Hans Hütt
Ausgabe 0216 | 14.01.2016 | 06:00 4

Sterbehilfe für Stereotype

Integration Vor 40 Jahren erschien Tahar Ben Jellouns Studie über die Nöte nordafrikanischer Migranten. Sie ist von höchster Aktualität

Mitte der 70er Jahre veröffentlichte Tahar Ben Jelloun seine Dissertation. Darin erörterte der heute vielleicht bekannteste, vielfach preisgekrönte nordafrikanische Schriftsteller die sexuellen Nöte der maghrebinischen Arbeitsimmigranten in Frankreich. Die deutsche Übersetzung der Studie erschien erstmals 1986, zehn Jahre später, unter dem Titel Die tiefste der Einsamkeiten im Verlag Stroemfeld / Roter Stern.

Die Weitsicht dieses Buchs ist 40 Jahre nach seiner ersten Publikation atemberaubend. Die deutsche Ausgabe erschien übrigens in einer Studienreihe des Deutschen Jugendinstituts zu Problemen von Emigration. Sie sollte zur Grundlagenliteratur für alle Leute und Dienststellen gehören, die über Integrationspolitik nachdenken. In nuce enthält sie auch Gegengift gegen den Dschihadismus.

Dabei dekonstruiert sie einen Denkfehler der aktuellen Integrationsdiskurse. Diese Diskurse abstrahieren von den leibhaftigen Menschen und reduzieren ihre unantastbare Würde auf eine Anpassungsleistung. So unterschlagen sie, was die Menschen in Deutschland von den Geflüchteten lernen können: die offene Gesellschaft als gelebtes Prinzip zu verstehen.

Tahar Ben Jelloun schreibt: „Seit langem hält sich das Gerücht, dass die Schwarzen und die Araber über eine besondere sexuelle Potenz verfügen. Der Europäer erfährt sie deshalb als Herausforderung an seine eigene Männlichkeit. Damit hat der Haß seinen sichersten Weg gefunden. Doch im gleichen Moment, da die rassistische Presse diesen Haß schürt, spricht sie den von weit hergekommenen Männern das Recht auf Gefühle und Wünsche ab. Man verpflanzt Menschen, man trennt sie vom Leben ab, um ihre Arbeitskraft besser herauspressen zu können, doch man versucht auch, ihre Erinnerung auszulöschen und ihr Werden als begehrende Subjekte zu unterbinden.“– So also kann eine Studie von 1976 den Nerv im zeitgenössischen Rassismus eines AfD-Politikers bloßlegen. Ich gebe zu, dass dieser Zugriff irritiert. Aber genau darum geht es: in die Unordnung der Kölner Ereignisse, ihrer bisher unzureichenden Aufklärung und damit verbundener Diskurse etwas Provozierendes einzuführen, das dem Denken dient.

Aus der Pariser Klinik

Anfang der 70er Jahre arbeitet Ben Jelloun in einer Pariser Sozialklinik für maghrebinische Arbeitsimmigranten. Seine Studie verarbeitet ihre Hilfesuche als Zeugenaussagen und Erfahrungsberichte. „Es ist schwierig, die Not zu ermessen, in der die Immigranten leben müssen, zumal Probleme der Sexualität nicht nur sie betreffen. Also stellt man keine Fragen.“ Der Immigrant „gilt als rohe Arbeitskraft, ohne Herz, ohne Geschlecht, ohne Wünsche und ohne Familie, kurz kaum als Mensch. Paradox ist nur, dass die rassistische Presse gleichzeitig eine ständige sexuelle Gefahr für die friedvolle französische Familie beschwört.“

Die Methodik ist so einfach wie ertragreich: „Es geht darum dazusein, wenn er beschlossen hat zu reden, wenn er nicht mehr anders kann als sich mitteilen, weil er die Not nicht mehr erträgt. Ich nenne solche Situationen Grenzsituationen.“

Der Gegenstand der Untersuchung sind die psychischen Probleme der Immigranten in ihrem sozialen, kulturellen und politischen Umfeld. Der Therapeut trifft auf Menschen, deren Anpassungsprobleme durch wertkonservative Strömungen in ihren Herkunftsländern umso größer werden. Er sieht nicht das Gastland verantwortlich für die affektiven und sexuellen Störungen. Aber diese spiegeln den Zustand beider Gesellschaften, der nordafrikanischen wie der französischen. Er bietet seinen Klienten eine kontrollierte und unsicher nach Halt suchende analytische Psychotherapie an.

