Der chinesische Henker

"Krieg" spielen. Die USA und ihre Verbündeten sehen sich von Russland und China ökonomisch und militärisch bedroht. Der Westen reagiert pathologisch. China hat die USA beim Bau von Supercomputer heimlich übertrumpft . Kalter Krieg 2.0 oder mehr?
Bei diesem Beitrag handelt es sich um ein Blog aus der Freitag-Community

1. Knappe Lagebeschreibung

China und Russland haben dem "Westen" 2021 permanent Schwierigkeiten gemacht.

Migranten an der polnischen Grenzen, russischen Truppen nahe der Ukraine, chinesische Bomber ueber Taiwan, chinesisches Embargo gegen Litauen, Russland fordert Vertraege, die seine Suedgrenze sichern, China und Russland "vertiefen" ihre oekonomische und militaerische Zusammenarbeit usw.

2021 konnte Angela Merkel viele dieser Konflikte durch persoenlichen Gespraeche mit den Akteuren der "anderen Seite" entschaerfen.

Der "Westen", insbesonder Deutschland, ist auch gegenwaertig aussenpolitisch gefordert, doch ohne Merkel kaum noch handlungsfaehig. Die neue deutsche Aussenministerin wird weder in Europa noch in den USA ernst genommen. Alles dreht sich um Corona. Aussenpolitik findet nicht statt.
In den USA sieht's nicht besser aus. Die Institutionen der USA sind in innenpolitische Kaempfe verwickelt, die das Land laehmen. Hinzu kommt, dass die Auseinandersetzungen zwischen den west- und osteuropaischen EU Staaten auch Entscheidungen der Nato blockieren.

Es ist daher nicht ueberraschend, dass der "Westen" auf politischen Herausforderungen eher pathologisch antwortet. Ein Einmarsch Russland in die Ukraine wird imaginiert, der zu harschen Reaktionen fuehren wuerde, drohen Nato, EU und G7. Schrille Propanda.

China und Russland dagegen reagieren auf die Aufregungen im "Westen" mit Angeboten fuer Gespraeche mit Biden und seine Beratern.

Das alles erinnert an ein absurdes "Spiel", bei dem keiner die Beteiligten nachgeben will. Gefaehrlich.

2. Das "Spiele" der Grossmaechte ist kein Kalter Krieg 2.0

Oekonomisch-militaerischer "Kriege" werden seit Jahrzehnten nicht mehr im Sandkasten und an der Wandtafel geplant, sondern auf Computern. Je groesser desto besser. Jahrzehnte lang hatten die USA immer die besten IT-Maschinen mit ueberlegenen Kriegs-Spiel-Algorithmen.
Auch jetzt wird in Oak Ridge daran gearbeitet, die dortigen CIA Grossrechner mit einem Exa-Scale Computer aufzuruesten:

"..build the world’s fastest systems. That can be seen with the upcoming exascale systems, which are being built by HPE and involve components from the likes of Intel. " (DoE, August 2021, s.u.)

Eine US-Fachzeitschrift fuer Rechenzentren hat allerdings vor kurzem (Nov 2021) ermittelt, dass China bereits seit mindestens sechs Monaten zwei Exa-Scale Maschinen betreibt.
Ein technologischer Schock fuer die USA, deren bisher groesster Penta-Scaler mit "nur" 10**15 Rechenschritten pro Sekunde arbeiten, waehrend die chinesischen Ex-Scaler 10**18 Rechenschritten pro Sekunde "koennen". Das bedeutet eine Computer-Generation Vorsprung fuer China.

Das US-Departement of Energy (DoE), dass die industrielle Computerentwicklung in den USA mit Milliarden finanziert, hat denn auch aergerlich und oeffentlich kritisiert, dass die US-IT-Industrie nur an die eigenen Profite denke. Fuer die staatlichen Aufgaben wuerden die Firmen nichts leisten.

"..... because a commercial IT market that can be measured in the trillions of dollars isn’t going to help solve big societal problems. The money that can be made can become the focus of vendors, so the goal is to find companies that can look beyond the immediate financial gains." (DoE)

Verstandlicher Aerger, der aber nichts am IT-Rueckstand der USA aendert.

Einschub: Wie konnte es soweit kommen?

2015 hatten die USA, aehnlich wie im Kalten Krieg, US-Firmen den Verkauf von High-Performance-Computern (HPC) und Computer-Bauteilen (vor allem chips) an China verboten.
Im Kalten Krieg hatten solche Sanktionen gewirkt. Die Rechner der SU waren immer "zweite Wahl". China hat jedoch in nur 5 Jahren u.a. durch Hilfe aus Taiwan, leistungsfaehige Chips und seine modernen Exa-Scale Grossrechner entwickelt.

Im Gegenzug konnte uebrigens Taiwans TSMC Konzern in Suedchina eine Chipfabrik aufbauen, die fuer den europaeischen Markt produziert. (Soviel zur "Angst" zwischen China und Taiwan.)


