Houssam Hamade
Ausgabe 3316 | 18.08.2016 | 06:00 32

„Vieles ist absurd“

Interview Der Politikwissenschaftler Floris Biskamp kennt die Islam-Skepsis vieler Bürger. Doch „den Islam“ gebe es gar nicht, sagt er und warnt vor Verallgemeinerungen

Zum festen Repertoire von Rechtspopulisten zählt die Kritik am Islam. Auch viele Bürger, die sich eigentlich nicht als „rechts“ verstehen, hegen wachsende Zweifel an dieser Religion, etwa wegen des IS-Terrors, und stimmen im Internet, an Stammtischen und in Wohnzimmerdebatten in die Kritik am muslimischen Glauben ein.

Genau mit dieser Denkweise beschäftigt sich Floris Biskamp. Er forscht zu Rassismus, Antisemitismus und politischen islamischen Strömungen. „Den“ Islam gebe es nicht, schreibt Biskamp in seinem neuen Buch. Wer in solchen Verallgemeinerungen denke oder spreche, fördere nur die Ausgrenzung.

der Freitag: Herr Biskamp, einige der Anschläge und Gewalttaten dieses Sommers waren religiös begründet. Sollten wir das nicht ernst nehmen – und ausdrücklich auch nach den religiösen Motiven fragen, nicht nur nach den sozialen, wie es Linke gern tun?

Floris Biskamp: Das ist an sich richtig. Aber hier zeigt sich ein Dilemma: Wer nun mit dem Finger auf „den Islam“ und „die Muslime“ als Gefahr zeigt, arbeitet an einer Polarisierung der Gesellschaft mit, die die Attentäter ja wollen. Zudem macht man damit die zahlreichen muslimischen Opfer insbesondere des Anschlags von Nizza implizit zu Mitschuldigen.

Andererseits sagen Sie, dass ein kritisches Sprechen über den Islam auch für Muslime eine befreiende Wirkung haben kann.

Nur in der öffentlichen Diskussion können Menschen darüber reflektieren, welche verschiedenen Vorstellungen von einer gelungenen Lebensführung es gibt und was für sie selbst das gute Leben ist. Zudem können im öffentlichen Streit um kulturelle Normen repressive Wertvorstellungen als solche erkannt und problematisiert werden. Mit der Zeit kann das dazu beitragen, dass Traditionen weniger unterdrückerisch und hierarchisch werden – also zu dem, was Jürgen Habermas als „Rationalisierung der Lebenswelt“ bezeichnet.

Zur Person

Floris Biskamp ist Politikwissenschaftler und Soziologe an der Univer- sität Kassel. In Kürze erscheint sein Buch Orientalismus und demokratische Öffentlichkeit. Antimuslimischer Rassismus aus Sicht postkolonialer und neuerer kritischer Theorie (Transcript, 444 S., 39,99 €)

Foto: Uni Kassel

Nun behaupten diejenigen, die sich als „besorgte Bürger“ sehen, gern, dass sie Muslimen die Aufklärung näherbringen. Machen diese Leute es also richtig?

Das öffentliche Sprechen über den Islam kann eine befreiende Wirkung haben – muss aber nicht. In der Summe dürften die sogenannten Islamdebatten der vergangenen Jahre vielleicht eher dazu geführt haben, dass Muslime als „anders“ markiert und marginalisiert werden. Dafür reicht es schon aus, dass „der Islam“ als Ganzes gerade permanent und überall problematisiert wird. Das allein hat schon einen negativen Effekt. Geht man davon aus, dass es in jeder gesellschaftlichen Gruppe Probleme gibt, werden Probleme unter Musliminnen durch die ungleichmäßige Aufmerksamkeit überproportional beleuchtet. Das führt nicht nur zu einer Stigmatisierung, sondern auch zu einer messbaren Diskriminierung von Muslimen, etwa auf dem Arbeitsmarkt.

Wie ließe sich eine befreiende Kritik von einer solchen Stigmatisierung unterscheiden?

Bei dieser Unterscheidung sollte man nicht so sehr nach der Absicht der Sprechenden fragen, sondern in erster Linie nach dem Effekt der Äußerungen. Selbst die „besorgten Bürger“, von denen Sie sprechen, sind fest davon überzeugt, dass sie sich für die Freiheit von Menschen einsetzen. Dementsprechend wehren sie sich, wenn ihnen jemand Rassismus vorwirft. Die Frage, die man sich selbst stellen sollte, lautet: Könnte das, was ich aus meiner Position, in diesem Kontext, in diesem Moment sage, dazu beitragen, dass irgendeine Person irgendwann freier wird? Oder führt es zu Ausgrenzung?

Und wie könnte eine sinnvolle Art der Kritik nun aussehen?

In erster Linie sollte man sich um Präzision bemühen. Kritik sollte sich an konkreten Gegenständen abarbeiten und nicht zu sehr mit Abstraktionen wie „der Islam“ oder „der Westen“ herumhantieren. Wenn man konkrete Aussagen einer bestimmten muslimischen Organisation etwa zum Nahostkonflikt oder zum Geschlechterverhältnis kritisiert, kann dies ein sehr wichtiger Debattenbeitrag sein. Aussagen wie „Der Islam ist eine friedliche Religion“, „Der Islam ist eine gewalttätige Religion“ oder auch „Der Westen ist fortschrittlich“ bringen jedoch mit Sicherheit niemandem einen Gewinn an Erkenntnis oder Freiheit. Neben der Konkretheit der Kritik kommt es insbesondere darauf an, wie Religion und Kultur überhaupt verstanden werden.

Was wären hier die Fallstricke?