Ihr Ausgangspunkt sind Männlichkeitskonstruktionen einer patriarchalen Tradition. Nicht die Biologie, sondern diese Tradition formt sexuelle Potenz als Ausdruck und Bekräftigung der Macht. Konfrontiert mit ihrer faktischen Ohnmacht in der Aufnahmegesellschaft entwickeln manche Emigranten – mit einer Latenz von bis zu 20 Jahren – eine zumeist psychisch begründete Episode von Impotenz. Die meisten Klienten sind außerstande, die Wirklichkeit seelischer Störungen anzuerkennen. Sie finden auf dem Umweg über medizinische Therapien den Weg in die Sozialklinik.

Viele rationalisieren ihre Impotenz als organische Störung, setzen auf Spritzen und Operationen – oder provozieren Arbeitsunfälle. Tahar Ben Jelloun bringt sie zum Reden. Endlich hört ihnen einer zu, nimmt ihre Probleme ernst und stellt ihre Rationalisierung auf die Probe. „Ich bin wie ein Auto, wie ein Mercedes, aber ohne Motor … Frankreich ist eine Mutter ohne Herz … Früher gab ich fünf bis sieben Schüsse pro Nacht ab, heute schaffe ich mit Mühe zwei …“

Impotenz erleben sie als Verlust des sozialen Status, ihrer Daseinsberechtigung und Macht als Mann. Konfrontiert mit der aus ihrer Sicht permissiven europäischen Gesellschaft, die ihnen keinen manifesten Vorrang als Mann zuerkennt, betrachten sie europäische Frauen als Freiwild, als Teil einer Zivilisation, die technisch fortschrittlich, in den Sitten jedoch rückschrittlich ist. Die neue Heimat wird erfahren als Rabenmutter. „Und so antworten manche Immigranten auf ihre physische und psychische Einsamkeit, auf ein ganzes System der Ausbeutung und Entfremdung mit einem Arbeitsunfall (…) Man kann den Arbeitsunfall auf symbolischer Ebene als den Beginn einer ‚passiven Revolte‘ deuten, die über den eigenen Körper geht: eine symbolische Verstümmelung.“

Sie erleben diesen Vorgang als symbolischen Tod, einen Tod, der in ihrem Körper sitzt, und lehnen ihn zugleich ab. „So überleben sie in einer Art Status quo zwischen Leben und Tod. Diese Resignation überläßt den Körper dem Himmel und mündet in die ‚islamische Hoffnung‘. Die Patienten ergeben sich einem Schuldgefühl, wie es einer gewissen Vorstellung von Sünde entspricht.“

Um keinen Preis der Welt darf die Mutter erfahren, woran der Sohn leidet. Sie brächte sich um mit einem Dolch im Leibe. So artikulieren Ben Jellouns Klienten ihre Kastrationsangst. Solche Konstruktionen der Geschlechterverhältnisse ermöglichen keine Heilung. Die liegt in der Verantwortung des Klienten selbst, nicht als Wiederherstellung des Status quo ante.

„Im Moment, da man kapituliert, geschieht etwas: der impotente Mann geht, glücklich oder doch beinahe; seine Impotenz zurückgewonnen, sein Begehren wieder in den eigenen Händen, seinen Wahn im Körper und im Traum. Er geht, all diese Mängel in sich. Er ist selber zur Abwesenheit von Welt und Lebewesen geworden. Er kann ohne Furcht zu sich heimkehren. Sein Tod ist vollzogen. Er wohnt in ihm. Der Mann lebt mit dem Tod (…) Sein Weggehen braucht nicht endgültig zu sein. Er mag zum Psychotherapeuten zurückkommen, aus Freundschaft oder aus Spott, selten aus therapeutischen Gründen. Er glaubt an nichts mehr.“

Um die Väter ist es geschehen

Warum ist das Buch heute so interessant? 40 Jahre später liegt die arabische Welt in Trümmern. Der Rückzug der konservativsten Regime auf die Tradition wird ihre Implosion noch verstärken. Heute gibt es mit Potenzpillen und Videochat den pharmazeutischen und medialen Kurzschluss, der existenziellen Erfahrung sexueller Impotenz zu begegnen. Das aber wäre genau das Missverständnis, das Tahar Ben Jellouns Buch auch 40 Jahre später dekonstruiert. Keine Pille, kein Ständer, keine zehn Schüsse die Nacht ändern etwas an der Erfahrung persönlicher Ohnmacht im sozialen Konflikt zwischen Herkunfts- und Aufnahmegesellschaft.

Die Vorfälle in der Silvesternacht auf der Kölner Domplatte bezeugt sie. Darauf muss man erst mal kommen, dass die Übergriffe auf Frauen, die Macht einer Männerhorde, die individuelle sozial konstruierte Impotenz ihrer Mitglieder maskiert. Das Strafrecht kann und wird die Vergehen ahnden, den zugrundeliegenden Sachverhalt aber auch verfehlen. Die Zuflucht unter die schwarzen Fahnen des Islamischen Staats ist der letzte Kurzschluss auf der Flucht vor dem symbolischen Tod, den diese jungen Männer in sich selbst erleben und (noch) nicht verstehen. Die nächste Revolution der arabischen Welt liegt deshalb in den Händen ihrer Frauen. Nur sie können sich selbst und ihre Söhne befreien. Um die Väter ist es geschehen. Dazu wiederum hat der Algerier Rachid Boudjedra 1969 mit dem Roman Die Verstoßung die Blaupause geschrieben.

