Alter Knabe

Credo Martin Walsers Novelle „Mein Jenseits“ ist ein Spiel mit Glaubens-Sätzen. Wer sein neues Buch als Predigt liest, wird aber nicht weit kommen

Aber dass der Glauben die Welt schöner macht als das Wissen, stimmt doch“. Man ahnt schon, wie oft dieser und knapp zehn andere, ähnlich klingende Sentenzen in der nächsten Zeit im deutschen Feuilleton diskutiert werden dürften. Um sie gegen ihren Urheber zu wenden. Erst will er mit der deutschen Schande nichts mehr zu tun haben, wird es dann wohl heißen. Und nun konvertiert er auch noch zum Glauben.

Lassen wir das Engagement des 1927 geborenen Autors gegen den deutschen Kriegseinsatz in Afghanistan einmal außen vor, eine Haltung, von der sich mancher Nachgeborene eine Scheibe abschneiden könnte. Und das so gar nicht zu dem absehbaren Wahrnehmungsraster passt. Wer Martin Walsers neues Buch als Predigt liest, dürfte nicht weit kommen. Denn die kleine Novelle Mein Jenseits ist zwar Rollenprosa. Und man weiß ja um Walsers Hang, „immer wieder neue Figuren, mit denen ich mich gleichzeitig entblößen und verbergen kann“, zu seinen „Helden“ zu wählen.

Streng genommen müssten die Vorwürfe aber August Feinlein gelten, dem Chef des Psychiatrischen Landeskrankenhauses im süddeutschen Scherblingen. Denn dieser Mann zelebriert hier seinen Weg zum Glauben. Aus dem inneren Monolog des 63-jährigen Arztes spricht ein typischer Vertreter seiner Zunft. Der noch heute geil wird, wenn er an die „Schenkelbuge“ seiner Kommilitonin Eva Maria, damals im Latein-Seminar in Konstanz denkt. Aber auch ein Mann, der gegen die drohende Deklassierung durch seinen Stellvertreter kämpft: Dr. Bruderhofer, Eva Marias aktueller Ehemann. Zu allem Überfluss nennt der Verfolger ihn auch noch „Alter Knabe.

Im Kirchendämmer

An diesem wenig sympathischen Gesellen demonstriert Walser einmal mehr seine Spezialität: wie virtuos er ein labiles Mittelschichtenschicksal lebendig werden lassen kann. Dieser Mann vollzieht eigentlich gar keine Bewegung zum Glauben. Mag der Gegensatz zwischen Rationalität und Irrationalität in der Gestalt des Arztes als spätberufenem Rompilger, der sich gern dem „Kirchendämmer“ und dem Reliquienkult hingibt, noch so aufdringlich inszeniert sein. Eher sind das Symptome einer Sinnkrise, in der die Religion samt ihrer Manifestationen nur das rettende Gehäuse für die transzendentale Obdachlosigkeit abgibt, die diesem alternden Mann an seinem Lebensabend eben besonders schmerzlich aufstoßen.

Religionsdebatte seitenverkehrt: Während sich der Westen auf allzu gläubige Muslime einschießt, führt Walser einen Abendländer vor, der sich wohlig in den Glauben einwohnt. Doch wenn dieses Buch schon eine Kehre zum Glauben propagiert, dann zu einer Art ästhetischem Katholizismus. Denn der Wiedergeborene erlebt seine Epiphanien vor den Caravaggio-Bildern in der Basilika San Agostino. Und die demutlose Selbstherrlichkeit, mit der dieser Feinlein sich gegenüber dem Allmächtigen positioniert, spricht Bände. Das finale Schicksal, das ihm wie allen blüht, nennt er ganz selbstverständlich „Mein Jenseits“: Medizinisches und religiöses Gottesgnadentum gehen prima Hand in Hand.

Eine „düstere Altersnovelle“, wie ein irritierter Rezensent nach der allerersten Lektüre raunte, ist es also keineswegs, was Martin Walser hier vorgelegt hat. Sondern ein lustvolles Spiel mit Glaubens-Sätzen und Reiz-Vokabeln wie der „Macht des Unerklärlichen“. Auch wenn Walser gegen Schluss des Bändchens etwas viel tiefgründige Weisheiten über Alter, Liebe, Tod und Gott auffährt. Das alles gelingt ihm aber in einer rhetorischen Beweglichkeit, die ihres Gleichen sucht. Mein Jenseits ist kein Bekenntnis zur Religion. Sondern zur Sprache. „Gott ist schön“ hat der Orientalist Navid Kermani einmal das ästhetische Erleben des Koran charakterisiert. „Sprache ist schön“ könnte Walsers „Credo“ lauten. Und diese Religion können wir einem Schriftsteller nicht wirklich übel nehmen.

Mein Jenseits. Martin Walser. Novelle. Berlin University Press. Berlin 2010, 119 S., 19,90

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15:45 10.02.2010
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Ausgabe 42/2021

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