Allzu oft wird über Muslime gesprochen, als handelte es sich um Roboter, die ein fest eingeschriebenes kulturelles Programm herunterspulen, sodass alle Verhaltens- und Denkweisen durch die Religion determiniert zu sein scheinen. Damit werden Muslime entindividualisiert. Tatsächlich bezeichnen wir als Muslime Menschen, die sich mehr oder weniger bewusst auf den Islam beziehen und deren Denken und Handeln mehr oder weniger stark durch die islamische Tradition geprägt ist. Jedoch ist dies nur ein Faktor unter vielen: Auch die ökonomische Situation, das Elternhaus, die Schule, das Stadtviertel, der Freundeskreis prägen das Handeln – und das in aller Regel stärker als der Koran und seine Auslegung. Blendet man all dies aus, wird der einzelne Muslim auf seine Religion reduziert und kann nur noch als Muslim auftreten. Er wird nur noch gefragt: „Was sagst du denn als Muslim dazu?“ Das ist sehr schädlich.

Sie sprechen in diesem Zusammenhang auch von einer „Muslimisierung“ junger Menschen.

Die Soziologin Nina Clara Tiesler bezeichnet es als „Islamisierung der Debatten“. Alle möglichen Themen werden heute als „islamische Themen“ diskutiert, alle möglichen Probleme als „islamische Probleme“ angesprochen – von Migration über Antisemitismus bis zu Jugendkriminalität. Das führt zu einer Muslimisierung der Einzelnen. Junge Menschen ohne jede religiöse Vorbildung werden also immer wieder als Muslime angesprochen und begeben sich dann auf die Suche nach ihrer „islamischen Identität“. Wenn sich ein junger Mensch heute fragt, was es heißt, Muslim zu sein, wird er zuerst im Internet nachschauen. Und da landet er zuerst bei salafistischen Seiten, die etwa „Die wahre Religion“ heißen, oder sie landen bei Pierre Vogel. So stärkt die Islamisierung der Debatten letztlich den Salafismus – und umgekehrt.

Die schon erwähnten „besorgten Bürger“ argumentieren – oft von solidem Halbwissen genährt – dass man den Islam an sich kritisieren müsse, weil dieser schon in seinem Kern faschistoid oder gar faschistisch sei.

So argumentiert ja zum Beispiel auch der ägyptisch-deutsche Politikwissenschaftler Hamed Abdel-Samad in seinen Büchern und Talkshow-Auftritten. Jedoch ist die Kategorisierung des Islam als faschistisch vor allem eines: sinnlos. Der Begriff des Faschismus entstand im Kontext politischer Bewegungen und Ideologien in modernen Gesellschaften. Man kann begründet darüber streiten, ob bestimmte politisch-islamische Strömungen des 20. und 21. Jahrhunderts als faschistisch zu bezeichnen sind – zu denken wäre etwa an Hizb ut-Tahrir oder an den IS. Diesen Begriff aber umstandslos auf 1.400 Jahre islamischer Tradition und auf anderthalb Milliarden Gläubige weltweit zu übertragen, ist einfach absurd.

Und die Ansicht, der Islam erziehe zu Intoleranz und Gewalt?

Das ist auch wieder absurd, wie so vieles. „Der Islam“ erzieht doch niemanden zu irgendetwas! Wenn irgendjemand Kinder zu Intoleranz und Gewalt erzieht, dann sind es konkrete Staaten, Vereine, Prediger, Eltern. Wir haben es immer mit verschiedenen Auslegungen der religiösen Tradition zu tun. Dabei sind orthodoxe, autoritäre Auslegungen sicherlich vorherrschend – sowohl international als auch innerhalb des deutschen Verbandsislams. Das kann man auch mit guten Gründen problematisieren. Einen befreienden Effekt kann diese Kritik aber nur haben, wenn sie am konkreten Beispiel vollzogen wird. Generalisierungen helfen niemandem außer rechten Scharfmachern wie der AfD.

Vergangene Woche stand gerade die Burka im Mittelpunkt der politischen Rhetorik, Vertreter der Unionsparteien forderten ihr Verbot. Die AfD hat die Ablehnung des Islam sogar in ihr Programm aufgenommen. Da wird moniert, dass der Muezzinruf besage, dass es „keinen Gott außer dem islamischen Allah“ gebe.

Gerade was die AfD da losgetreten hat, ist ein Paradebeispiel für eine Debatte, die nicht zur Freiheit von irgendwem beiträgt. Wenn die Glaubensfreiheit eines garantiert, dann, dass man an die Existenz genau so vieler und genau der Gottheiten glauben darf, wie es einem genehm ist. Monotheisten glauben nun einmal an genau einen Gott und demnach an keinen anderen, entsprechend haben sie alles Recht, genau das in der Öffentlichkeit zu sagen. Ein anderer Fall läge vor, wenn dieser Monotheismus mit einem Herrschaftsanspruch aufträte, um die Glaubensfreiheit anderer einzuschränken. Das mag in Saudi-Arabien oder beim IS der Fall sein, aber bei der übergroßen Zahl der deutschen Moscheen mit Sicherheit nicht. Nur wer die Glaubensfreiheit der anderen bestreitet, stellt sich außerhalb der Demokratie auf. Das gilt für die AfD gleichermaßen wie für viele radikalisierte Islamisten.

Was wäre in der jetzigen Stimmungslage das Beste?

In der aktuellen Gesprächsatmosphäre wäre es wohl besser, wenn insgesamt weniger über den Islam gesprochen würde. Dennoch ist der Islam ein wichtiger Bestandteil sozialer Realität in Europa. Es ist etwa sinnvoll, über einen islamischen Religionsunterricht zu streiten, ob und wie er in Zusammenarbeit mit welchen Organisationen auszurichten ist. Dabei sollte man auch kritisch fragen, welche Geschlechternormen die Organisationen vertreten. Wenn aber Vertreter etwa von der AfD anlasslos eine Islamdebatte anheizen, gibt es dabei nichts zu gewinnen. Besser wäre es, solche Debatten schlicht rechts liegen zu lassen.

