren Schwester werden sollte, einen Schock seiner Schwester Anna zu verhindern“. Aber bald wird deutlich, dass es um einzelne Geschichten gar nicht geht, sondern um die Welt, in denen sie geschehen. Statt eine Zentralperspektive zu haben, sind die Bilder multiperspektivisch.

Das Erzählen geht auf das Jahr 1970 zurück. In diesem Jahr werden die Zwillinge geboren. Julia Franck wird auch 1970 geboren, ist auch Zwilling. Sie kommt mit acht Jahren aus der DDR in den Westen. Der Westen fand zunächst im Notaufnahmelager Marienfelde statt, alles andere als in Freiheit, sondern in Enge und Mangel. Der Leser, der ihre Romane Lagerfeuer und Rücken an Rücken kennt, wird sich im Lebensstoff der Autorin zurechtfinden.

Barfuß in die Stadt

Der Umzug in eine ausgewohnte Bauernkate oben am Nord-Ostsee-Kanal bringt keine wirkliche Erlösung vom Lagerleben. Das Leben dort ist mehr ein Hausen, denn die Mutter – im Osten bis zum Ausreiseantrag Schauspielerin – entwickelt Züge eines Messies. Sie hat ihr Leben nicht im Griff. Würden die vier Töchter nicht einspringen, wäre die Katastrophe noch größer. Das aus vielen Puzzlesteinen entstehende Mutterbild ist verstörend und berührend zugleich. Anna richtet ihr Leben in einer Wildnis ein, die sie kennt aus Künstlerkreisen in der DDR. Nur nicht anpassen. Im bürgerlichen Umfeld ihres neuen Zuhauses ist es eine Provokation, nackt durch den Garten zu laufen und barfuß in die Stadt zu fahren. Die vier Töchter haben Annas Lebenshunger nicht gestillt, sie verschwindet immer mal in eine Kommune in der Nachbarschaft, und am Ende ist sie mit einem fünften Kind schwanger. Das Verhältnis der erzählenden Tochter zur Mutter ist bald keines mehr, dafür wächst bei der Tochter Ekel. Beide sind schon lange Welten auseinander.

Eine zweite Figur, ähnlich intensiv erzählt wie Anna, ist deren Mutter Inge, Julias Großmutter. Sie lebt im Osten von Berlin, ist – wie die reale Großmutter der Autorin – Bildhauerin. Auch sie eine Frau, die das Leben an sich reißt, aber nicht im Chaos untergeht. Bei Inge hat sich das deutsch-jüdisch assimilierte und säkulare Bildungsbürgertum der Weimarer Republik mit linken Idealen gemischt. Inge besitzt ein Netz aus Freunden und Verwandten in verschiedenen Sprachen und Ländern, ein Reetdachhaus in Ahrenshoop an der Ostsee, und sie weiß ausnehmend gut zu kochen und zu essen. Tochter Anna ist ihr Gegenbild. Beide Frauen prägen den Roman.

Mit einem ähnlich abenteuerlichen Leben kann Stephan vom Lietzensee aus West-Berlin nicht mithalten. Auch in der Beziehung von Julia und Stephan wird das Motiv von den Welten, die weit auseinanderliegen, deutlich erkennbar. Julia will ihre mit der Stephan-Welt verbinden. Für ihn erzählt sie von Anfang an. Sie porträtiert eine DDR jener Widersprüche, die ihrem Geliebten fremd sind. Stephan hatte angenommen, „alle in der DDR seien Kommunisten, die sich selbst eingesperrt hatten – es sei denn, sie waren in den fünfziger Jahren geflohen“. Die Geschichten dieser Menschen, die sich liebten, aber nie verheiratet waren, Leben zur Form der Kunst erhoben, deren Hunger auf Freiheit nur Ausreise zuließ, werden zu einer Gegenwelt verdichtet. Sie wird nicht in polemischer Weise zu heutigen Einheits-Enttäuschungen in Stellung gebracht. Es wird nicht versucht, offene Ost-West-Rechnungen aufzumachen. Nur nebenbei erfährt man von Julias Scham, in der Waldorfschule ihre Herkunft aus der DDR preiszugeben. Die Ästhetik der erzählten Bilder ähnelt der von Annie Leibovitz, auf die im Roman ein Seitenblick fällt: kein Voyeurismus, keine Pose oder Inszenierung. Wenn es bei Julia Franck bewundernd über die Leibovitz heißt: „Die Fotografin war Teil der Intimität, die ihre Bilder sichtbar machten“, dann versucht die Autorin dem Prinzip zu folgen.

Diesen literarischen Herbst prägen drei außergewöhnliche Romane von Frauen, in deren Leben noch die DDR steckt, und die ohne Bekehrungsgedanken sagen, was war, weil sie interessiert, was ist. Julia Franck legt den Roman zehn Jahre nach ihrem letzten vor. Die lange Zeit zum Bedenken hat keine schwere Sprache geschaffen. Schwer wiegt die Tragik der Ereignisse. Stephan, der Geliebte, stirbt bei einem Unfall mit dem Rad. Als Leser war mir der Tod einer Romanfigur selten so nahe. Dabei war Stephan ein Stück Projektionsfläche für Julias Leben und eine Ewigkeit entfernt. Für die allein Zurückgelassene steht die innere Zeit auf einmal still. Wie dieser Vorgang Sprache wird, bewegt. Kurz vor Romanende findet Julia aus der Totenstarre: „Um mir nicht das Leben zu nehmen, stieg ich im Oktober in ein Flugzeug nach San Francisco.“ Es wird keine Flucht vor dem Elend des Lebens, nur ein kleiner Raumgewinn. Ein Satz, sachlich und unpathetisch, fast wie zu Protokoll gegeben. Vieles am neuen Roman von Julia Franck lässt staunen.

Welten auseinander Julia Franck S. Fischer Verlag 2021, 368 S., 23 €

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