Mein Abend mit Frau Berg und Musik und so

Lesung Frau Berg, die "erbarmungsloseste Schriftstellerin" aller Zeiten liest in der Münchner Volksbühne aus ihrem neuen Kunststück "Der Tag, als meine Frau einen Mann fand"
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Das sind sie dann also. Die Momente die uns vor Aufregung dann doch nochmal durchdrehen lassen. Frau Berg kommt nach München. An der Volksbühne wird sie mit musikalischer Untermalung aus ihrem neuen Buch Der Tag, als meine Frau einen Mann fand lesen. Die Autorin tourt derzeit durch Deutschland und nimmt sich immer irgendeine regionale Größe an die Seite. Diese dürfen dann lesen. Mit ihr. In Berlin war es Christian Ulmen, der irgendwie passt, in seiner Frechheit und in der Haltung nicht speziell sein zu wollen, sondern speziell zu sein.

In München kommt auch wer hinzu. Ich weiss nicht wer, will es auch nicht wissen. Das einzige was ich sehe ist, dass er sich durch den Text holpert, der grauhaarige Mann. So sehen in München also die regionalen Größen aus: lichte-graue Haare, etwas unsicher, der Blick auf das Buch heftend und so kurz vor Feierabend dann mal aus sich rauskommend. Wenn Moshammer noch nicht von irgendeinem Menschen getötet worden wäre, dann hätte der Mosi unbedingt an Frau Bergs Seite lesen müssen. Beim nächsten Mal werde ich es wohl machen.

Ich bin über eine Stunde zu früh am Vorstellungsort. Bestelle mir einen Weißwein. „Heute gibt es sogar Weißen Burgunder“ sagt die Frau hinter der Theke. Mit einer Brezen kann die Gute aber nicht dienen. Ich nehme mir eine Tüte Nüsse als Ersatz.

Ein Mann setzt sich neben mich. Gert (ja mit „t“), hat keine Ahnung was er hier soll. Er hat noch nie etwas von der Autorin gehört. Ich erzähle ihm vom neuen Buch.

Rasmus und Chloe seit tausend Jahren verheiratet, haben sich aneinander gewöhnt und sind irgendwie an irgendeinem Ort, dort draußen. Der eine hat sich arrangiert mit dem Status Quo und die andere findet, dass alles nochmal von vorne anfangen könnte. Schmetterlinge im Bauch, auch wenn er altersbedingt hängt. Benny soll Abhilfe schaffen. Chloe ganz verrückt. Gibt nichts auf und lässt alles zu. Es gibt wohl nur zwei Momente in denen wir ignoranter kaum sein können. Im Verliebtsein und nach der Geburt der ersten Kinder. Sibylle Berg erzählt nicht vom Scheitern, macht keine Vorwürfe, sondern konfrontiert (mal wieder) mit der Peitsche die das Leben heißt. Liebe vs Sex? Ein Boxkampf ohne Ende.

Gert hört mir zu. Der gelassene Mitte 50er, schmale Hornrahmenbrille, wie sie die Hippster aus dem Glockenbachviertel jetzt tragen, erzählt mir dann von seiner Begegnung mit Elfriede Jelinek. Damals, kurz bevor die Klavierspielerin rauskam. Klasse Typ, denke ich. Meine Gedanken hängen vollkommen woanders. Frau Berg kommt. Seit Gold, Amerika und Ein paar Leute suchen das Glück und lachen sich tot, habe ich gedacht: Irgendwann sehen wir uns. Beim ersten Buch war ich gerade 17 und hatte Else Buschheuers RUF MICH AN! verschlungen. Frau Berg war eine Explosion an Geradlinigkeit und Unverschämtheit. Niemand schafft es, die Realität so unverfälscht und gescheitert zu präsentieren. Jeder Satz ist ein abgetrennter Kopf, serviert auf einem goldenen Tablett. Wir leben in Missverständnissen und das ist irgendwie auch gut so.

Gert will mich nach der Vorstellung noch auf einen Drink einladen. Ich habe derweilen ganz andere Sorgen. Wie komme ich auf Zehenspitzen zu einem Foto von Frau Berg?

Das Theaterklingeln klingelt. Es ist soweit. Ich sitze in Reihe 23, hinter mir das Nichts und vor mir die Meute. Trotzdem kann ich sie sehen, die Königen des Zynismus, die einzige Person auf der Welt die mir die 7 Weltmeere der Menschheit erklären kann. Sie liest, macht ein paar schüchterne Witze. Meine Hände sind taub, ich möchte gerne meine Nüsse essen, aber das Knistern würde den Hass des Publikums auf mich ziehen. Und jeder weiss, mit den Münchnern ist nicht zu spaßen. Hier wird nicht gelacht, sonst gibt es auf die Finger.

Die zwei Stunden vergehen wie im Fluge. Ich möchte nicht aufstehen, als das Licht angeht. Einige 100jährige springen auf, bevor der Applaus verhalt. Jaja, denke ich, der Weg zur Toilette ist lang und beschwerlich.

Frau Berg und ihre Begleiter verbeugen sich nett und ehe ich mich versehe, stehe ich im Foyer und warte auf sie. Die Tür öffnet sich, ich mache sofort (ohne zu fragen!) ein Foto. Sie schaut mich an und jetzt wäre es wirklich an der Zeit mich zu schämen. Sie kommt auf mich zu, geht an mir vorbei, lächelt, zwinkert, macht irgendetwas mit ihren Augen. Ich fühle mich so klein. Ich denke irgendwie an Cleopatra und halte Ausschau nach den Fruchtschalen, die ihr genau jetzt gereicht werden müssten. Hinter mir wird Frau Berg von einer langweiligen Frau umarmt. Busserl links, Busserl rechts und dann ein paar nette Worte zur Königin. Kurz darauf, ich halte mein Buch bereits in der Hand, steht die Autorin am Tresen und signiert. Geduldig, scherzend, leise. Jemand ruft ihr irgendetwas zu. Sie schaut und sagt: „Halte mir einen Platz frei!“. „Und ich? Wo soll ich sitzen?“ denke ich.

Dann, ich bin an der Reihe; Sie lächelt wieder oder immernoch. Wir reden ein paar Sätze. Diese Sätze gelten nur mir und irgendwie möchte ich Frau Berg grad umarmen. Aber dann stehe ich schon draußen, mit Gert und seinem Fahrrad. Die Realität kann so weh tun.

"Der Tag, als meine Frau einen Mann fand" erschienen im Hanser Verlag

16:22 01.03.2015
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Geschrieben von

Martinus Oktobre

Moral, Moral ist wer moralisch ist, versteht er?
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Martinus Oktobre

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