Dieser Beitrag erschien in Ausgabe 33/16.

Kommentare (32)

Smaddi 18.08.2016 | 08:05

Den Islam gibt es nicht.
Die Feministin gibt es nicht.
Den Nazi gibt es nicht.
Den Manager gibt es nicht.
Den Christen gibt es nicht.
Den Kriminellen gibt es nicht.
Den SPD-Abgeordneten gibt es nicht.
Den Ego Shooter Spieler gibt es nicht.

Wann fing diese lächerliche Überdifferenzierung in den Medien und der Gesellschaft eigentlich an ? Es wirkt so extrem lächerlich. Jeder halbwegs vernünftige Mensch begreift von sich aus wie Verallgemeinerungen zu bewerten sind. Nimmt man mal das Beispiel von Straftätern. Wenn ich sage "ich habe Angst vor Straftätern" begreift jeder dass durch den Zusammenhang Gewalttäter gemeint sind. Doch dann die Klugscheisser "aber halt, halt! DEN Straftäter gibt es doch gar nicht! Meinen sie jetzt einen Orangendieb? Jemanden der spuckt? Jemanden der boxt? Einen Mörder?" Und schon hat man eine Kritik wieder abgeblockt indem man eine komplett irrelevante Schublade aufmacht.

Wieso darf bei Religionen nicht verallgemeinert werden, bei Kids die Ego Shooter spielen ist es jedoch vollkommen legitim ?
Mediale Doppelmoral.

Broder redet ja viel Unsinn wenn der Tag lang ist, jedoch auch den einen vernünftigen Satz "die RAF hat in ihrer Hochzeit mit 30 Leuten im Kern die ganze Bundesregierung auf den Kopf gestellt". Der Zusammenhang war, dass es komplett irrelevant ist, ob der Anteil einer Religion der das Grundgesetz ablehnt oder gewalttätig wird die Minderheit in der jeweiligen Religion ist, wenn er dafür so laut und aggressiv ist, dass man ihn nicht ignorieren kann.

In der Theorie wäre es natürlich humaner so stark zu differenzieren, dass man nur gesellschaftsfeindliche Religionsmitglieder kritisiert und überwacht. In der Praxis ist dieses Modell jedoch schon lange gescheitert, weil es unpraktibel ist, nicht effizient genug. Und genau deswegen muss sich eine gesamte Glaubensrichtung mit Kritik abfinden, wenn sie es nicht schafft sich zu reformieren und solchen ideologischen Denkmustern keinen Raum zu bieten. Würden Juden oder Christen ähnlich viele Terroranschläge verüben, in ähnlich patriarcharlischen Parallelgesellschaften leben, denken dass ihre Religion über dem Grundgesetz steht ... dann würden sie sich genau so sehr starker Kritik aussetzen müssen.

Ursus 18.08.2016 | 09:27

Jeder halbwegs vernünftige Mensch begreift von sich aus wie Verallgemeinerungen zu bewerten sind.

Das war so allgemein behauptet auch meine erste Reaktion auf das letztlich nichtssagende Interwiew.

Allerdings hielte ich den Konjunktiv für zutreffender:

Jeder halbwegs vernünftige Mensch müsste eigentlich begriffen haben, wie Verallgemeinerungen zu bewerten wären.

Das Problem ist aber, dem "vernünftigen" Menschen ist meistens gar nicht bewusst, dass es sich gerade wieder um eine solche handelt.

Darunter fallen natürlich auch die positiven Verallgemeinerungen, wie die meinige hier, mit dem Unterschied, dass die jedoch keinem weh tun.

Richard Zietz 18.08.2016 | 09:47

Schade nur, dass weder Interviewer noch Interviewter auf die konkreten Unterschiedlichkeiten bezüglich Religion(en) und Ethnien in der Großregion weiter eingehen. Es gibt Araber, Kurden, Türken, Armenier, Perser, Berber und tausend andere. Religionstechnisch gibt es Sunniten in tausend Abstufen, Schiiten ebenda, Yesiden, Alaviten, Drusen, Bahai-Anhänger, christliche Kopten, sonstige Christen, Juden und so weiter. Wer weiß beispielsweise, dass die Bevölkerung Ägyptens noch vor Jahren zu 10 Prozent aus Kopten bestand und der Anteil an Christen in Syrien und dem Libanon noch weitaus höher rangiert?

Wichtig sind diese Differenzen auch beim Blick auf die aktuellen Konflikte. Schiiten ausgenommen (die zu stark sind und in ihren Siedlungsgebieten im Iran, Südirak und im Libanon fast die Mehrheit stellen), sind fast alle (!) von der sunnitischen Hauptrichtung abweichenden Glaubensrichtungs-Angehörigen unmittelbar in ihrer Existenz bedroht – vom IS, aber auch sonstigen radikalen Strömungen wie beispielsweise denen, die der Muslim-Bruderschaft ideologisch nahestehen. Entsprechend waren und sind Christen, Aleviten, Drusen und so weiter von Haus aus Unterstützer der säkularen Nationalisten vom Schlag Assad, Saddam Hussein oder auch der pälestinensischen Autonomieregierung im Westjordanland.

Diese speziellen Unterschiede nimmt man im Westen sehr ungern wahr. Klar – täte man es, dann träte zutage, dass der Westen alles getan hat, die radikalen sunnitischen Strömungen groß zu machen. Nach dem Motto: Hauptsache, die Säkularen, die nicht in der Spur gehen, sind weg. So aktuell beim Assad-Regime. Dass man sicher kritisieren kann, dass andererseits aber auf jeden Fall Glaubensfreiheit und Schutz garantierte. Was man von der aktuellen Opposition – und ich rede hier nicht vom IS – leider nicht sagen kann.

