KOBANE CALLING

Dokumentarcomic Zerocalcares Dokumentarcomic über Kurdistan und Islamischer Staat als westliche Projektionsflächen sowie Linsensuppe zum Frühstück
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Kobanê – eine Grenzstadt zwischen Gut und Böse

Ein leerer Signifikant, so der argentinische Philosoph und Politikwissenschaftler Ernesto Laclau, ist ein Zeichen dem seine Bedeutungsseite abhanden gekommen ist. Mithilfe eines solchen seiner spezifischen Bedeutung entleerten und so das Allgemeine repräsentierenden Zeichens lässt sich erklären, wie es möglich ist, dass sich unterschiedliche Individuen und kleinere Gruppen mit teils widerstreitenden Interessen dennoch zu einer kollektiven Identität zusammenschließen können. Begriffe wie »Ordnung«, »Gerechtigkeit« oder »Sicherheit« können im politischen Diskurs leere Signifikanten sein: Jeder versteht etwas anderes darunter; aber es sagt gerade noch so viel aus, dass man sich darauf als kleinsten gemeinsamen Nenner verständigen kann. Womit es zugleich als Symbol einer (eigentlich nicht gegebenen) Einheit angenommen wird.

Auch »Kobanê« kann man als solch einen leeren Signifikanten auffassen. Seiner eigentlichen bzw. ursprünglichen Bedeutung (= überwiegend von Kurden bewohnte Hauptstadt des Distrikts Ain al-Arab im Gouvernement Aleppo in Syrien) entkleidet, steht er mittlerweile synonym für den Kampf der syrisch-kurdischen Milizen (YPG/YPJ) gegen den Islamischen Staat. Deren Kämpfer*Innen erhielten 2014/15 große internationale Aufmerksamkeit, weil sie im allgemeinen Verständnis die Werte von Demokratie und Pluralismus gegen Despotie und Terror verteidigten. Die Kleinstadt Kobanê lag auf einmal auf der Demarkationslinie zwischen Gut und Böse, Richtig und Falsch, Zivilisation und Barbarei; man bangte und hoffte mit deren Einwohnern. Und der türkische Präsident Erdogan, dem eine insgeheime Unterstützung des IS nachgesagt wird, beschwerte sich zu dieser Zeit, dass »alle nur noch von Kobanê reden«.

Ein Comicreporter und seine Motive

Der italienische Comickünstler Zerocalcare, mit bürgerlichem Namen Michel Rech, besuchte seit 2014 mehrmals die kurdische Region(en) dies- und jenseits der türkisch-syrischen Grenze und kam dabei auch dem – damals gerade vom IS besetzten – Kobanê sehr nahe. Die in dem Band KOBANE CALLING zusammengefassten Comicreportagen berichten über seine Reisen, reflektieren seine persönlichen Motive und setzen sich kritisch mit dem westlichen Bild von den kurdischen »Freiheitskämpfer*Innen« einerseits und dem Islamischen Staat als das absolut Böse andererseits auseinander. Der Autor thematisiert dabei auch seine eigene Verwurzelung in der autonomen Szene. Denn gerade für europäische Linke und Linksliberale steht Rojava, die autonome Region Kurdistan in Nordsyrien, für die Versöhnung von islamischen und traditionellen Werten einerseits und pluralistischen wie emanzipatorischen Wertvorstellungen andererseits: Die Gleichstellung und -berechtigung der Geschlechter, Religionsfreiheit und die Abschaffung der Todesstrafe sind dort Bestandteil eines allgemein akzeptierten Gesellschaftsvertrages. Doch wie verhalten sich Anspruch und Wirklichkeit zueinander?

Gute Frage, aber sicher nicht die einzige. Schon auf einer der ersten Seiten wird der Leser mittels einer das Gehirn Zerocalcares durchschneidenden Tortengrafik mit dessen unterschiedlichen, teils widerstrebenden Motivlagen für diesen Reportagecomic konfrontiert. Da finden wir den Wunsch nach Differenzierung der westlichen Sichtweise auf den Konflikt ebenso wie die Unterstützung für die kurdische Sache und das sozialrevolutionäre Experiment von Rojava. Eine leichte narzisstische Störung ist offensichtlich auch beteiligt, und etwas was zunächst dem Unbewussten nicht entrissen werden kann (später aber noch ausgesprochen bzw. sichtbar werden wird).

Wir haben es also mit einer hochkomplexen Gemengelage innerer wie äußerer Faktoren zu tun; das ambitionierte Reportageprojekt scheint eigentlich schon von Beginn an zum Scheitern verurteilt zu sein. In Wirklichkeit tritt aber genau das Gegenteil dessen ein, denn der Comic ist – meiner Meinung nach – zu einem kleinen Meisterwerk geraten. Er steht für das, was das grafische Erzählen leisten kann, wenn es sich auf seine ureigensten Möglichkeiten (zurück-)besinnt.

