Kraft und Anmut des Barack Obama

Kulturkommentar „Anmut ist die Schönheit der Gestalt unter dem Einfluss der Freiheit", sagt Schiller. Der neue US-Präsident hat das, was der politischen Klasse Europas fehlt: Charme

Strahlendes Lächeln, blitzende weiße Zähne, perfekter Maßanzug auf einem ebenmäßigem Körper. Als Barack Obama am Dienstag in London aus dem Flugzeug stieg, konnte man einmal mehr bewundern, was der politischen Klasse Europas, der er seine Aufwartung machte, fehlt: Aussehen, Optimismus, Charme.

Kein Zweifel: Der Aufstieg des fast unbekannten US-­Senators zum mächtigsten Mann der Welt ist auch ein Triumph der Schönheit. Einer Schönheit jedoch, von der man sich niemals überwältigt fühlt. Wahrscheinlich funktioniert Obama deswegen so gut als Projektionsfläche. Der coole Dressman kann sich ebenso in ihm spiegeln wie der fürsorgliche Ehemann, der Hip-Hop-Brother ebenso wie der wohltemperierte Staatsmann, das Ghetto-Kid genauso wie der ­Harvard-Jurist.

Das Kalkül mit den vielen Gesichtern gehört zum Standardrepertoire der amerikanischen Politik. Was Obama bei diesem mimetischen Ritual aber von seinen Vorgängern Clinton und Bush unterscheidet, ist ein ästhetisches Surplus. Bei den Griechen rief die richtige Art zu gehen oder das Gewand zu raffen so etwas wie „Liebreiz“ hervor. Bei Obama ist es diese unnachahmliche Haltung gesammelter Eleganz.

Ob er vor dem Kongress in Washington auftritt, in einer Turnhalle im mittleren Westen auf eine Holzkiste klettert oder seine beiden Töchter vor Tausenden auf offener Bühne umarmt; selbst wenn er in einer Pause zwischen zwei Terminen erschöpft das Jackett ab- und die Füße hochlegt – immer entzückt die Schönheit seiner Bewegungen.

Vollends hingerissen waren alle Betrachter, als er am Tag der Amtseinführung im taillierten Mantel, einen violettem Schal um den Hals gelegt, aus der Limousine stieg und mit der schönen Michelle zu Fuß zum Weißen Haus schritt. In solchen Momenten wirken Obamas Auftritte wie eine Choreographie. Doch die spielerische Leichtigkeit, mit der er sie absolviert, wird stets durch eine fast unmerkliche Selbstbeherrschung gebremst. Kaum jemand kann sich dieser kombinierten Wirkung entziehen. Als er im letzten Sommer in Berlin rief: „Dies ist unser Moment. Dies ist unsere Zeit“, erlagen 200.000 Menschen auch einem Mann mit außergewöhnlichem Charisma.

Das alles ist schon mehr als das politische Design der spin doctors und Kommunikationsberater. So wie bei Obama das unmittelbar Sinnliche, ein Gefühl für Stil und politisches Sendungsbewusstsein zusammenfließen, versteht man plötzlich, was Friedrich Schiller damit meinte, als er befand: „Anmut ist die Schönheit der Gestalt unter dem Einfluss der Freiheit“.

Anmut – das klingt nach Ballett­stunde. Und nicht wie eine Kategorie, mit dem sich die politische Ästhetik des amerikanischen Imperiums ­beschreiben ließe. Doch schon in der ­Antike hatte die heute aus der Mode gekommene Tugend eine politische Funktion.

Athens oberster Stratege Perikles konnte sich die attischen Staatsbürger nicht ohne „Anmutigkeiten“ vorstellen. Und als sich der Stadtstaat zur Demokratie mauserte, ließ Aischylos in seiner Orestie Charis, die Göttin der Anmut, ihrer Kollegin Athene dabei helfen, den alten Adel zu entmachten.

So gesehen, hätte Barack Obamas „bewegliche Schönheit“, die Schiller an der Anmut faszinierte, die Funktion, die Gewichte zwischen der alten Macht­elite um George W. Bush und den veränderungshungrigen Obamaniacs auszutarieren: Entschiedenheit fusioniert bei diesem Mann mit Grazie. Und die First Nation bleibt im Lot.

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