Fazit: Falls die aktuelle Großauseinandersetzung so endet wie vom Westen präferiert (nämlich ähnlich wie in Ägypten), kann man froh sein, wenn die radikalen Sunniten nicht ihre Version von religionspolitischer Bartholomäusnacht veranstalten. Ein Ergebnis, an dem die »Befreier« (nämlich von den arabisch-sozialistischen Tendenzen) USA und EU dann ihren nicht unerheblichen Anteil hätten.

Laws 18.08.2016 | 10:14

Ich persönlich habe den Islam direkt vor Ort kennengelernt, in Ägpyten, in den palästinensischen Gebieten, oder auch in Jordanien. Und ich habe nie gastfreundlichere und höflichere Menschen kennengelernt wie dort. Das steht im krassen Gegensatz zu dem Bild, das hier verbreitet wird. Trotz allem gibt es viel am Isalm zu kritisieren und jede Religion hat ihre Schattenseiten. Aber ganz ehrlich, ein Artikel, der die Stigmatisierung des Islam verurteilt und gleichzeitig alle Kritiker des Islam stigmatisiert, mit Kriegsbegriffen wie dem "besorgten Bürger" umschreibt und alle in die rechte Ecke stellt, verliert für mich jede Glaubwürdigkeit. Für mich vollkommen daneben.

Flegel 18.08.2016 | 10:39

Hysterische Reaktion des Westens nach Terror auf eigenem Grundgebiet

Alle Religionen sind tendenziell intolerant, fassen die konkurrierenden Religionslehren als Fehlorientierungen auf, da man nur sich selbst als im Besitz der „göttlichen Offenbarung“ betrachtet.

Darum ist es wichtig, die Gemeinsamkeiten zu betonen und zu leben und sich nicht ständig als Oberlehrer und Maßstab zugleich aufzuspielen.

Die Islamdiskussion, wie sie hier in der BRD seit langem geführt wird, erinnert mich sehr an die unangebrachte Kommunismus-Hysterie der US-Amerikaner nach dem Zweiten Weltkrieg.

Smaddi 18.08.2016 | 12:23

Alle Religionen sind tendenziell intolerant, fassen die konkurrierenden Religionslehren als Fehlorientierungen auf, da man nur sich selbst als im Besitz der „göttlichen Offenbarung“ betrachtet.

Darum ist es wichtig, die Gemeinsamkeiten zu betonen und zu leben und sich nicht ständig als Oberlehrer und Maßstab zugleich aufzuspielen.

Da muss man stark aufpassen nicht in Relativismus abzudriften. Demnach wäre Kritik an Sexualstraftätern, Nazis und Hedgefonds die mit Nahrungsmitteln spekulieren auch "fehl am Platz. Schließlich würde man dadurch ja nur den Diskurs erschweren und sowieso würden diese Menschen ja irgendwann auf den sozialeren Weg finden, wenn sie ihn nur lange genug vorgelebt bekommen. Das ist unterm Strich auch die Quintessenz des Textes und (leider) nur naives Wunschdenken.

Ich stimme ja sogar zu, dass solch eine Lösung einen gewisse Romantik hat. Man umgeht in gewissem Maße einem Konflikt, löst ihn aber trotzdem, einfach nur in dem man "ist". Die Gesellschaft lebt quasi vor wie toll sie doch ist und alle Andersdenkenden folgen dann schon irgendwann, getrieben von dem Blick auf diese tolle Gesellschaft.

Das ganze findet schon längst statt. Man braucht nur Schulen zu besuchen. Deutsche Kinder ohne Migrationshintergrund spielen dort mit Kindern mit Migrationshintergrund. Die Kinder bemerken zwar diverse Unterschiede zwischen sich, tollerieren sie aber. DAS ist genau die Definition von Akzeptanz. Dem anderen nicht sein Anderssein in gewissen Aspekten abreden zu wollen, sondern so zu akzeptieren wie er ist. Junge Erwachsene gehen zusammen feiern und pflegen Freundschaften, unterm Strich komplett unabhängig von Herkunft und Religion. Dieses Miteinander findet schon längst statt.

Trotzdem bilden sich in manchen Bevölkerungsgruppen auch regelrechte Parallelgesellschaften und patriarchalische Strukturen. Wenn solche Strukturen nicht vereinbar sein mit den eigenen Vorstellungen einer freien, friedlichen und demokratischen Gesellschaft, dann kann man das durchaus auch kritisieren - anstatt darauf zu warten dass sich irgendwann etwas von selbst an diesen Verhältnissen ändert, wenn man doch nur geduldig genug ist.


Flegel 18.08.2016 | 12:42

Junger Mann, glauben Sie wirklich, sie müssten einem 74-Jährigen noch die Welt erklären.

Mein Text ist eindeutig und ein Bekenntnis zu Gemeinsamkeit und gegen Polarisierung. Ich weiß nicht, ob Sie wissen, dass das Ruhrgebiet, wo ich wohne, geradezu ein Schmelztiegel verschiedener Völker ist.

Ich betrachte die gegenwärtige Diskussionsform, die ja in hohem Maße in hoch differenzierenden Dreiwortsätzen über twitter und facebook abläuft, als eine unselige Veranstaltung. Diese Interview ist dagegen ein intellektueller akademischer Exkurs, der für den praktischen Alltag allerdings auch wenig Bedeutung haben wird.

