Abenteuer eines Teddybären

Kinowelten Das 45. Filmfestival von Karlovy Vary wirft zwar Blicke auf die tschechische Geschichte und in fernere Kinematografien. Präsentiert aber auch beliebte Komödien

August 1946: das Festival von Karlovy Vary wird gegründet, im selben Jahr wie Cannes und Locarno. Eine kurze Zeit des Aufbruchs nach der Befreiung von deutscher Besetzung, filmisch jetzt beleuchtet im tschechischen Beitrag zum diesjährigen Wettbewerb. Im Mittelpunkt ein junger Poet und seine exzentrische Freundin. Beide rebellieren wie später 68er gegen die Bourgeoisie für sexuelle und künstlerische Freiheit im Zeichen des Surrealismus. Die kommunistische Machtübernahme setzt ihren Hoffnungen ein Ende.

Regisseur Tomas Masin hat sein Debüt fünf Jahre vorbereitet und stützte sich bei dieser Koproduktion mit Deutschland und der Slowakei 3 Sezòny v Pekle (Drei Jahreszeiten in der Hölle) auf die Autobiografie des linken Dichters und Philosophen Egon Bondy, als Zbynék Fiser Sohn des ersten Armeegenerals der Republik. Seine Gefährtin Jana Krejcarovà war die Tochter von Kafkas Freundin Milena Jesenská, die im KZ Ravensbrück nicht überlebte.

Einen autobiografischen Hintergrund für Irena Pavláskovás Film Zemsky Raj to Napohled (Für die Augen ein Paradies auf Erden) lieferte die Tochter Pavel Kohouts, Teresa Bouckova, mit ihrem Roman Indiansky beh. Reflektiert wird die Periode der so genannten „Normalisierung“ mit den Augen einer Künstlerfamilie. Es ist die Zeit der „Charta 77“, und unter den Dissidenten lässt sich ohne visuelle Ähnlichkeit auch Vaclav Havel erkennen.

Abenteuer eines Teddybären

Tschechen vergleichen jene Jahre mit denen unter deutscher Besetzung, als Anpassung eine Überlebensstrategie war. In Protektor von Marek Najbrt kollaboriert ein Radioreporter, um seine jüdische Frau zu schützen, die nicht mehr als Schauspielerin auftreten darf. Kein ganz neues Thema, aber insgesamt gehörten die Rückblicke in die Geschichte der tschechischen Kinematografie zu den interessantesten Festivalbeiträgen.

Das heimische Publikum bevorzugt allerdings Komödien und Märchen. Ein solches des renommierten Regisseurs Jan Sverák (Kolya), Kooky, die animierten Abenteuer eines Teddybären, erhielt den Spezialpreis der Jury. Unter den 34 tschechischen Spielfilmen des vergangenen Jahrgangs rangierten vier unter den nationalen Top Ten. Libas jako buh (Du küsst wie ein Gott) von Marie Polednáková sahen über eine Million Zuschauer, ein Rekord, den Jiri Vedéleks
Zeny v Pokuseni (Frauen in Versuchung), eine als tschechische Antwort auf Sex and the City bezeichnete Komödie um Frauen aus drei Generationen, brechen könnte und auch bei uns Chancen hätte.

In dem schwachen Wettbewerb des diesjährigen Filmfestivals von Karlovy Vary zeichnete die Jury vor allem Unpolitisches aus. Den Hauptpreis des Kristallglobus errang La Mosquitera von Augusti Vila aus Spanien, das auch humorvolle Porträt einer wohlhabenden Familie in der Krise mit Geraldine Chaplin in einer stummen Rolle als demente Großmutter. Den Regiepreis erhielt Neka ostane medju nama (Ganz unter uns) von Rajko Grlic, eine Tragigkomödie um einen in die Jahre gekommenen Womanizer in Zagreb, die Kroatische Rechte wegen Unmoral verbieten lassen wollten.

Zwei sozialkritische Beiträge wurden wenigstens mit einer besonderen Erwähnung gewürdigt. Drugoje Nébo (Ein anderer Himmel) von Dimitri Mamulia konfrontiert einen usbekischen Schafhirten und seinen Sohn bei der Suche nach der in Moskau vermissten Frau mit der diskriminierenden Realität in Rußland ausgebeuteter Imigranten aus vormals asiatischen Sowjetrepubliken, ganz ähnlich wie ein anderer russischer Film mit dem Originaltitel Gastarbeiter. Und Chiz-haie Hast Keh Nemidani (Es gibt Dinge, die du nicht weißt) von Fardin Seheb Zamani zeichnete neben anderen iranischen Beiträgen ein nonkonformes Bild der Gesellschaft des Landes. Es waren solche Reflexionen einer in arm und reich geteilten Welt, die Karlovy Varys wichtige Rolle als Forum für bei uns zu Unrecht ignorierte Kinomatografien bestätigte.





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