Die politische Dimension Schwarzer Schönheit und Stärke

#TexasText/Dany Laferrière „Kleine Abhandlung über Rassismus“ - „Die Erfahrung des Schwarzen mit der weißen Welt kann in ihm keinen Respekt für die Normen wecken, nach denen die weiße Welt zu leben vorgibt.“ James Baldwin

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“Impossible is not a fact. It’s an opinion.” Muhammad Ali

„Das ganze Leben ist unergründlich, aber es ist meins.“ Dany Laferrière

„Immer dieses Wir, sobald sie sich ein bisschen bedrängt fühlen!“ DL über das weiße Establishment

„Zum Glück beherrschen sie nicht den Kampf Mann gegen Mann, die bevorzugte Sportart der Hungerleider.“ DL über das weiße Establishment

„Wenn die Götter uns Unglück senden, sollen wir daraus Gesänge schmieden.“ Homer, zitiert von DL

„Gewiss, (James) Baldwin starb in Frankreich, aber die tödliche Wunde wurde ihm in Amerika zugefügt.“ DL

„Ich war entschlossen, niemals meinen Frieden mit dem Ghetto zu machen, sondern lieber zur Hölle zu fahren, … als meinen Platz in diesem Staat zu akzeptieren.“ James Baldwin

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„Die Erfahrung des Schwarzen mit der weißen Welt kann in ihm keinen Respekt für die Normen wecken, nach denen die weiße Welt zu leben vorgibt.“ JB

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„Der Weißen Himmel ist der Schwarzen Hölle.“ JB

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Während Hannah Arendt glaubte, „Liebe könne nicht politisch sein, weil sie Pluralität negiert“, erkannte James Baldwin in der Pluralität die Voraussetzung der Liebe.

„Allerdings Liebe nicht als sentimentaler Eskapismus.“ Zitiert nach Mithu M. Sanyals Vorbemerkung zu James Baldwins „Von einem Sohn dieses Landes“, dtv, Quelle.

Baldwin traf in der Hochzeit der Bürgerrechtsbewegung mehr als einen Nerv. In Baldwins Mensch in der Revolte, um einen Titel von Camus anzubringen, begegnen sich die Positionen von Malcolm X und Martin Luther King wie in einem Kampf, den Muhammad Ali in der Verfassung des Goldmedaillengewinners von Rom mit sich selbst bestreitet.

Dany Laferrière, „Kleine Abhandlung über Rassismus“, auf Deutsch von Beate Thill, Verlag Das Wunderhorn, 202 Seiten, 21,-

Schwarze Schaulust

„1961 gewinnt ein junger Schwarzer aus Louisville (Kentucky), mit dem Vornamen des römischen Prokonsuls Cassius Marcellus eine Goldmedaille … (in) Rom.“

Der Olympionike legt seinen „Sklavennamen“ ab. Fortan nennt er sich Muhammad Ali. Der Ausnahmeathlet nutzte die Reichweite seiner Popularität zur Verbreitung einer Politik der Selbstbestimmung. Erst heute fällt mir auf, wie aufreizend sich die Herabsetzungen seiner Person mit (einer im Grunde naiven, den genialen Nucleus ignorierenden) Bewunderung mischten.

Lyrische Skizze

Der Rassismus erfüllt wesentliche Funktionen einer Sklavinnen*- und Sklavenhalterordnung, sagt Dany Laferrière.

Der Autor destilliert ein Momentum der Lust.

In der lyrischen Skizze „Schau nicht hin“ beobachtet ein Schwarzer eine von Sommergefühlen hochgestimmte, förmlich aufrauschende „große blonde junge Frau/ in einem knappen gelben Seidenkleid“. Sein Blick bleibt an der erregenden Erscheinung hängen. Mit dem Begehren verbindet sich eine Marke des kollektiven Gedächtnisses. Zu anderen Zeiten wäre die Schaulust als Delikt bewertet worden. Man hätte den Delinquenten „ausgepeitscht … bis aufs Blut“. Die überpersönliche Erinnerung „erotisiert den Nachmittag“.