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Ehemaliger Nutzer 18.08.2016 | 17:56

Meiner Meinung nach geht es doch gar nicht um den "Islam". Genauso wenig, wie es um die "AFD" oder den "besorgten Bürger" geht, die es ja letztlich alle gar nicht gibt, außer in der platonischen Ideenwelt. Es geht darum, dass Menschen ihr Unbehangen auf Dinge projezieren, die vermeintlich für das eigene Leid verantwortlich sind. Und das geht uns doch allen auf die eine oder andere Art so.

Reinhold Schramm 19.08.2016 | 01:08

An die Wurzel und Quelle des religiösen Aberglaubens und damit der Ablenkung von der Realität der materiellen Gegenwart im heutigen weltweiten Kapitalismus und Imperialismus:

Die wichtigste Grundlage für die Existenz der Religion [jeder Religionsrichtung bzw. Aberglaubensrichtung] in der Gegenwart bildet die kapitalistische Gesellschaftsordnung. Die spontan wirkenden Gesetze der kapitalistischen Produktionsweise, die zu sozialer Unsicherheit, Arbeitslosigkeit, Krisen und Kriegen führen, sind die soziale Basis für die Existenz religiöser Auffassungen. Solange die Menschen den Gesetzen der kapitalistischen Gesellschaft ausgeliefert sind und ihre Geschichte nicht bewusst gestalten, erscheinen die sie knechtenden gesellschaftlichen Mächte als überirdische Mächte. Die Ohnmacht und Hilflosigkeit der Menschen widerspiegelt sich in den Vorstellungen eines allmächtigen göttlichen Wesens, dem alle Vollkommenheit zugeschrieben werden, und das menschenunwürdige Leben der Ausgebeuteten im Diesseits erscheint als die Vorstufe eines glücklichen Lebens im Jenseits.

So ist die Religion die allgemeine Theorie der menschenunwürdigen Welt der Ausbeutung und Unterdrückung, "ihre moralische Sanktion, ihre feierliche Ergänzung, ihr allgemeiner Trost- und Rechtfertigungsgrund" (Karl Marx).

Wer ernsthaft den heutigen feudal-religiösen Terrorismus überwinden möchte, der muss den Kapitalismus und geopolitischen und rohstoffpolitischen Wirtschafts- und NATO-Imperialismus - und damit die reale physische und psychische Ausbeutung des Menschen [und der Umwelt und Natur] durch den Menschen - überwinden [Beseitigung des Kapitalismus].

Flegel 19.08.2016 | 10:44

„…glauben Sie wirklich, sie müssten einem 74-Jährigen noch die Welt erklären.“

Diese Entgegnung von mir ist meine situationsbezogene Antwort auf diesen ganz konkreten Text des jungen Mannes, der meinen eindeutigen Beitrag zur Grundlage seiner Projektionen umgedeutet hat. Meinem Text derartige Assoziationen überzustülpen und mir frech zu präsentieren, ist schon reichlich unverschämt.

Angemessener wäre gewesen, er hätte sich anhand meines Profils schlau gemacht, wessen Gesinnung er mit seiner vorlauten Entgegnung tadelt.

„Da muss man stark aufpassen nicht in Relativismus abzudriften.“ Wieso meint er, mir das entgegnen zu müssen?

„Ich stimme ja sogar zu, dass solch eine Lösung einen gewisse Romantik hat.“ Er stimmt mir zu? Ich habe den Begriff „Romantik“ nirgends verwendet!

„Die Gesellschaft lebt quasi vor wie toll sie doch ist und alle Andersdenkenden folgen dann schon irgendwann, getrieben von dem Blick auf diese tolle Gesellschaft.“

Wieso verbindet er all diese Bemerkungen mit meinem Text? Kommt auf Sexualstraftäter, Nazis und Hedgefonds, die mit Nahrungsmitteln spekulieren zu sprechen.

Seine Assoziationskette ist seine Assoziationskette und hat mit mir überhaupt nichts zu tun.

Es kommt nicht auf theoretische Betrachtungsweisen an, sondern darauf, wie man Probleme im Alltag bewältigt. Ich sage Ihnen, hier im Ruhrgebiet leben seit Jahrzehnten viele Kulturen beieinander. Das ist die großartige Integrationsleistung dieser Region. Das sollte man nicht gering schätzen.

Und noch ein Wort zum zweitletzten Absatz von Smaddi: Ich habe 37 Jahre und fünf Monate lang prophylaktische Erziehungsberatung in den Kindertagesstätten einer 280.000 Einwohner umfassenden Gemeinde hier in NRW durchgeführt und habe daher ausreichende Insiderkenntnisse.

Smaddi schreibt: „Deutsche Kinder ohne Migrationshintergrund spielen dort mit Kindern mit Migrationshintergrund. Die Kinder bemerken zwar diverse Unterschiede zwischen sich, tollerieren sie aber. DAS ist genau die Definition von Akzeptanz.“

Wenngleich ich auch nicht weiß, was das mit meinem von ihm kritisierten Text zu tun hat, möchte ich doch antworten: So schön, wie sich das anhört, was Smaddi hier korrekt beschreibt, so sehr halte ich das für Sozialromantik, denn die Wahrheit ist, dass sich Ethnien nicht mischen.

Smaddi deutet das in seinem letzten Abschnitt ebenfalls an: „Trotzdem bilden sich in manchen Bevölkerungsgruppen auch regelrechte Parallelgesellschaften und patriarchalische Strukturen.“

Sowohl dem Autor des Ursprungstextes als auch Smaddi möchte ich noch einmal auf die kastrierte Diskussionskultur der letzten Jahre in unserer Gesellschaft hinweisen: Die Diskutanten bei facebook & Co kommen doch über die Verständigung mithilfe von Dreiwortsätzen nicht hinaus. – Mir kann niemand erzählen, dass auf dieser Ebene eine Sachdiskussion stattfinden kann. Das allermeiste, was dort passiert ist Aufmischerei. Und ist dem nach Nine-Eleven gestarteten Muslim/Islam_Bashing des Westens geschuldet. Schauen Sie in diesem Zusammenhang doch mal in den Text von Herby Neubacher 19.08.2016 | 03:48.

