Wider den digitalen Determinismus

Digitalisierung Wie kann das digitale Zeitalter menschlicher gestaltet werden? Silicon-Valley-Kritiker Andrew Keen stellt in Berlin sein aktuelles Buch „How to fix the future“ vor
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Wider den digitalen Determinismus
Die Digitalisierung kann viele Probleme lösen, aber sie schafft auch neue

Foto: Barbara Davidson/AFP/Getty Images

Wenn Menschen aus dem Inneren eines Systems Kritik üben, erscheint das meist besonders effektvoll. Andrew Keen ist so jemand: ein Unternehmer aus dem Silicon Valley, früher überzeugt von den positiven Effekten des digitalen Zeitalters – bis ihn die Skepsis einholte. „Ich war einer von denen, die daran geglaubt haben“, erzählt er beim Format sitzungswoche lecture im Telefónica BASECAMP in Berlin. Dort stellte er am 20. September sein aktuelles Buch „How to fix the future“ vor, das auf Deutsch unter demselben Titel erschienen ist.

2002 oder 2003 habe er dann gemerkt, dass die digitale Revolution nicht die positiven kulturellen Effekte haben würde wie angenommen. „Das Gegenteil war der Fall.“ Auf eine gewisse Art und Weise sei es ein Akt der Demokratisierung, wenn jeder alles im Internet veröffentlichen könnte. „Aber es unterminiert professionelle Expertise.“ Dieses Prinzip diene dem Narzissmus einiger weniger und verwirre viele Menschen, die nicht mehr wüssten, was wahr sei und was falsch.

Während Keens erste drei Bücher vor allem die negativen Folgen der digitalen Revolution aufzeigen sollten, ist das vierte nun positiver – es blickt in die Zukunft und sucht nach Lösungen. Heutzutage würde nicht einmal mehr Mark Zuckerberg behaupten, dass Facebook die Menschheit vereine und nicht durch ausländische Kräfte korrumpiert worden sei, sagt der Autor. Scheinbar geht es deswegen nicht mehr darum, vor den negativen Folgen zu warnen, sondern zu fragen: Was machen wir nun?

Der Unterschied zwischen Mensch und Software

Andrew Keen plädiert gegen eine Art von digitalem Determinismus, dem sich die Menschen unterwerfen. Als Vergleich nennt er die lutheranische Vorstellung von der göttlichen Vorherbestimmung, an der Menschen nichts ändern können. Keen betont, dass Handlungsfähigkeit genau das sei, was menschliche Wesen von Software unterscheide. „Software kann nicht selbstständig denken. Software hat keine Handlungskraft“, betont er.

Doch wie ist es möglich, die digitalen Herausforderungen auf eine menschliche Art und Weise zu meistern? „Es gibt keinen einfachen Weg, die Zukunft zu ,reparieren’“, betont Andrew Keen. Aber in seinem Buch verweist er auf fünf mögliche Ansatzpunkte: Regulierung, Innovation, soziale Verantwortung, Wahlfreiheit für den Konsumenten und Bildung.

Regulierung im Fokus

Auf dem anschließenden, von WELT-Chefreporter Ansgar Graw moderierten Podium steht der Aspekt der Regulierung im Mittelpunkt. Zu diesem Thema vertreten die Gäste unterschiedliche Ansichten. Dass es in Deutschland bereits sehr viel reguliert sei, betont die FDP-Bundestagsabgeordnete Daniela Kluckert, Mitglied der Enquête-Kommission Künstliche Intelligenz. Sie sagt, dass diese ein Grund für den Erfolg des Landes seien – und verweist beispielsweise auf das Kartellrecht. „Ich glaube nicht, dass wir mehr Regulierung brauchen“, unterstreicht sie trotzdem. Es brauche beispielsweise keinen neuen Gesetze, um die großen Player in ihre Schranken zu weisen. Denn mit der Zeit würden automatisch andere Unternehmen kommen, die beispielsweise Google vom Thron stießen.

Auch Klaus Müller, Vorstand des Verbraucherzentrale Bundesverbands, sagt, dass es nicht mehr Regulierung brauche – aber dafür „smartere“. Künstliche Intelligenz könne viele Probleme lösen, aber schaffe auch neue. Als Beispiel nennt er eine Versicherung, die nur noch Verträge mit Kundinnen und Kunden schließt, die ihren Gesundheitszustand permanent überwachen lassen. Das klingt schon ein bisschen nach China und seinem „Social Scoring“, einem Sozialkredit-System, bei dem der Staat das Handeln der Bürgerinnen und Bürger überwacht und bewertet.

Digitale Zukunft nach europäischem Geschmack

Dass dies hierzulande nicht das Ziel sein könne, darin scheinen sich die Podiumsgäste einig zu sein. Die Frage laute stattdessen, wie man die Zukunft nach dem europäischen Wertesystem gestalten könne, sagt Clark Parsons, Geschäftsführer der Internet Economy Foundation. Dazu müsse eine eigene, innovative Datenwirtschaft gefördert werden, betont er. „Die Innovation passiert woanders.“ Auch Ralf Fücks, Mitbegründer und Geschäftsführer des Zentrums für die liberale Moderne, verweist auf den Gegensatz von Deutschland als Land der Regulierung gegenüber China als Land der Innovation.

An diesem Punkt bemerkt Andrew Keen, dass der Aspekt der Regulierung nur einer von vielen sei. In diesem Zusammenhang sei die neue EU-Datenschutz-Grundverordnung (DSGVO) sehr interessant. Als problematisch allerdings könne sich erweisen, dass sich nur große Unternehmen bei Verstößen Anwälte leisten könnten, mutmaßt der Autor.

Für Klaus Müller ist die DSGVO ein positives Beispiel dafür, wie die digitale Zukunft von Europa aus gestaltet werden könne – trotz der anfänglichen Schwierigkeiten bei der Einführung. „Früher war es zu billig, das Recht zu brechen“, betont er.

Transparente Bürokratie als Vision für Deutschland

Was die Chancen des digitalen Wandels angeht, spricht Daniela Kluckert von Innovationen im Gesundheitssystem – wie beispielsweise Pflege-Robotern. Sowohl Ralf Fücks als auch Clark Parsons betonen die Potentiale von digitalen Innovationen im Umwelt- und Klimasektor. Mit einer Idee, wie sich Deutschland als Standort von Innovation profilieren könnte, schließt Andrew Keen die Diskussion. Nach Ländern wie Estland oder Finnland könnte es als erste große Wirtschaftsnation ein Pionier im Bereich der E-Democracy und der transparenten Bürokratie werden. Beim Gedanken an viele Abläufe in deutschen Amtsstuben erscheinen einem Pflegeroboter und selbstfahrende Autos aktuell zwar als sehr viel realistischer. Aber, so räumt auch Keen ein: „Das wird nicht über Nacht passieren.“

18:38 21.09.2018
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

Inga Dreyer

Freie Journalistin in Berlin. Schreibt über Kultur, Gesellschaft und Politik. Für die Meko Factory berichtet sie über Veranstaltungen.
Inga Dreyer

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