Was soll das bedeuten?

Aufkleber & T-Shirts "... und es passt, was ich mir denke, auch wenn ich mich sehr beschränke, nicht auf einen Knopf an meiner Brust." (R. Mey)
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Was soll das bedeuten?

Foto: Bertrand Langlois/ AFP/ Getty Images

„Ich bin schizophren!“ ein T-Shirt mit dieser Aufschrift läuft mir in der Stadt entgegen. Das ist ja mal offensiv, denke ich und schau mich um. „Ich auch!“ entfernt sich das T-Shirt von mir. Was für einen Humor muss man haben, um sowas anzuziehen? Ich wundere mich und schau mal genauer hin. „Zickenbändiger“ prangt auf einem Bierbauch und auf der Rückseite eine Telefonnummer. Ob die wohl funktioniert? Bestimmt, aber ich probiere es nicht aus. "Ich hab auch Augen, du Arsch!" wackelt eine eindeutlig weibliche Brust vorbei. So auf die Aufschriften der T-Shirts konzentriert, bleiben mir tatsächlich die Gesichter der Trägerinnen und Träger unbeachtet.

Auf dem Heimweg gondle ich hinter einem Auto her, dessen Fahrer oder –in auch für Tiere bremst und deren Kinder Leon und Juliana heißen. Was will mir das sagen? Jeder bremst auch für Tiere – das ist ein Reflex. Soll ich die Kinder auf dem Spielplatz gleich mit ihrem Namen anreden? Oder – ich schließe von mir auf andere – heißt das: Achtung, genervter Mensch am Lenkrad. Mit unvorhergesehenen Bremsmanövern oder Lenkbewegungen ist zu rechnen? Ich weiß es nicht. Aber was der kleine Fisch bedeutet, ist klar: die Besitzerin des Fahrzeugs ist Christin. Es wieder soweit: geheime Zeichen offenbaren die Zugehörigkeit des Gläubigen.

All das erinnert mich an mein erstes Auto. Das war voller Aufkleber der Sorte „Atomkraft – nein danke!“ oder „PorNo“ neben lustigen Kleber der Sorte „Power tot he bauer“. Ein Gesamtkunstwerk politischer Ansichten und humoristischer Einlagen. Nicht alles davon war bewusste Meinungsäußerung – vielmals prangte so ein Kleber auf einer Schramme, bevor daraus ein sichtbarer Rostfleck wurde…

Bei all den Stickern ging es – seinerzeit – immer auch ein wenig um den Einstieg in die Diskussion. Damals, als Atomkraft noch beinahe unumstritten war. Ich erinnere mich an einen Kommilitonen, der heute noch unter dem Namen ÖffÖff firmiert. Er trug immer drei Buttons mit den Aufschriften „Öff Öff, denken ist alles“, „Anarchie ist Ordnung ohne Herrschaft!“ und „Kommunismus heißt jeder nach seinen Fähigkeiten und jedem nach seinen Bedürfnissen!“ und lud damit jeden und jede zu einer ausgiebigen Diskussion ein. Okay, ich kann mich nicht erinnern, dass er auch nur in einem Punkt jemals zu überzeugen war, aber immerhin. Auch mir trugen einige Sticker ellenlange Diskussion vor allem mit meinem Vater ein und genau das wollte ich ja auch erreichen.

Heute haben Aufkleber, Buttons und T-Shirts eine andere Funktion. Sie zeigen an, zu welcher Gruppe man gehört, aus welcher Gegend man kommt, was man gern tut oder wie alt man ist, politische Meinungsäußerungen sind eher selten - mal abgesehen von den wieder aktiverten Atomkraft - nein danke - Stickern.

Für mich gilt das nicht. Ich fahre keine Aufkleber mehr durch die Gegend, weil sich das, was ich denke nur selten auf ein Schlagwort oder einen Satz reduzieren lässt.

An meinem Nummernschild lässt sich weder mein Alter noch mein Geburtstag ablesen, weil ich finde, dass das nicht Hinz und Kunz etwas angeht. Aber das ist eine Ausnahme. Musste ich früher für ein Wunschkennzeichen extra zahlen, war es beim letzten Mal schwierig, genau die Nummer zu kriegen, die grade dran war.

Wir verzichten auch auf Nationalitätsbezeichnungen anlässlich irgendwelcher internationaler Sportevents. Am Seitenfenster unseres Autos flatterte beim letzten Mal eine Piratenflagge. Irgendwie auch eine Aussage…

Und auch unsere T-Shirts zeichnen sich in der Regel nicht durch besondere Originalität aus. Ich habe sogar schon T-Shirts als Geschenk abgelehnt, weil darauf in großen pinken Lettern das Wort „Zicke!“ prangte. Sowas zieht meine Tochter nicht an, es sei denn, sie besteht drauf. Ein Ausnahme gibt es derzeit: Mein Sohn besitzt ein T-Shirt auf dem steht „ich bin stolz ein Neandertaler zu sein“ – das liebt er und damit finde ich ihn auf großen Veranstaltungen eben immer wieder…

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Geschrieben von

Ismene

Kein Mensch ist freiwillig schlecht.Aber es sind schon viele ganz komisch unterwegs.antigone@weibsvolk.org
Ismene

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