“If you have watched any television or films about Black life recently, you have almost certainly come across a striking photograph of a six year old standing alongside her aunt in Alabama under a Colored Entrance sign.” Quelle

Der Autor reagiert auf die Ikonografie der Segregation. Einen analytischen Abriss widmet er einer zum Klassiker des Rassismus gewordenen Aufnahme von Gordon Parks. Laferrière erkennt in seiner Betrachtung eine „sehr elegante (Schwarze) Frau … in Begleitung ihrer Tochter“. In Wahrheit fotografierte Parks 1956 eine weniger enge familiäre Konstellation: Tante und Nichte unter dem Colored Entrance-Schild des Saenger Theatre in Mobile, Alabama.

Das Bild zeigt Shirley and Allie Lee Causey im Sonntagsstaat. Der stigmatisierende Blickfang kontrastiert eine Verkörperung bürgerlicher Hoffnungen im Rahmen der Bürgerrechtsbewegung.

Star der Szene ist eine sichtlich gelangweilte Sechsjährige. Ihr Augenblick gehört den Stimmungsarabesken eines Vormittags unter müßiggehenden Erwachsenen. Muss man dem Kind erklären, was an dem Zeichen der Diskriminierung über seinem Kopf empörend ist? Zweifellos erscheint Shirley das Signal ihrer Herabsetzung alltäglich.

Beginnt Cultural Appropriation nicht schon da, wo man glaubt, die Antwort zu kennen?

Laferrière beansprucht Jean-Paul Sartre als Gewährsperson. Im Zusammenhang mit der Tötung von George Floyd bezieht er sich auf Sartres Ablehnung von Polizistinnen und Polizisten. Der Existenzialismus reicherte das amerikanische Bürgerrechtsvokabular an. Adorno sagt: „Die Komplexion von handfestem Plot … und destillierbarer Idee (trägt) Sartre den großen Erfolg zu und (macht) ihn, ganz gewiss gegen seinen integren Willen, der Kulturindustrie akzeptabel.“ Sartre suggeriere, „dass auf den sozialen Kommandohöhen noch Leben sei“. Er verwebe „den Schleier der Personalisierung“ mit der Geschichte zur Beruhigung seines Publikums. Zitiert aus Theodor W. Adorno, „Noten zur Literatur, Suhrkamp

Colson Whitehead - Ein New Yorker in Paris

Laferrière memoriert eine flüchtige Begegnung mit dem zweifachen Pulitzerpreisträger Colson Whitehead in Paris. Ich nutze die Vorlage für eine Einlage. Eine Harlem-Impression, gestiftet von Colson Whitehead, „Harlem Shuffle“, Hanser

Invasives Unkraut

Eine gute Erzählerin*, einen guten Erzähler* erkennen Sie auch daran, dass sie/er/*, ohne eine Jonglage zu versemmeln, die Pferde im Galopp wechselt. Colson Whitehead liefert für diese Geschmeidigkeit imposante Beispiele. Er baut einen Gangster aus dem US-Süden zur unangefochtenen Größe in New York auf. Miami Joe erscheint als Dirigent des örtlichen Banditenorchesters. Keiner übertrifft den Binnenmigranten an elitärer Kaltblütigkeit, Schlag- & Schussfertigkeit und jenem, jedem Laien bizarr überzuckert anmutenden Schneid, mit dem Schurken unter sich ihre Hackordnung filetieren. Wegen Miami Joe dürfen sich Verbrecher:innen* fürs Schlangestehen nicht zu schade sein, die früher zur Exzellenzkohorte zählten. Kurz gesagt, Miami Joe funktioniert geraume Zeit als Controller des systematisierten Verbrechens. Er optimiert, was das Zeug hält.

