Romeo und Julia im Sakralbau

Bühne Anna Horn und die Rheinischen Rebellen stellen die Zehn Gebote erneut auf den Prüfstand. Diesmal dient Shakespeares bekannteste Liebestragödie als Vorlage
Ausgabe 15/2013

Sie nennen sich „Rheinische Rebellen“ nach einem Stück von Arnolt Bronnen aus dem Jahr 1925. Das klingt nach Widerstand, nach Protest, nach Aufbegehren. Doch wir sind in Köln, und da gehört das Rebellische eher zu den Soft Skills. Und so verbirgt sich hinter diesem Namen der Jugendclub des Schauspiels Köln, der unter der Leitung von Anna Horn pro Spielzeit ein bis zwei Inszenierungen herausbringt. Bereits Anfang des Jahres befragten die Jugendlichen die Zehn Gebote auf ihre Aktualität. Jetzt folgte mit Ich bin der Herr dein Gott die Fortsetzung, die den ethischen Dekalog mit Motiven aus Shakespeares Romeo und Julia verquickt.

Die Veroneser Jugendbanden sind von martialischer Art. Jungs in schwarzen Overalls vollführen Kampfspiele und reißen zotige Witze. Die jungen Frauen trampeln wütend herum. Außerdem prägen dunkle Vorgänge diese Gesellschaft: Ein Priester zelebriert mit einem Paar ein Trunkritual an einem Altar, der mit Stofftieren, einem roten Herz und einer großen Pferdeattrappe geschmückt ist. In dieser Welt treffen die beiden Liebenden, die hier Paolo (Fabian Ringel) und Giorgia (Iman Tekle) heißen, zur berühmten Balkonszene zusammen. Die Verse werden in Mikros gesprochen, das Paar ist als Filmprojektion zu sehen – die große Liebesszene im Bann ihrer technischen Reproduzierbarkeit. Aus einer Trauung mit einem wild tanzenden Priester (Faraz Shariat) im grünen Tüllgewand entwickelt sich ein Gemetzel, bei dem Paolo die junge Alessia ersticht, die hier offenbar die Stelle von Shakespeares Thybalt einnimmt. Die Trauer wird in einer großen Totenfeier mit sich stapelnden Leichen ausgespielt; dann tritt Paolo seinen Weg in die Verbannung an.

Der Mix von Shakespeare-Motiven und eigenen Szenen entwickelt sich assoziativ, das verleiht dem Abend etwas Spielerisches, lässt den Zuschauer aber gelegentlich die Orientierung verlieren, etwa wenn zunächst Paolo die junge Alessia heiraten soll und später Giorgia eine Frau namens Alice. Die Koppelung mit den christlichen Gebotstexten, die wie ein Motto den Szenen vorangestellt werden, überzeugt nicht – sie wirken wie ein willkürlich aufgeklebtes moralinsaures Etikett.

Gespielt wird in St. Gertrud, einer der großen Beton-Kirchen von Gottfried Böhm aus den sechziger Jahren. Die polygonale Anlage des Baus ermöglicht eine Rundumbespielung. Das Publikum sitzt auf Podesten in einem schwarzen Kabinett (Bühne: Tobias Flemming), in dem sich immer wieder Türen und Fenster öffnen und den Blick freigeben in den Kirchenraum. Regisseurin Anna Horn nutzt diesen Raum für ausgedehnte Tanzszenen, die die jungen Darsteller angesichts der schwierigen Akustik textlich entlasten. Es wird mit den Klischees geschlechtsspezifischer Gestik gespielt, bei den Männern die ironisch zitierten Denker- und oder Marschtritte, die jungen Frauen lassen dagegen die Haare fliegen oder deuten Ballettbewegungen an. Bollywood lebt in der Hochzeitsszene auf, archaisch dagegen wirken die Trauerrituale. Am Ende mündet der Abend dann vollends in die Shakespeare-Spur: der Betäubungs-Rat des Pater Lorenzo von der Kanzel herab, der Brief und schließlich die Todesszene mit einem ergreifend-pathetischen Lamento Giorgias – ein letztlich durchaus eigenständiger Zugriff der Rebellen auf die größte Liebesgeschichte der Weltliteratur.

Ich bin der Herr dein Gott St. Gertrud, Köln.
Termine unter schauspielköln.de

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