Davos Markt der Selbstkritik ?

Boni - Welt Alljährlich inszenieren sich die Mächtigen im schweizerischen Davos – bisweilen auch mal mit einem Abstecher auf das Feld selbstkritischer Einlassungen
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Wenn Leistungsträger zu Jahresbeginn immer wieder auf dem privat organisierten >Weltwirtschaftsforum< sich vernehmen lassen, dann wollen sie den Puls der Zeit fühlen. Vielleicht auch nur mal verbindlich unverbindlich vorbei schauen, um in der globalen Öffentlichkeit registriert zu werden. In diesem Jahr fordert Klaus Schwab, Betriebswirtschaftler in Genf und Organisator dieses über den engen wirtschaftlichen Tellerrand hinaus schauenden Weltforums, Spitzengehälter der Manager-Kaste zu deckeln. Begründung: Der freie Wildwuchs von Millionen schweren Jahresgehältern und Boni sei >nicht mehr sozial verträglich<. Er wirke in den Gesellschaften der globalisierten Wirtschaft wie ein gefährlicher Sprengsatz.

Schwab hat eine normative Vorstellung von dem, was >sozial verträglich< sein könnte: Ein Vorstandsvorsitzender sollte nicht mehr als das Zwanzig- bis Vierzigfache von dem >verdienen<, was den am schlechtesten bezahlten Arbeitnehmern jeweils in ihren Unternehmen zugestanden wird. Der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung verriet er auch, was er für schädlich hält: Wenn das Gehaltsverhältnis zwischen Chef und Untergebenen 100 zu 1 gestaltet ist.

Wenn wir nun über das wirkliche Gehaltsgefüge deutscher DAX-Unternehmen reden, sollten wir nicht ohne Hintergedanken zunächst nivellierende Durchschnittswerte erwähnen. Jeder kann, um seine persönliche Situation einzuordnen , den nötigen Forscherehrgeiz bemühen und tiefer schürfen, was wir hier bewusst unterlassen. Die 30 DAX-Konzerne schütteten 2011 ihren Vorstandschefs durchschnittlich je 5,1 Mio. Euro, den übrigen Vorständlern 3,1 Mio Euro aus. Das durchschnittliche Jahreseinkommen eines DAX-Angestellten betrug 58 000 Euro. Damit hat der Vorstandschef 88 Mal, der normale Vorständler 54 Mal so viel wie sein Angestellter.

Spekulationen auf den Hunger der Ärmsten

Schauen wir uns die Banken-Branche in dem interessierenden Segment an. 2011 strich Josef Ackermann 9,5 Mio. Euro allein an Arbeitseinkommen ein. Der geringste Tarifjahresverdienst in seinem Hause floss in Höhe von je 26000 Euro in die Gruppe der ebenfalls nicht faulen >Mitarbeiter<, die auf den unsichersten Arbeitsplätzen ausharren. Mithin war das Arbeitseinkommen (Gehalt + Boni, ohne die nicht gezählten Summen aus dem privaten Vermögenseinsatz) des obersten Chefs der Deutschen Bank 365 Mal so groß wie das des einfachen Tarifverdieners.

Interessant an dieser berüchtigten Leistungsbilanz sind ein paar Tatsachen, für die die Top-Manager die Verantwortung haben: Zins-Manipulationen auf internationalen Märkten, Bereicherung am Elend kleiner Immobilienbesitzer in den USA; u Spekulationen auf den Hunger der ärmsten Bevölkerung weltweit; jede Menge gerichtlicher Auseinandersetzungen, wo es immer um Schädigung anderer und Schadenersatz geht. Ihre tendenziell schlechtere Geschäftslage hat die Deutsche Bank durch Rücklagen in Milliardenhöhe absichern müssen. Es kann sich lohnen, Strafen zu zahlen und Schadenersatz zu leisten, um im Markt präsent zu bleiben.

In der Metall- und Elektroindustrie ragt der Siemens-Chef Peter Löscher mit seinen 8,74 Mio. Euro hervor. Auch Siemens tut sich in der globalisierten Welt mit der Konkurrenz so schwer, dass das durch und durch korrupte Netzwerk seit Jahrzehnten immer wieder >Einzelfälle< vor den Schranken der Justiz opfern musste. Da der Jahrestariflohn hier ebenfalls 26 Mille beträgt, bekommt der Vorsitzende 336 Mal mehr als sein tariflich bezahlter Angestellter. Die schmerzlich empfundenen Differenzen mildern sich, betonen die Gewerkschaften, wenn Zulagen die Tarifverdienste erhöhen.

Aus den Durchschnittswerten ergab sich, dass es unter den Top-Managern Groß- und Kleinverdiener gibt, was natürlich alles relativ ist. So kann man dem Eon-Chef Johannes Theissen 4,543, Marijn Dekkers von Bayer 4,487, Heinrich Hiesinger von Thyssen-Krupp 3,52, Martin Winterkorn von VW 16,6 Mio. Euro im Jahr 2011 als Verdienst zuordnen. Ob das Verdiente nun auch verdient ist, über diese Frage streiten die Geister gewöhnlich heftig.

Werden da die zweifellos bedeutenden Worte Verantwortung und Leistung in den Ring geworfen, so ist eine ergiebige Diskussion dieses heißen Themas beendet, bevor sie beginnen kann. Und wer die Arbeitskraft des Politikers besser bezahlt sehen möchte, verschweigt, wie fortgeschritten die Selbstentmachtung der politischen Klasse ist, wenn es um den Geldbeutel der sogenannten Investoren geht. So fortgeschritten nämlich, dass sie nicht einmal ernsthaft wagt, die Forderung nach einer Deckelung von Manager - Einkünften zu erheben, geschweige denn, entsprechend wirksame Gesetze zu schaffen.

Auch das von der deutschen Bundesregierung mit der Schweiz ausgehandelte Abkommen über die pauschale Abgeltung von Steuergeldern, die Deutschland zustehen und in dem Alpenland lagern, ist nach der Art eines Kompromisses gestrickt, der den Betrügern Gesicht und freie Handlungsfähigkeit wahrt. Es ist nun aber, Gott Lob, noch nicht gültig. Deshalb möchte die Opposition es wagen, noch ein wenig daran zu drehen und sammelt vorerst in NRW weiter steuerlich relevante Daten - oder denkt sie vielleicht ernsthaft sogar daran, mit der >Kavallerie< den Tresoren und Nummernkonten zu Leibe zu rücken? Arme Schweiz!

10:49 24.01.2013
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Geschrieben von

Ernst H. Stiebeling

Diplomsoziologe.Als Lehrer gearbeitet.Freier Publizist.Kultur-,Wissenschafts-,Politikthemen
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