19. Kinotaur in Sotschi

Festival Was verbindet Sotschi mit einem Goldbroiler? Die Reaktionen verraten Ossis und Wessis. Während Ex-DDR-Bürger den Kurort am Schwarzen Meer sofort ...

Was verbindet Sotschi mit einem Goldbroiler? Die Reaktionen verraten Ossis und Wessis. Während Ex-DDR-Bürger den Kurort am Schwarzen Meer sofort lokalisieren können, vielleicht dort schon einmal Urlaub gemacht haben, fragen Altbundesbürger, die auch mit der ostdeutschen Bezeichnung für Brathähnchen nichts anfangen können, wo denn Sotschi zu suchen sei. Daran hat der Zuschlag für die Olympischen Winterspiele 2014 ebenso wenig verändert wie die Tatsache, dass Wladimir Putin dort Angela Merkel und andere Staatsgäste empfangen hat.

Von einem "eurasischen Cannes" träumten in den Neunzigern ehrgeizige Organisatoren des nun zum 19. Mal veranstalteten Filmfestivals. Inzwischen hat man den internationalen Wettbewerb abgeschafft und konzentriert sich auf russische Filme. Für sie ist Kinotaur das wichtigste nationale Festival, für den ausländischen Gast die beste Informationsquelle über die Produktion des Landes. 130 Filme standen diesmal zur Auswahl für den Wettbewerb, der dann 14 höchst unterschiedliche Filme präsentierte, mehr als die Hälfte Debüts oder zweite Arbeiten. Ein Zeichen des Generationswechsels.

Die Jury trug dem bei ihren Entscheidungen Rechnung. So ging der Hauptpreis an Shultes. Bakur Bakuradze porträtiert in seinem Erstling einen traumatisierten jungen Mann, der sich in Moskau mit Taschendiebstählen durchschlägt. Junge Leute eines bizarren Petersburger Drogenmilieus führt Igor Voloshin in seinem bereits im Forum der Berlinale gezeigten Film Nirwana vor: Preis für das beste Debüt. Am meisten überzeugte jedoch Mikhail Kalatozishvili mit seinem ersten Film Wild Field. Ein junger Arzt lebt einsam in einer primitiven Behausung mitten in der Steppe. Ein alter Mann, der sich fast zu Tode gesoffen hat, gehört ebenso zu seinen Patienten wie eine kranke Kuh. Vor grandioser Naturkulisse war dies nicht der einzige Film, der sich vor allem durch seine Bilder einprägte. Mit dem Preis der russischen Filmkritik und Preisen für Drehbuch (Petr Lutsik, Alexej Samoriadov) und Musik (Alexej Aigi) errang er die meisten Auszeichnungen.

Den Regiepreis verdiente sich mit Alexander Proshkin ein gestandener Filmemacher. Live to remember spielt im Winter 1945 in einem Dorf an der Angara, wo die Frauen auf die Heimkehr der Männer warten. Nur eine darf auf keine Zukunft hoffen. Ihr Mann verbirgt sich als Deserteur in einer Waldhütte, wo ihre Besuche sein einziger menschlicher Kontakt bleiben. Auch in Petr Todorovskys Riorita wird ein Deserteur nicht ohne Sympathie gezeichnet. Um seine Frau wiederzusehen, hat er sich selbst in die Hand geschossen. Dafür exekutiert, wird er das erste Opfer seiner Familie, die im Mittelpunkt dieses realistischen Antikriegsfilms steht. Ein Bauer kommt mit seinen drei Söhnen aus einem von deutscher Besetzung befreiten belorussischen Dorf zur Armee, wo ihnen vorgeworfen wird, während der Okkupation nicht zu den Partisanen gegangen zu sein. Ein Korporal, der früher politische Häftlinge bewachte, wird so etwas wie ein böser Geist der vier. Schon am Tod des Vaters nicht unschuldig, erschießt der zuletzt den jüngsten Sohn aus Habsucht, nachdem er zuvor eine deutsche Frau vergewaltigt hat.

Alles andere als ein Heldenepos, blieb dieser außerhalb des Wettbewerbs gezeigte fünfte Film des Regisseurs zum Kriegsthema nicht unumstritten. Auch der Tschetschenienkrieg wurde in Alexej Uchitels Film Captive enttabuisiert. Zwei russische Soldaten sollen einen jungen Tschetschenen durch unwegsames Gelände zum Hauptquartier bringen, wobei sich Freund und Feind menschlich näherkommen. Schon zuvor hatte der bisher durch nationalistische Töne aufgefallene Nikita Michalkow in seinem Sidney Lumets Die 12 Geschworenen nachempfundenen Film 12 mit einer antirassistischen Tendenz bei der Diskussion um einen des Mordes beschuldigten jungen Tschetschenen überrascht.

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