Jahrelang bejagt Miami Joe ein Revier, ohne feindliche Übernahmen fürchten zu müssen. Er hält Hof in den Kaschemmen, die gleichermaßen als Häfen der Gestrandeten und als Hotspots der Gunslingerinnen* und Gunslinger* dienen. Seine Diskursvorgaben sind verbindlich; seine Ansprachen legendär.

Miami Joe ist ein Brain Bouncer

„Brecht starb, da er sich nicht länger verhalten wollte.“ Heiner Müller

Schreiben, sprechen, schießen, siegen: das alles liegt auf einer Verhaltenslinie. Wer sich aber nicht zu verhalten weiß, dem ergeht es wie Miami Joe.

Wieder kommt es nämlich anders als man dämlich denkt. Pepper, ein eingesessener Verbrecher mit Weitsicht und Überblick, schließt Miami Joe von weiteren Vorhaben aus. Der Finisher besteht auf Arbeitsteilung. Deshalb obliegt es Whiteheads ständigem Heldin Ray Carney, den gefällten Giganten beiseitezuschaffen.

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Die einen sagen so, die anderen so. Den Marcus Garvey Park nennt Ray Mount Morris Park. Da legt er die Leiche von Miami Joe ab. Die narrative Strecke bis zur Stelle im Unterholz liest sich wie eine Moritat von Mackie Messer.

Eingebetteter Medieninhalt

Meilenstein der Schwarzen Emanzipation

“The Theresa Job” - Der Originaltitel exponiert den wichtigsten Romanschauplatz. Das Hotel schwebte als das „Waldorf von Harlem“ über den Dingen. Das Theresa, so genannt nach der Gründergattin, avancierte zu einem Denkmal und Meilenstein der Schwarzen Emanzipation. Bevor es ein New Yorker Magnet für internationale Größen der Castro-Klasse* wurde, war es schlechthin der Schauplatz für Schwarze Trendleader:innen; für Leute, die sich das Luxusmaximum leisten konnten, ohne weiß zu sein. Angeblich lebte Dinah Washington im Hotel.

Eingebetteter Medieninhalt

*“In 1960, Fidel Castro came to New York for the opening session of the United Nations … he and his entourage stayed at the Theresa, where they rented 80 rooms for $800 per day. Malcolm X and other civil rights leaders arranged for their stay. According to the New York Times, Castro felt that ‘N… would be more sympathetic’ … while Castro was there, he was visited by Khrushchev, Ginsberg, Nasser and Nehru.” Wikipedia

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Im Handlungsjetzt erleidet der Prachtkasten einen grobmotorischen Angriff wie aus dem Bilderbuch für Idiot:innen*kriminalität. Ein Akteur bringt es auf den Punkt: Das Sakrileg wäre nicht gravierender gewesen, wenn man der Freiheitsstatue auf die Füße gepinkelt hätte.

Um einmal wieder auf Dany Laferrière zurückzukommen …

In „Die Soiree“ schildert er einen Cocktailempfang.

„Die Parfums mischen sich. Jeder will brillieren.“

Der Autor leuchtet die Szene aus. Er leuchtet sich selbst heim. Stunden später, nach einer „Dusche vor dem Zubettgehen“, beschleicht ihn der Verdacht, es sei den ganzen Abend nur über ihn geredet worden. Er war der einzige Schwarze auf dem Parkett der erinnerten Ereignisse.

„Für einen Augenblick hatte (er) geglaubt, unter so netten Leuten spielte die Rassenfrage keine Rolle.“

Laferrière memoriert ansatzweise schmerzhaft „das helle, spöttische Lachen … junger Mädchen“. Zweifellos galt es seiner Sonderstellung als Ausnahme von der weißen Regel.

