Die Mauer vor unseren Köpfen

Ausstellung Kein robuster Beton, kein Stahlrohr, kein Grenzstreifen: Eine Ausstellung zeigt die Berliner Mauer, wie man sie bislang nicht gesehen hat – brüchig und aus Sicht der DDR

In der Mitte der Fotografie ist eine Schranke zu sehen, daneben steht ein Mann, offenbar Soldat, rechts ein Einbahnstraßenschild, um das sich ein Kind geschlungen hat, es trägt einen Anorak mit Kapuze, neben ihm ein Tretroller. Das Bild könnte aus einem Familienalbum stammen, und damit unterscheidet es sich von den allermeisten der 324 Panoramen, die derzeit in der Ausstellung Aus anderer Sicht. Die frühe Berliner Mauer zu sehen sind.

Mitte der sechziger Jahre dokumentierten Grenztruppen der DDR die gesamte Mauer durch Berlin – von Treptow im Süden bis nach Pankow im Norden, insgesamt 43,7 Kilometer. Sie sollten festhalten, in welchem Zustand sich die Mauer befand. Die Autorin Annett Gröschner und der Fotograf Arwed Messmer stießen 1995 im Militärischen Zwischenarchiv Potsdam auf das Ergebnis der Arbeit.

Rund 1.200 Fotografien hat Messmer digital bearbeitet und daraus die Panoramen rekonstruiert. In zwei Reihen hängen sie in den Ausstellungsräumen Unter den Linden. Fünf Gehminuten entfernt von hier verlief die Mauer. Die Bilder zeigen Friedhöfe, verlassene Fabrikhallen, stillgelegte Schienennetze, Stromtrassen. Eine triste, verlassene Landschaft. Wie zur Illustration streunt auf manchen Fotos ein einsamer Schäferhund durchs Bild. Die Mauer sieht nicht so aus, wie sie sich heute in unsere Köpfe gebrannt hat: robuste Betonelemente, verbunden durch ein Stahlrohr. Die „frühe Mauer“ ist brüchig und bestand streckenweise einfach aus Hausmauern, Drahtzäunen und Sperren aus Eisenbahnschienen.

Lakonisch und hilflos

Der Blick vom Osten auf die Mauer bietet einen Blick auf den Westen, den man so noch nicht kennt – das Fotografieren der Mauer war Privatpersonen in der DDR verboten. Man sieht Pkw und Busse, Marke: VW, manchmal erkennt man etwas aus dem heutigen Berlin: die Kongresshalle, in der nun das Haus der Kulturen der Welt zu Hause ist. Auf manchen Bildern Protestplakate: „Die Teilung ist unmenschlich, der Schießbefehl kriminell.“

Die akribische Aufarbeitung ermöglicht einen vollständigen Blick. Man kann der sich wiederholenden Motive aber überdrüssig werden. Irgendwann, die Ausstellung ist ein Rundgang, weiß man nicht mehr, ob man nun den zweiten oder fünften Raum betritt. Eine wohltuende Ergänzung: Annett Gröschner hat die Geschehnisse recherchiert, die Grenzsoldaten protokolliert haben. Die pedantischen Notizen offenbaren als Bildunterschriften eine gewisse Lakonik: „Als der Grenzposten niest, ruft der Zöllner auf der anderen Seite ,Gesundheit‘.“ Gleichzeitig zeigen die Texte, wie die Soldaten der Situation ausgeliefert waren – von einer Frauenleiche, die aus dem Wasser gefischt wird, ist die Rede, an anderer Stelle von Tauchern, die die Suche nach zwei vermissten Kindern am Abend einstellen müssen.

Gut ist Aus anderer Sicht. Die frühe Berliner Mauer, wenn sich die Schau vom Anspruch auf Vollständigkeit löst, wenn Arwed Messmer nach rein ästhetischen Aspekten auswählt, wie in dem Raum „Tatort“ fast entschuldigend angemerkt ist. Auch Fluchtversuche – ob erfolgreich oder nicht – wurden dokumentiert. Die Bilder zeigen verlassene Orte nach der Flucht, die Stelle, an der jemand die Grenze durchbrach, oder was bei der Flucht liegenblieb: ein Schuh samt Socke auf einem Zaungitter, eine Leiter, eine leere Couch.

Aus anderer Sicht. Die frühe Berliner Mauer Unter den Linden 40, Berlin. Bis 3. Oktober. Das Buch zur Ausstellung kostet 49,80

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09:00 03.09.2011
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Ausgabe 15/2021

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