Recht auf Faulheit

Tag der Arbeit Plädoyer für eine 20-Stunden-Woche
Bei diesem Beitrag handelt es sich um ein Blog aus der Freitag-Community
Recht auf Faulheit

Credits:Rodrigo Arangua / Getty Images

Welche Partei, Gewerkschaft oder Bürgerinitiative fordert endlich die 20-Stunden-Woche? Vier Stunden Arbeit am Tag, der Rest unserer Lebenszeit gehörte uns: Zeit für Freunde und Familie, Zeit zum nachdenken, lesen, Musik machen, Zeit dafür, sich gegen Missstände zu engagieren und Ideen zur Verbesserung zu ersinnen, Zeit für all die Dinge, die uns Spaß machen.

Denn die viel beschworene Freiheit, die es anzustreben lohnt, ist nicht die Freiheit, zwischen zwanzig Sorten Waschmittel zu wählen, sondern die Freiheit, über die eigene Lebenszeit zu verfügen.

Dementsprechend reduzierte sich die Arbeitszeit in Deutschland mit zunehmender Demokratisierung: 1825 betrug die wöchentliche Arbeitszeit laut Wikipedia noch 82 Stunden, knapp 100 Jahre später waren es 48 Stunden, heute sind es 35 bis 40. Damit zeigt sich: Je geringer die Arbeitszeit, desto höher der Lebensstandard für alle, je höher die Arbeitszeit, desto ungleicher, inhumaner und weniger demokratisch eine Gesellschaft.

Gemessen an den technischen Möglichkeiten und dem freiheitlich-demokratischen Anspruch, den sich die westliche Welt auf die Fahnen schreibt, sollte die Zeit reif sein für eine weitere Verkürzung der Arbeitszeit. Und anders, als es Unternehmens- und Wirtschaftsverbände glauben machen wollen, wäre das nicht nur für den Einzelnen, sondern für die Gesellschaft in ihrer Gesamtheit sinnvoll: Die aufgrund fortschreitender Digitalisierung und Automatisierung weniger werdenden Arbeitsplätze würden gerechter verteilt und es gäbe mehr Vielfalt in den Betrieben, was diesen zugute käme (http://www.zeit.de/karriere/2016-11/diversity-management-vielfalt-vorteil-unternehmen).

Kurze Arbeitszeiten verhinderten arbeitsbedingte Krankheiten wie Burnout, Depression oder Rückenleiden, und es ist fraglich, ob vier Stunden konzentrierter Arbeit nicht sogar effizienter wären als acht gerade so durchgestandene, wie der an der Stanford University lehrende Alex Soojung-Kim Pang meint (https://www.theguardian.com/money/2017/jan/22/alex-soojung-kim-pang-interview-rest-why-you-get-more-done-when-you-work-less).

Falls eine 20-Stunde-Woche aber doch zu einer Schrumpfung der Wirtschaft führen sollte, wäre das der möglicherweise noch größere Nutzen. Denn der beste Klimaschutz ist ein gebremstes Wachstum, wie sich während der Wirtschaftskrise ab 2008 zeigte: Der CO2-Ausstoß sank während der Rezession stärker als in den vierzig Jahren zuvor (http://www.fr.de/wirtschaft/co-2-ausstoss-krise-schuetzt-klima-a-1080977).

Entschleunigung würde aber auch dem Menschen gut tun: So mutmaßt etwa der Spiegel in einer seiner letzten Titel-Geschichten, wir kämen mit der Geschwindigkeit des technischen Fortschritts nicht mehr mit, und die Politik hinke mit notwendigen Reformen hinterher.

Natürlich halten die angeblichen Realisten dagegen: Wie soll das funktionieren, wer soll es bezahlen, wer könnte es umsetzen?

Ich bin mir sicher: Es geht, wenn wir es wollen. Genau so, wie ein bedingungsloses Grundeinkommen finanzier- und machbar wäre. Denn auch das gehörte zu einem freien Leben: Dass das Menschenrecht auf angemessen bezahlte und frei gewählte Berufsausübung nicht zum Zwang zur Arbeit umdefiniert wird. Wer argumentiert, dass dann niemand mehr arbeiten ginge, folgt derselben Logik, mit der ein Sklavenhalter die Abschaffung der Sklaverei für unmöglich erklärte. Es ist genau andersherum: Wer Freiheit nicht als Freiheit der Konzerne versteht, unter möglichst billigen Arbeitskräften zu wählen, sondern als Freiheit des Einzelnen, über sein Leben zu bestimmen, für den muss Arbeit so attraktiv gestaltet werden oder so notwendig sein, dass sie freiwillig erledigt wird. Ansonsten eben nicht.

Doch ein solches Denken setzte voraus, die protestantische Arbeitsethik über Bord zu werfen. Muße dürfte nicht länger als Laster verunglimpft, sondern als schön und wichtig begriffen werden, und als etwas, das uns zusteht.

Mit Paul Lafargue sollten wir unser „Recht auf Faulheit“ einfordern, und mit Oscar Wilde von einer Gesellschaft träumen, in welcher Maschinen die hässlichen Arbeiten übernehmen und sich der Mensch den schönen Dingen des Lebens widmen kann. Die Niederschrift dieser Utopie, „Der Sozialismus und die Seele des Menschen“, empfehle ich als mußevolle Lektüre für den Tag der Arbeit.

21:43 30.04.2017
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.

Kommentare 9

Avatar
Ehemaliger Nutzer | Community