Also noch mal: Meine konkrete Antwort „…glauben Sie wirklich, sie müssten einem 74-Jährigen noch die Welt erklären“ ist nur situationsbezogen zu verstehen.

Ede Odaso 19.08.2016 | 10:57

Ich weiß nicht recht, in welcher Welt sie wohnen, aber die Vorstellung, die meisten wüssten, wie mit Verallgemeinerungen umzugehen, entbehrt jeder Grundlage. Tatsache ist ja schon, dass in Deutschland der Rechtsextremismus ein viel größeres Problem ist als der radikale Islamismus. Nun, dann müssen sich wohl die Deutschen damit abfinden, dass sie halt alle Nazis sind, oder entspricht das nicht ihrer Argumentation? Und der Vorwurf der Ineffzienz, den Schuh müssen sich ja gerade die Undifferenzierenden anziehen. Ein Hauptproblem für die Radikalisierung von Menschen ist ja gerade, dass sie sich stigmatisiert und ausgegrenzt fühlen. Ich lasse es jetzt mal dabei, ich kann nicht den halben Vormittag damit verbringen, schlampige Argumentationen auseinander zu nehmen.

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Lethe 19.08.2016 | 13:18

Biskamps Thesen sind sicherlich gut gemeint, ignorieren aber, zumindest im Rahmen des Interviews, den Umstand, dass mehr oder weniger jede Verallgemeinerung Absichten verpflichtet ist. Die häufigste Absicht lässt sich in der Selbstvergewisserung der Überlegenheit der eigenen Positionen erkennen, die zum Vorrang der eigenen Ansprüche führt. Aufklärung ist, aus dieser Perspektive betrachtet, kaum mehr als eine neue Weise der Machtbegründung, was letztlich dazu führt, dass diejenigen, die an dieser Macht nicht partizipieren, für Aufklärung kaum mehr als ein Schulterzucken übrig haben.

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Ehemaliger Nutzer 19.08.2016 | 13:26

Dass es "den Islam" nicht gibt, sondern eine grosse Zahl von unterschiedlichen religiöser Strömungen mit teilweise rücksichtslosen Machtkämpfen, das wird jeder hier wissen.

Dass "der Islam" im Koran und den Hadiths zum Krieg gegen Nicht-(Anders-)Gläubige aufruft und dass der Prophet Mohammed die Durchsetzung seine Botschaft mit kriegerischen Mitteln selbst betrieben hat, unterscheidet den Islam z. B. vom Christentum. Die Trennung in eine Welt der Gläubigen (- gleichgesetzt mit Welt des Friedens) und eine Welt der Ungläubigen (- gleichgesetzt mit Krieg, zu bekriegen) soll sunnitischen Ursprungs sein. Dennoch bedeutet dies weder, dass jeder Muslim heute Andersgläubige umbringen will oder muss, noch dass die Christen in der Vergangenheit friedlich waren.

Dass der Islam seit 630 militärisch expansiv war und die jüdischen und christlichen Gebiete mit Waffen erobert hat, ist ebenso Geschichte wie die Erfindung des "heiligen (christlichen) Krieges" durch die Päpste Gregor VII und Urban II. Die Kreuzzüge dauerten 150 Jahre und hinterher war´s vorbei, und das war´s dann.

Warum also heute der Hass? Dass zur Zeit Machtkonflikte religiös angeheizt werden wie in den Irak-Iran-Kriegen, wird im IS deutlich. (Und man kann nicht bestreiten, dass die Diktatoren Saddam Hussein und die Assad-Fam. ihre Staaten ohne Bürgerkrieg regierten. Hätte da der Westen (- und dazu zähle ich historisch Russland) die Finger besser heraus gehalten? Ja. Andererseits: Gewaltherrschaft ) durch Minderheiten explodiert immer irgendwann, auch ohne externe Einmischung.)

Ein von den religiösen Unterschieden nicht zu trennender Faktor ist die wirtschaftliche Unterlegenheit der arabischen Welt. Dort sind in den vergangenen 3 Jahrhunderten weder wesentliche wissenschaftliche, organisatorische, gesellschaftliche noch insbesondere die technologischen Innovationen entstanden, welche die Moderne ausmachen. Während asiatische Länder wie Japan und China die Modernisierungsprozesse im Schnellverfahren nachvollzogen haben, ist das in der arabischen Welt weitgehend unterblieben.

Wenn oftmals eine innere Reform des Islam (- von äusseren oder inneren Autoren) gefordert wird, um den Modernisierungsprozess zu ermöglichen, müsste diese das Verhältnis von weltlicher und religiöser Macht klären, so wie es vor 1000 Jahren das Christentum machte: Die erreichte Balance (Stichwort Investiturstreit) klärte, dass des Papstes Reich "nicht von dieser Welt" ist, auf der anderen Seite wurde klargestellt, dass die Kirche keine Staatskirche unterhalb der weltlichen Macht ist. Ein Primat der Religion im Weltlichen führt zum IS- oder auch Mullah-Staat, eine Staatskirche nach byzantinischem Muster führte beispielsweise zur russischen Monarchie. Im Moment scheint das in Form der nationalistischen, vom Staat gesteuerten Kirche in Moskau (teilweise) gepflegt zu werden.

Wie auch immer die Modernisierung erst des Westens (= im Bereich der römischen Westkirche) abgelaufen ist - sie war insofern erfolgreich, als sie diese Gesellschaften erfolgreicher werden liess als die islamischen Staaten. Die Überlegenheit der islamischen Gesellschaften in Wissenschaft, Kultur und Bildung war nach dem 15. Jahrhundert vorbei, von dem 17. an lässt sich das auch an dem wirtschaftlichen Niedergang ablesen.

