Bundeskanzlers Hofmaler

Repräsentationskunst Die Ausstellung „Macht zeigen“ im Deutschen Historischen Museum von Berlin führt vor, wie Politik und Wirtschaft die Kunst für ihre Zwecke brauchen

Franz I. von Frankreich war ein kunstsinniger König. In Fontainebleau ließ er eine Sammlung der Kunst des Manierismus zusammentragen. Als ihn Ende 1539 sein Widersacher, Kaiser Karl V., dort besuchte, führte ihn der König durch die Schau und beeindruckte den Kaiser, in dessen Reich angeblich die Sonne nicht unterging, mit seinem Fachwissen. So wie hier ein Potentat dem anderen seine intellektuellen Grenzen aufzeigte, bedeutete das: Kunst ist nicht nur schön. Sie funktioniert auch als sozialer Platzanweiser und taugt hervorragend als Machtgeste.

Auch wenn Nationalgalerien heute nicht mehr benutzt werden, um fremde Staatschefs zu brüskieren – seit diesem denkwürdigen Besuch hat sich das Repertoire der Instrumentalisierung von Kunst nicht wesentlich geändert, wie die Schau Macht zeigen. Kunst als Herrschaftsstrategie des Karlsruher Kunsthistorikers Wolfgang Ullrich zeigt. Mal nutzt die Politik die Kunst als Kulisse. Mal posieren die Mächtigen in der Rolle des Künstlers. Und manch einer lief dabei zu inszenatorischen Meisterleistungen auf. Nutzte Konrad Adenauer seine Kunstsammlung in Rhöndorf noch als kontemplativen Rückzugsort, wirken Gerhard Schröders öffentliche Kunst-Inszenierungen immer noch wie eine Kulturrevolution. Mit Georg Baselitz’ Bild Fingermalerei III – Adler hinter seinem Schreibtisch im neuen Berliner Kanzleramt entzauberte der Kanzler ein klassisches Staatssymbol. Schließlich stürzt der heftig zerrupfte Vogel kopfüber ins Leere. Mit diesem Aufsehen erregend ironischen Umgang wies sich Schröder wiederum als einen wirklich Mächtigen aus. Denn damit demonstrierte er: Ich kann mir das erlauben!

Nach dem Nationalsozialismus mag es ein Zeichen neuer Zivilität sein, dass „die Kunst“ Greifvögel, Marmorsäulen oder Waffen als Machtinsignien abgelöst hat. Von Friedrich Merz bis Guido Westerwelle gibt es kaum einen Politiker, der auf diesem Terrain nicht mitzuhalten versucht. In dem scheinbar entspannten Verhältnis kündigt sich zugleich ein Regress an. Plausibel belegt Ullrich die Wiederkehr höfischer Repräsentationsformen im Gewand der Moderne. Setzte das Bürgertum auf individuelle Physiognomie und Ausdruck, inszenieren sich Politiker heute über ein ausgeklügeltes ikonologisches Programm und bedeutungsgeladene Accessoires wie einst Fürsten. Man denke an Helmut Kohls Steinesammlung im Bonner Kanzleramt.Am frappierendsten lässt sich diese Wiederkehr an Markus Lüpertz’ Ausgestaltung des Berliner Kanzleramtes belegen. War die Entscheidung für den Schultes-Bau durch Helmut Kohl als Sieg einer der Demokratie besonders angemessenen Architektur gewertet worden, konterkarierte der Malerfürst sie mit einem vormodernen Bildprogramm. Von Lüpertz’ Skulptur Philosophin soll hier die Macht zur Tugend aufsteigen. Denn die Farbfelder längs des nachfolgenden Treppenaufgangs symbolisieren Tugenden wie Mäßigkeit, Stärke oder Keuschheit. Ein anderes Beispiel ist das Motiv des Atelierbesuchs. Zu neuer Popularität verhalf ihm wiederum Schröder, als er den todkranken Jörg Immendorff in seinem Düsseldorfer Atelier aufsuchte, wo dieser das güldene Kanzlerporträt für die Bildergalerie der Regierungschefs fertiggestellt hatte. Kaiser Karl hob Tizian den Pinsel vom Boden auf, Schröder legte dem Mann im Rollstuhl den Arm auf die Schulter.

Noch näher als der Politik ist die Kunst der Wirtschaft. Die ökonomische Elite zeigt sich gern vor abstrakter Kunst, die sie als Sinnbilder von Rationalität und Modernität schätzt. Über Begriffe wie Entscheiden, Gestalten und Verändern leitet sie eine Wesensverwandtschaft zwischen Unternehmer und Künstler ab. Und lässt sich viel stärker als die Politik mit ihrem dekorativen Interesse auf deren Inhalte ein. Kunst wird inzwischen von der Wirtschaft und ihren Repräsentanten in einem Ausmaß als Katalysator mentaler Innovation genutzt, dass Adornos Idee von der Kunst als dem „Anderen“, dem „vom Getriebe des Produktions- und Reproduktionsprozesses der Gesellschaft Ausgenommenen“ nur mehr als nostalgische Reminiszenz erscheint.

Kulturpessimisten werden sich bestätigt fühlen: Event und Inszenierung der Kunst sind wichtiger als ihre Inhalte. Doch die Vorstellung von einem machtfernen Raum der Kunst war immer privatistische Illusion. Und noch in der Instrumentalisierung erkennen die Überwältiger deren Potenzen an. Wenn die Kunst der Macht neben allem Glanz einen höheren Sinn geben soll – gesteht sie damit nicht auch ein, dass sie selbst zu dieser Leistung nicht fähig ist?

Macht zeigen. Kunst als Herrschaftsstrategie. DHM, Berlin. Bis 13. Juni. Katalog 24 Euro

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09:23 02.05.2010
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