Am Rande des Wahnsinns

Zunächst einmal steht Zerocalcares comicaler Stil in der Tradition der Undergroundcomix, er hat zumindest deren Sinn für anarchischen Humor und die permanente Infragestellung von Autorität wie Authentizität der Erzählinstanz, wofür die eben angesprochene Tortengrafik schon ein erstes Beispiel abgibt. Der Autor bringt sich immer wieder als unzurechnungsfähigen Chai-Junkie ins Spiel, dem beim Anblick von scharfen Oliven bzw. Linsensuppe zum Frühstück langsam die Nerven durchgehen. Seine imaginären Freunde sind ein Gürteltier und ein Mammut, das sich einen Spaß daraus macht, Zerocalcare immer wieder an ein unbedarft gemachte Äußerung in einem Zeitungsinterview zu seiner Kurdistanreise zu erinnern und ihn damit zu quälen.

Und wie man sich an solchen amüsanten Textstellen zurecht die Schenkel klopft, stößt man auf der nächsten Seite oder dem nächsten Bild wieder auf die grausame Realität des Krieges in Rojava, wird mit den Erinnerungen an Verfolgung, Folter und Mord an kurdischen Aktivisten in der Türkei konfrontiert, an Massaker und ethnische Vertreibungen in Syrien und dem Irak. KOBALLE CALLING erspart einem nichts, geht aber mit der Gewaltdarstellung aber auch nicht exhibitionistisch um. Wie hier Komik und Katastrophen in der Abfolge von Panels und Sequenzen immer wieder brachial aufeinander knallen, ist zu Teil schwer auszuhalten, aber ungeheuer wirkungsvoll.

Notwendige Unbestimmheit

Besonders hervorzuheben ist, wie Zerocalcare das Bild der westlichen Medien von den beteiligten Konfliktparteien als reine Projektion entlarvt. So zeichnet er etwa auf die eine Seite eines geteiltes Panels eine syrische Kämpferin der YPJ (»hübsch, jung, träumt vom Westen: gut«), auf der anderen Seite steht ein PKK-Kämpfer (»Schnauzbart, altmodisch, Döner mit Zwiebeln: böse«). Hier zeigt sich die ganze Wirkungsmacht des leeren Signifikanten »Kobanê«: Es ist eine Chiffre, die aus einem Terroristen eine Freiheitskämpferin machen kann. Beide stehen eigentlich für dieselbe Sache und denselben Kampf; jeder weiß es, doch kaum jemand traut sich, es auszusprechen. Bis auf Zerocalcare, der es als »den großen mesopotamischen Schwindel« bezeichnet. Während er den kurdischen Milizionären – mit denen er explizit sympathisiert, auch über den Kampf gegen den IS hinaus – sehr nahe kommt und so auch die Formen ihrer medialen Repräsentation hinterfragen kann, bleibt der IS für ihn undarstellbar. Und dass nicht nur, weil er deren Kämpfer*Innen nicht zu Gesicht bekommt. Der Zeichner weiß um die Ambiguität des (Comic-)Bildes. Wenn ihm andere von den Gräueltaten der selbsternannten Soldaten des Kalifats berichten oder sich seine Reisegruppe der Frontlinie nähert, spuken sie ihm mal als geisterhafte Schatten, mal als aus dem Dunkeln tretende monströs verzerrte Fratzen im Kopf herum. Hier wird klar, anders als Kobanê bezeichnet der Islamische Staat für Zerocalcare eine unüberschreitbare Grenze (auch hinsichtlich seiner Darstellbarkeit) und wird daher aus dem bildlichen Repräsentationsraum ins Off und ins Reich des horribel Fiktiven verdrängt. Eine solche Grenze zu ziehen ist folgerichtig, es wäre sonst kaum zu vermeiden, auch jene Bilder zu reproduzieren, die der IS zum Zwecke der Legitimierung und Verherrlichung der eigenen Gewalttaten selbst in die Welt aussendet. Wie aber Zerocalcare diese notwendige Unbestimmtheit grafisch umsetzt, scheint in meinen Augen meisterhaft gelungen und wohl auf diese Weise nur im Comic möglich zu sein.

Zerocalcare (Text & Zeichnung): KOBANE CALLING, Avant-Verlag, Berlin 2017; 272 Seiten (schwarzweiß), Hardcover.

ISBN: 978-3-945034-63-7

Link zum Buch (mit Leseprobe): http://www.avant-verlag.de/comic/kobane_calling

12:16 28.08.2017
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

M. Zehe

Promotionsstipendiat der Hans-Böckler-Stiftung; Vorsitzender der Wolgast-Jury (GEW) zur Darstellung der Arbeitswelt in Kinder- und Jugendmedien
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M. Zehe

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