Wenn die IS-Propaganda nun den ursprünglichen Islam preist und gesellschaftlich dorthin zurück will, schliesst das an eine Zeit an, als man expandierte und geistig-wissenschaftlich innovativ war. Und als man aufbrach, die ganze Welt zu beherrschen. Aber ob das mit zusammengekaufter westlicher Technologie, iPhone, Toyota und Kalaschnikow erneut gelingen kann?

Ede Odaso 19.08.2016 | 22:17

Ach je, aus meiner Sicht ist das Halbwissen, was derzeit ständig und überall wiederholt wird. Dass der Islam mit kriegerischen Mitteln von Mohammad durchgesetzt wurde, lässt sich sehr gut begründet bestreiten. Zu Mohammads Zeiten lässt sich viel eher von Selbstverteidigung sprechen. Auch der Koran lässt sich wohlbegründet so lesen. Es wäre schön, wenn Sie auch einmal nicht so extreme Postitionen lesen würden, dann würden sie auch nicht denken, dass das hier Standard ist, was sie hier ausführen. Man könnte beispielsweise einmal "Demokratie im Islam" von Gudrun Krüger lesen. Und die Aussage, dass mit dem Christentum nach 150 Jahren mit Kriegen und Gewalt vorbei war, ist extrem gewagt bis unfassbar geschichtsblind. Das ist wirklich das Problem: Im Gewandt der Islamkritik tauchen gerade alle möglichen rechten Thesen auf und verbreiten sich.

Ede Odaso 19.08.2016 | 22:20

Und dass der arabischen Raum auf Grund seiner "Kultur" wirtschaftlich unterlegen ist, ist nur eine, und zwar eine recht extreme Position, und zwar eine sehr rechte. Es gibt für diese "Unterlegenheit" so viele möglichen Gründe, und sie stimmt ja im Übrigen so gar nicht. Man muss ja nur auf die Golfstaaten oder auf die Türkei gucken (ja, die ist nicht arabisch, es wurde ja ein Zusammenhang zum Islam gezogen. Wie siehts übrigens mit Indonesien aus?)
Nochmal: Ich muss das leider als geballtes und gefährliches Halbwissen bezeichnen.

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Ehemaliger Nutzer 19.08.2016 | 23:05

Wenn Sie diese Darstellung für extrem halten, dann haben wir unterschiedliche Ausgangspunkte. Die 150 Jahre bezogen sich auf die Dauer der sog. Kreuzzüge, also der von den Päpsten angezettelten Heiligen Kriege. Dass vorher und insbesondere nachher Christen Machtkriege untereinander geführt haben, hat nichts mit em islam zu tun.

In den Inhalten haben Sie nichts widerlegen können.

Welche Gründe Sie für die - ich wiederhole - wissenschaftliche und wirtschaftliche Stagnation der arabischen Völker ab ca. 1300 und danach der enRückständigkeit aufbieten können, haben Sie nicht verraten. Kommen Sie nicht mit dem westlichen Kolonialismus: Das war später.

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Ehemaliger Nutzer 19.08.2016 | 23:34

"Wie siehts übrigens mit Indonesien aus?"

Das können Sie selbst nachlesen. Wenn Sie dort waren und ggf. eine Zeit gearbeitet haben, wissen Sie, dass dort ein anderer Islam gelebt wird als in arabischen Ländern. Ist auch keine Staatsreligion, und Christen werden staatlicherseits nichts drangsaliert. (Und auch nicht, wie der Prophet befahl und wie es bis ins Osmanische Reich Praxis war, Extrasteuern zahlen müssen. Wie die Juden zB im viel gelobten Preussen von Friedrich II.)

Der Islam wird in Indonesien nicht so hervor gekehrt wie beim Nachbarn Malaysia. In MY besteht die - für Aussenstehende merkwürdige -"Aufgabenteilung", dass Muslims die politische, administrative und militärische Macht in den Händen haben, Chinesen die Wirtschaft managen und die indische Gruppe die Arbeitskräfte für praktische Dienstleistungen stellt. Der Islam ist Staatsreligion, das begründet die politische Macht.

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Wenn Sie meine Darstellungen als "gefährliches Halbwissen" bezeichnen, als Antwort drei Anmerkungen:

a. Alles Wissen ist begrenzt; ich hätte nicht gewagt zu behaupten, die Hälfte des Wissens erreicht zu haben.

b. Was sehen Sie an diesem (Halb-)Wissen als "gefährlich" an?

c. Warum muss die jede kritische Anmerkung über islamische Entwicklungen als "rechts" eingeordnet werden?

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Ede Odaso 20.08.2016 | 10:12