3. Zurueck zum "Krieg" spielen

Russland und China haben ihre oekonomisch-militaerischen "Spiel-Zuege" in den europaeischen und asiatischen Konflikten mit den USA offensichtlich abgestimmt und mit Hilfe von Simulationen auf den neuen Exa-Scalern optimiert. Bisher haben China und Russland die "Oberhand".

Man kann davon ausgehen, dass die CIA seit einiger Zeit informiert ist und die US-Regierung zur Vorsicht gemahnte hat.
Darum ist Biden auch sehr schnell auf die Forderung Russlands eingegangen, den Ukraine-Konflikt bilateral zu klaeren. Das Normandie-"Format" wurde gekippt, oestliche Nato-Staaten und die Ukraine koennen nur wortreich behaupten, sie waeren in die Gespraeche "eingebunden".
Und nach 2 Jahren Stillstand, soll auch der Nato-Russland Dialog wieder aufgenommen werden, obwohl noch vor wenigen Wochen russischen Diplomaten aus dem Nato-Hauptquartier machen rausgeworfen wurden.

In der Oriental Revue hat M.K. Bahdrakumar am 3.1. die vielen "Mitspieler" und Interessen im Ukraine-Konflikt aufgezaehlt. Beeindruckend. Der Ukraine-Konflikt ist eben nicht isoliert, sondern ein politik-typisches, "kombinatorisches" Problem Mitteleuropas, das aber durch eine parallele Simulationen auf einem sehr grossen Computer (hoffentlich) zu "beherrschen" ist.


4. Moegliche Effekte eines erfolgreichen Ukraine-Spiels

Gegenwaertig ist der Westen beim Ukraine-Spiels in der Defensive. Der weitere Verlauf ist kaum vorherzusagen. Darum beschraenke ich mich auf eine Liste moeglicher Spiel-Effekte.

Ein "Schiesskrieg" wegen der Ukraine ist nicht im russischen Interesse, da Putin ueber den Oligarch Ihor Kolomoiskij die Politik der Ukraine (im russischen Sinne) "lenken" kann.

Russland wird sein Ziel der Sicherung seiner Suedgrenze fortsetzen und den "Westen" noch staerker als bisher militaerisch und oekonomisch herauszufordern. Geichzeitig wird China den Handelskrieg mit den USA verschaerfen. The game must go on.

Der "Westen" dagegen ist mit seinen - gesellschaftspolitisch notwendigen - "Gender"-Debatten und Humanrights-Diskussionen beschaftigt und durch den Einfluss der Neocons sozial verunsichert. Geopolitische Themen bleiben im Hintergrund.

Russland und China werden den Druck auf den "Westen" verstaerken. Entspannung ist nicht zu erwarten. Die USA und ihre Verbuendeten haben zu lange gegen die Interessen Russlands und Chinas Politik gemacht. Diese Politik der USA hat Thierry Meyssan aktuell (5.1.22) in der Oriental Review aus russisch/chinesischer Sicht zusammengefasst und Ziel und die politisch-militaerischen Mittel benannt, um die hegominiale Politik des "Westens" zu revidieren. Meyssan uebertreiben (wie immer), doch er verdeutlich Positionen und Argumentationen Russlands und Chinas, die in den westlichen Medien kaum auftauchen.

Im weiteren Verlauf des "Spiels", das Russland und China dem "Westen" aufgezwungen haben, werden sich die Spannungen innerhalb des "Westens", zwischen Ost- und Westeuropa sowie zwischen den europaeischen Nato-Staaten und den USA verschaerfen.

Der zerstrittene "Westen" wird ueber kurz oder lang den von Russland geforderten Verhandlung ueber Sicherheits-Garantien fuer dessen suedlichen Grenzen zustimmen und Zugestaendnisse machen.

Im Handelskrieg mit China und Russland muss der "Westen" mit den ueberlegenen politisch-oekonomischen Planungs-Instrumenten seiner Kontrahenten rechnen und "Verluste" in Kauf nehmen.

Vermutlich wird ein chinesischer "Kapitalismus" entstehen. China beschneidet bereits die Profite seiner Billionaere. Auch westliche "Investoren" sind davon betroffen. Einige chinesiche Konzerne haben bereits die amerikanischen Boersenplaetze verlassen.

China hat in Europa einige Handelsstuetzpunkte, die es jetzt gegen US-Einfluesse absichern kann.

China wird seinen IT-Vorsprung in weitere politisch-oekonomische Erfolge ummuenzen und auch die Entwicklung neuromorpher Computer forcieren. Mit diesen Rechnern koennte China dann das "Welt-Spiel" dominieren.

P.S.

Die alte story vom chinesischen Henker

Der chinesischer Henker hat einem Delinquenten den Kopf abgeschlagen.
"Ich merke gar nichts", sagt der Delinquent.
"Nicken Sie mal", sagt der Henker.

Uebrigens, irgendwann werden auch die westlichen Medien begreifen, dass ihre US-zentrierten Weltbilder nicht mehr stimmen. Geduld.

Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

Aussie42

Mauerberliner(West) bis 1996, 10 Jahre meditieren in Indien bis 2010, jetzt in Australien. Deutschland weit weg.
Aussie42

Kommentare 182