Info

Die tiefste der Einsamkeiten: das emotionale und sexuelle Elend der nordafrikanischen Immigranten Tahar Ben Jelloun Stroemfeld 1988, 171 S., 5 €

Hans Hütt ist freier Kritiker, 2014 erhielt er den Michael-Althen-Preis für Kritik

Dieser Beitrag erschien in Ausgabe 02/16.

Kommentare (4)

bbriele 17.01.2016 | 19:12

Sehr geehrter Herr Hütt,

man muss sich als regelmäßiger Freitag-Leser - der kritische, links-intellektuelle Sichtweisen durchaus schätzt - schon wundern, was für ein cruder Nonsense hier gelegentlich publiziert wird.

Und die aus Ihrer Sicht einfühlsame Rezeption der Dissertation von Tahar Ben Jelloun, in welcher jener die (vor allem sexuellen) Nöte nordafrikanischer Männer in der französischen Fremde zu erklären sucht, ist wohl eher Wasser auf die Mühlen aller Fremdenhasser in Deutschland und Fraankreich, genau so wie der in der Ausgabe 01/2016 des Freitag veröffentliche, absolut unsägliche Kommentar von Frau Antje Schrupp anlässlich der Erignisse in der Kölner Silvesternacht.

Jeder, der sich in die Fremde begibt, um Krieg, Armut oder Arbeitslosigkeit zu entrinnen und um seine Familie (oder vielleicht auch nur sich selbst) zu versorgen, ist ein "Reisender" und damit irgendwo auch ein "Fremder". Insofern unterscheidet sich der Fernfahrer aus dem Bayerischen Wald , der an sechs Tagen der Woche irgendwo in Europa unterwegs ist gar nicht so sehr von dem "Arbeitsmigranten" aus Nordafrika. Und die Angst vor "Impotenz" (die ja immer mit einer gewissen Erosion des männlichen Selbstwertgefühls einhergeht - und zwar unabhängig vom jeweiligen angestammten Kulturkreis) und einer zerrütteten Ehe - gibt es ganz sicher millionenfach auch bei deutschen Männern.

Welche Konsequenzen leiten denn Sie aus der Rezeption dieser albernen Dissertation ("Korrelation von täglicher Ejakulationshäufigkeit, männlichem Selbstwertgefühl und gefühltem sozialem Status" oder so ähnlich...) nun bitteschön ab, außer pauschale und damit unhaltbare Vorwürfe der aufnehmenden Gesellschaften gegenüber auszusprechen ? Sollen den notleidenden, immigrierenden Männern irgendwelche stimulierende Hilfsmittel zur Verfügung gestelllt werden ? Bitte halten Sie mich nicht für einen dumpfen Fremdenhasser: Dass es für diese jungen Männer schwierig ist- gar keine Frage - und das ist sicher auch keine Rechtfertigung für eine ebenso pauschalisierende Ablehnung dieser Menschen. Aber wenn ich mich als halbwegs erwachsener Mann auf eine lange Reise in ein fremdes Land begebe, dann weiss ich , dass es wahrscheinlich eine beschwerliche und entbehrungsreiche sein wird. Die Lösung kann ja auch hier nur "Integration" mit Familiennachzug heißen. Das wirft nun letzlich aber auch ein eher kritisches Licht auf die derzeitige Immigration von überwiegend allein ankommenden jungen Männern aus diesem Kulturkreis...

Ich würde mir wünschen, dass der Freitag künftig wieder etwas mehr auf das Niveau seiner verfassten Artikel achtet und solche extrem albernen Positionen aufgibt, welche für den öffentlichen Diskurs absolut kontraproduktiv sind !

philipp9x 23.01.2016 | 04:15

Der Immigrant „gilt als rohe Arbeitskraft, ohne Herz, ohne Geschlecht, ohne Wünsche und ohne Familie, kurz kaum als Mensch.

Paradox ist nur, dass die rassistische Presse gleichzeitig eine ständige sexuelle Gefahr für die friedvolle französische Familie beschwört.“

So war es in den 1970er Jahren. Die Übersetzung dieses Buchs erschien noch vor dem Mauerfall. Sind wir heute besser aufgeklärt? Oder sind wir krasser verhetzt als damals? Haben wir die nötige Neugier auf das Andere und Fremde, das gerade die Sexualität (auch in uns selbst) bedeutet?