Mist. Gerade habe ich eine längere Antwort umsonst geschrieben. Sie verzeihen, wenn ich nun nicht den ganzen Vormittag mit einer langwierigen Diskussion, bei der auch kein "Beweis" möglich ist, zubringe. Ich halte es also kurz und antworte nur auf einen Teil ihrer Argumente (und das auch nur kurz) in der Hoffnung, wenigstens zu zeigen, dass die Gegenposition zumindest plausibel ist.
Die Antwort mit dem Halbwissen ist witzig, aber was ich mit dem Vorwurf sagen möchte, ist dass das sehr einseitiges Wissen ist. Also relativ viel von einer bestimmten Art von Information und wenig von einer anderen.
Wenn ich von der Gewalt im Christentum spreche, meine ich, dass viele, viele Kriege, Gewalt, Unterdrückung und die ultrabrutalen Kolonisierungen mit dem Christentum gerechtfertigt wurden. Ich behaupte, dass geht ganz gut. Man braucht nur einer bestimmte Interpretation zu folgen. Das gleiche gilt für den Islam. Es gibt ja dann beispielsweise auch die 70000 Kleriker, die Daesh als unislamisch verurteilt haben und die 98 Prozent der Araber, die Daesh völlig ablehnen. Wenn "der Islam" nun so blutrünstig und so nahe an Daesh wäre, dann wäre das eben nicht so. Der Islam lässt sich auch durchaus und mit gutem Recht positiv und fortschrittlich interpretieren. Kennen sie Mahmud Taha?
Ich bin ja für Kritik an autoritären Denk- und Sichtweisen, aber wenn sie das Interview etwas gründlicher lesen, merken sie, dass da recht viel drin steckt, unter anderem auch die Antwort darauf, warum man deutlich vorsichtiger und präziser mit der Islamkritik sein sollte, als es gemeinhin passiert. Ich habe sehr den Eindruck, dass die meisten hier nur sehr schlampig lesen und völlig einige sehr gute Argumente, die Herr Biskamp vorbringt, übersehen. Leider. Die sind nämlich wichtig.

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Ehemaliger Nutzer 20.08.2016 | 20:09

Mein Ansatzpunkt war die Feststellung, dass die den Untertitel zierende Aussage "Den Islam gibt es nicht" so banal ist, dass sie wohl von keinem der den Papier-Freitag bzw dies Form Lesenden bestritten wird. Pauschale Islam-Kritik wäre nicht anders als pauschale Religionskritik - aber das ist nicht das Thema des Interviews. Insofern fühlte ich mich mit dem Interview unterfordert.

Denn unter den verschiedenen islamischen Strömungen gibt es durchaus einige, mit denen man sich näher befassen sollte. Vor Kurzem gab es einen Artikel in der FAZ, in welcher die Sufi-Richtung als "weiche", friedliche Variante des Islam gewürdigt wurde, diese gelte es zu unterstützen. In den Diskussionen wurde - richtig - darauf hingewiesen, dass auch dort alte, für unsere Gesellschaft inakzeptablen Familien- und Frauenbilder sowie Feindschaft gegen Homosexualität vertreten werden.

Wer über die Hintergründe des Konfliktes zwischen Sunniten und Schiiten einiges gelesen hat oder das Islambild von David Kermani, weiss um die Vielfalt des Islam.

Wenn Sie schreiben "Der Islam ... lässt sich fortschrittlich interpretieren", dann müsste man präzisieren, auf welche Variante gemeint ist. Aber das Grundproblem bleibt: Wenn der Anspruch auf Gestaltung einer ganzen Gesellschaft nach dem Koran und den Hadiths verfolgt wird, steht dies im Gegensatz zu modernen Gesellschaften. Der indische Ökonom Pankaj Mishra hat in "From the ruins of the empire" dem im politische Islam bekannt gewordenen al-Afghani (Autor und Aktivist) viele Kapitel gewidmet; dieser hatte im 19. Jahrhundert vielfache Versuche unternommen, staatliche Modernisierung und Islam zusammen zu bringen und stiess u. a. auf die strukturellen Probleme, die ich genannt habe.

Eine Anmerkung zum Schluss: Mich verwundert, dass Sie in Ihrem ersten Kommentar alle Meinungen als "rechts" usw abtun, die nicht Ihren entsprechen.

Ede Odaso 21.08.2016 | 19:12

Ich halte das überhaupt nicht für banal, weil derzeit Islamkritik Volkssport ist, und die Foren und Kommentarfunktionen derzeit überflutet werden, von Leuten, die ihr Fußballexpertentum gegen Islamexpertentum eingetauscht haben, und von denen unheimlich viele die These des "der Islam ist inhärent faschistisch" vertreten. Schon, dass fast 60 Prozent der Deutschen meinen "der Islam" passe nicht zu Deutschland, deutet doch darauf sehr stark hin.
Mir ist klar, dass diese wirtschaftspolitische Idee so diskutiert werden kann und auf vernünftige Weise auch darf, aber das werden wir hier nicht befriedigend lösen können. Ich möchte nur darauf hinweisen, dass ich mit solchen 'Aussagen sehr vorsichtig wäre. Bis vor Kurzem war noch Standard zu glauben, Länder wie China seien zu autoritär um im kapitalistischen Wettbewerb mithalten zu können. Und gerade die Türkei und Indonesien sind ja wie gesagt ein Beispiel dafür, dass ein stark islamisch geprägtes Land wirtschaftlich erfolgreich sein kann.
Sie wenden ein, dass der arabische Raum ja anders sei, aber wir sprechen ja nun vom Islam, oder nicht?

Für mich sind kulturalistische Erklärungen rechts, weil sie "Kultur" als einzigen historisch relevanten Faktor sehen. Aber "Kultur" ist ein recht problematischer Begriff. Weder sind Kulturen homogen, noch sind sie unabhängig von einer Vielzahl von anderen Faktoren zu sehen. Ich wollte damit nicht persönlich werden, aber grundsätzlich scheint mir diese Kritik schon Substanz zu haben.

Um es aber zu betonen, selbstverständlich ist jeder politische Islam abzulehnen.


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Ehemaliger Nutzer 21.08.2016 | 22:47

Schönen Sonntagabend. Ich lerne gerne dazu, auch neue Begriffe wie kulturalistisch und die damit verbundenen Interpretationen.

Für mich als Nicht-Sozialwissenschaftler sehr spannend, kann man ja alles googeln. Mittlerweile bin ich bei Artikeln über Neorassismus: Mit dieser Zuordnung leben danach heutzutage vor allem Historiker, sobald sie sich mit anderen als den eigenen Gesellschaften befassen.

Gut, dass ich auch kein Historiker bin.