Wie das Regime Baha’i und Derwische verfolgt

Iran Ein entlarvendes Regierungsdokument ist an die Öffentlichkeit geraten. Es bezeugt die perfiden Methoden des Regimes, Andersgläubige zu verfolgen.
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Die Stadt Sari liegt in der nordiranischen Provinz Mazandaran. Dort wurden jetzt Sicherheitsbehörden und andere staatliche Einrichtungen angewiesen, besonders streng gegen Baha'i vorzugehen. Menschenrechtsgruppen haben sie veröffentlicht, nachdem ihnen die Verfügung zugespielt worden ist. (Siehe hier)

Karim Lahidji lebt seit mehr als 40 Jahren im Pariser Exil. Er ist Präsident der League for the Defence of Human Rights in Iran (LDDHI) und verantwortlich für die Veröffentlichung des Dokuments. Der Anwalt erhebt wie viele weitere Iranerinnen und Iraner im Exil immer wieder mal seine Stimme zu den Ereignissen im Iran: "Dieses Beispiel veranschaulicht ein weiteres Mal, wie die Verantwortlichen in Iran gegen Anhänger des Baha'i Glaubens vorgehen. Im Widerspruch zu Irans internationalen gesetzlichen Verpflichtungen, betrachten die Behörden in Iran Baha'i als Häretiker, verbiete ihren Glauben und betrachten die Ausübung des Baha'i Glaubens als Akt der Subversion."

In Sari trafen sich am 21.09.2020 Mitglieder der Kommission für Ethnien, Weltanschauungsgruppen und Religionen sowie Vertreter von 19 Sicherheitsdiensten, Geheimdienstagenturen, Justizeinrichtungen und Regierungsabteilungen. Das Protokoll bezeugt, dass man über den aktuellen Stand in Bezug auf "Derwische und die subversive Baha'i Sekte" konferiert hat. Die Kommission scheint einem genau ausgearbeitetem Plan zugestimmt zu haben, wie man Derwische und Baha'i mittels Kultur- und Bildungseinrichtungen kontrollieren und beeinflussen könnte.

Eine der Auswirkungen dieses Treffens könnten die jüngsten richterlichen Anordnungen sein, Baha'i vom Land ihrer Vorfahren in Ivel, auch Mazandaran, zu vertreiben. Diese Anordnungen widersprechen Irans eigener Gesetzgebung.

Frau Diane Ala'i vertritt die Baha'i bei den Vereinten Nationen in Genf. Ihre Erfahrungen mit den massiven Menschenrechtsverletzungen des Regimes teilt sie immer wieder mit der Presse und dem Menschenrechtsausschuß der Vereinten Nationen. "Das Dokument aus Sari erinnert mit Schrecken an frühere Maßnahmen des Regimes. Zunächst beschließt man Minderheiten mit drakonischen Maßnahmen einzuhegen, um dann noch schlimmere Taten folgen zu lassen."

Die Sari Kommission ist einer regionalen Behörde unterstellt, die unmittelbar mit dem Obersten Nationalen Sicherheitskomittee verknüpft ist. Dieses Komittee wird von Präsident Hassan Rohani geleitet.

"Wir können recht sicher davon ausgehen, dass dieses Dokument einer lokalen Behörde auf höchsten Ebenen beschlossen wurde und solche Treffen vermutlich in ganz Iran stattgefunden haben", ergänzt Frau Ala'i.

Die Baha'i gelten als Irans größte nicht-muslimische Minderheit. Sie werden seit der sogenannten "Islamischen Revoluition" 1979 kontinuierlich und systematisch verfolgt. Irans Verfassung erkennt Zoroastrier, Christen und Juden als Minderheiten an. Baha'i werden durch die Verfassung ausgeschlossen und genießen keinerlei Schutz unter iranischem Gesetz.

Nach der "Islamischen Revolution" 1979 wurden 200 Baha'i hingerichtet. Seither wurden Tausende willkürlich verhaftet, unter falschen Anschuldigungen ins Gefängnis gebracht. Ihre Häuser wurden dem Erdboden gleich gemacht, ihre Friedhöfe geschändet und zerstört, der Zugang zu höherer Bildung oder hoch bezahlten Tätigkeiten wurde ihnen verwehrt.

Ein ähnliches Schicksal ist den Gonabadi Derwischen beschieden, die in den letzten 15 Jahren zunehmend unter Druck geraten sind. Der im Dezember 2019 verstorbene Großmeister des Ordens, Dr. Nour Ali Tabandeh, hatte sich mehrfach kritisch zu der Verquickung zwischen Staat und Religion geäußert, einem ideologischen Gründungsprinzip des Staates, das häufig mit "Herrschaft des Obersten Rechtsgelehrten" übersetzt wird. Viele Deriwsche wurden verhaftet, gefoltert oder hingerichtet, manche auch bei Zusammenstößen mit Sicherheitskräften während öffentlichen Demonstrationen getötet.

Die Verfügungen aus Sari betreffen auch Geschäftsleute, die dem Baha'i Glauben huldigen und zielen auch auf Schulkinder. Beschäftigte im Bildungswesen wurden angewiesen ein besonderes Augenmerk auf Baha'i Schüler zu haben und daran zu arbeiten sie zum Islam zu konvertieren. Universitäten wurden daran erinnert, dass Baha'i von höherer Bildung ausgeschlossen sind, wie es ein Memorandum von 1991 verlautbart.

Grundinformationen stammen aus diesem Artikel: https://english.shabtabnews.com/2021/03/11/leaked-government-document-exposes-policies-against-bahais-and-dervishes/

21:08 21.03.2021
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mehriran.de

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