Nachtrag

„Ich irrte spätnachts durch diese Mondlandschaft, wo die körperliche Begierde vollends jedes Gefühl ersetzt hat ... (ich) vögelte mit der Wonne eines Kindes, das aus Versehen in einen Süßwarenladen eingesperrt wurde, und schrieb alles auf.“

Dies oft genug zu der Musik von Bob Marley. Zitiert aus „Granate oder Granatapfel, was hat der Schwarze in der Hand?“, Verlag das Wunderhorn.

Aus der Ankündigung

Das Thema Rassismus zieht sich wie ein roter Faden durch das Werk von Dany Laferrière. Als Schwarzer Autor aus Haiti hat er den in Nordamerika gegen Schwarze vorherrschenden Rassismus erlebt und sich immer wieder die Frage gestellt, warum es nicht gelingt, sich gegen dieses Gift, das unsere gesellschaftlichen Lebensbereiche zerfrisst, zu immunisieren. In seinem neuesten Band, umkreist er das Thema Rassismus kaleidoskopartig, in kleinen und kleinsten fragmentarischen Texten. Anhand von Fakten, Anekdoten, abrupten und sanften Reflexionen, schrägen Blicken, charmanten und angesäuerten Gesprächsfetzen, die sich im Laufe der Jahre in seinem Gedächtnis angesammelt haben, erinnert er an die sich dahinter verbergenden menschlichen Tragödien. Er schreibt über Sehnsucht, Stolz, Erniedrigung, Wut, Musik und Poesie, die Lebenswege großer Persönlichkeiten, die wie Bessie Smith, Billie Holiday, James Baldwin, Malcolm X, Nina Simone, Jean-Michel Basquiat und Toni Morrison diesem Leiden eine Stimme gegeben haben.
Ein brandaktueller literarischer Beitrag, der der hier geführten Rassismus-Debatte, in seiner Lakonie und mit seinem subversiven Sprachwitz eine neue Dimension verleiht.

Zum Autor

Dany Laferrière, geboren 1953 in Port-au-Prince, Haiti, arbeitete zunächst als Journalist, bis er sich unter dem Druck des politisch repressiven Klimas 1976 gezwungen sah, nach Montréal ins Exil zu gehen. 1985 veröffentlichte er seinen ersten Roman unter dem provokativen Titel Comment faire l‘amour avec un nègre sans se fatiguer, der ihn als Autor unmittelbar bekannt machte. Er wurde mit dem Prix Carbet de la Caraïbe und dem Buchpreis des französischen Auslandsrundfunks ausgezeichnet. Für seinen Roman L’énigme du retour (Das Rätsel der Rückkehr) erhielt er 2009 den prestigeträchtigen Prix Médicis. Das Rätsel der Rückkehr ist seine erste Veröffentlichung im deutschen Sprachraum. Der Autor lebt in Montréal und Miami. 2014 bekam er gemeinsam mit seiner Übersetzerin Beate Thill den renommierten, vom Haus der Kulturen der Welt in Berlin vergebenen, Internationalen Literaturpreis. Seit 2015 ist er Mitglied der Académie française.

Zur Übersetzerin

Beate Thill, geboren 1952 in Baden-Baden, studierte Anglistik und Geographie. Seit 1983 arbeitet sie als literarische Übersetzerin der Sprachen Englisch und Französisch, mit dem Schwerpunkt Literatur aus »dem Süden«, v. a. aus Afrika und der Karibik. Daneben arbeitet sie als Dolmetscherin, verfasst Texte zur Übersetzungstheorie und für den Rundfunk. Sie ist Übersetzerin des kongolesischen Lyrikers Tchicaya U Tam’si, des karibischen Autors Édouard Glissant, des Tunesiers Abdelwahab Meddeb und der Algerierin Assja Djebar. 2014 erhielt sie den Internationalen Literaturpreis vom Haus der Kulturen der Welt in Berlin für ihre Übersetzung des Romans Das Rätsel der Rückkehr von Dany Laferrière.

Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

Jamal Tuschick

Interessiert an Literatur, Theater und Kino
Jamal Tuschick

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