Buchblogger

A–Z Auf der Leipziger Buchmesse stellen sich immer mehr Blogger ungezählten Meetings und Happenings. Was sind das für Leute? Und warum bestehen ihre HAULs so oft aus SuBs?
Jan Drees | Ausgabe 11/2016 1

A

Akkreditierung Wer erfolgreich über Bücher bloggt, wird auch für die Buchmesse akkreditiert – und kann 2016 erstmals an der etwas umständlich als buchmesse: blogger sessions 16 betitelten Bloggerkonferenz teilnehmen, bei der alte Branchenhasen Tipps für Neulinge präsentieren. 2015 gab es mit dem Bloggerpaten-Projekt bereits einen Versuch, Buchblogger an die Messe zu binden.

Damals erhielten „ausgewählte Literatur- und Buchblogger“ die Chance, ein nominiertes Werk des Leipziger Buchpreises vorab zu rezensieren und die Besprechung auf ihrer Seite zu veröffentlichen. Thomas Hummitzsch (➝ Frauendomäne) von Intellectures bezeichnete die Aktion später als „ärgerliches Missverständnis“. Man hatte vergessen, die Bloggerpaten adäquat einzubinden. „Die Mehrzahl der Autoren wusste davon gar nichts und ihre Verlage ebenso wenig“, bilanzierte etwa Jochen Kienbaum von Lustauflesen.

B

Bloggertreffen Es reicht nicht, dass sich Blogger auf Facebook, Twitter, bei Social Readings (➝ Lovelybooks) oder während ihrer wechselnden ➝ Challenges begegnen. Ein besonderes Happening sind die oft von Verlagen veranstalteten Bloggertage, bei denen Lektoren und Autoren bei Häppchen, Kaffee und Sekt ihr Programm vorstellen und am Ende mit Give-aways locken. Zudem gibt es Bloggertreffen in wechselnden Städten und natürlich auch an den jeweiligen Ständen der Frühjahrs- und Herbst-Buchmessen: vom überfüllten Frühstück des Aufbau-Verlags über Signierstunden bei Random House bis zum von den Bloggern organisierten Pow-Wow am Leipziger Messefreitag in der Bloggerlounge (Halle 5, Stand B 502). Bloggertreffen stärken denZusammenhalt, sind aber auch ein feststehendes Marketinginstrument der Branche, die sich seit etlichen Jahren um Buchblogger, Amazon-Rezensenten und Booktuber (➝ HAUL) reißt.

C

Challenge Manchmal geht Quantität vor Qualität, gerade wenn der ➝ SuB über den Rand des Betts hinausgewachsen ist. Dann ist es Zeit für eine sogenannte Challenge, also einen gemeinschaftlichen Wettbewerb unter Buchbloggern. Diese Aufgabe kann von jedem gestellt werden. Wer sich den Bedingungen dann unterwerfen will, kündigt die Teilnahme in seinem Blog an. Eigentlich geht es vor allem darum, in einem bestimmten Zeitrahmen (der von einer Nacht übers Wochenende bis zum kompletten Jahr dauern kann) möglichst viele Seiten wegzuschrubben.

Das klingt ein bisschen nach der intellektuellen Antwort auf LAN-Partys. Bloggerin Goldkindchen möchte 2016 etwa „das Alphabet durch meine Bücher, die ich lese, vollbekommen“: von Jennifer Nivens All die verdammt perfekten Tage bis zu Andy Jones’ Zwei für immer. Etliche Blogs haben sich dieser Challenge bereits angeschlossen, darunter Lilly Symphonie, Mikka, bookish heart dreams und Anni-Chan. Das Bücherlabyrinth listet im Netz alle deutschsprachigen Challenges auf: vom „SuB Abbau Extreme“ bis zu „Wortmagies Makabre High Fantasy Challenge 2016“.

F

Frauendomäne Nur wenige Männer bloggen über Bücher. Zu den wenigen Ausnahmen gehören Tilman Winterling (54 books), Thomas Hummitzsch (Intellectures), Thomas Brasch (brasch & buch) oder der Focus-Literaturredakteur und selbsternannte „Büchersäufer“ Uwe Wittstock. Die freie Lektorin und Texterin Mareike Fallwickl fand Anfang des Jahres in ihrem Bücherwurmloch-Blog „11 Gründe, warum Männer, die über Bücher bloggen cool sind“.

Sie schrieb: „Lesende Männer sind sexy. Nicht umsonst hat der Instagram-Account „Hot Dudes Reading“, der lesende Männer zeigt, mehr als 774.000 Follower. (…) Männer lesen andere Bücher. Auf ihren Blogs entdecke ich Lesestoff, nach dem ich selbst nicht gegriffen hätte oder den ich eher skeptisch beäugt habe. (…) Viele männliche Buchblogger sind arrogant oder – mit etwas Milde ausgedrückt – selbstbewusst. Sie nennen sich ‚Alternative zum Feuilleton‘ und ‚last man reading‘, bezeichnen sich als ‚Dorfschönheit, Intellektueller, Kulturphilosoph‘. (…) Sie sind oftmals sehr belesen und kennen sich gut aus, vor allem mit den Klassikern.“

G

Geld „Sara, mir graut’s vor dir“, schrieb Thomas Brasch im Juli 2015, nachdem die Booktuberin Sara Bow (➝ HAUL) in der Süddeutschen Zeitung erzählt hatte, dass sie monatlich 800 Euro mit werbefinanzierten Videos à la „Ich gestehe...| Kindle Voyage Unpacking + Review“ einnimmt. Damit ist sie hierzulande wohl die einzige Bloggerin, die mit ihren Büchervorstellungen („Das sieht ja super-, super-, supercool aus, das Cover“) echtes Geld macht. Andere begnügen sich mit Rezensionsexemplaren und Einladungen zu ➝ Bloggertreffen. Der materielle Gewinn kommt, wenn überhaupt, nur indirekt zustande, wie bei der einstigen Lovelybooks-Managerin Karla Paul, bekannt geworden mit ihrer Buchkolumne, inzwischen Digitalverlegerin von Edel. Ebenfalls zu Edel, als Volontärin, hat es Mara Giese (Buzzaldrins Bücher) geschafft.

Ein Blog kostet, denn Serverplatz und Domain müssen bezahlt werden. 950 Buchblogs hat Tobias Zeising von lesestunden.de im vergangenen Jahr aufgelistet und hört man sich in der Szene um, so glauben 6 von 10 Bloggern nicht, dass man in absehbarer Zeit mit freien Buchrezensionen Geld verdienen kann. Dafür gibt es manche Möglichkeiten, wie etwa das Affiliate-Programm von Amazon, das die Nutzer an jenem Umsatz beteiligt, der per Klick direkt über die Blogseite entstanden ist. Da viele BloggerInnen hauptberuflich als BuchhändlerInnen arbeiten, fällt diese Einnahmequelle indes weg, auch sind gesponsorte Texte in der Szene verpönt, zumal man lediglich einen kostenlosen E-Reader abstauben könnte – gegen eine Besprechung desselbigen.

H

HAUL Übersetzt „Ausbeute“ oder „Fang“, kommt aus der Mode- und Kosmetikbloggerszene. HAUL wird auch dort üblicherweise komplett in Großbuchstaben geschrieben. Diese zeigen Menschen in ihren Privaträumen, wie sie ihre Shopping-Errungenschaften vor der Kamera präsentieren. Eine Sonderform des HAUL ist das sogenannte „Unboxing“, also das öffentliche Auspacken beliebter Produkte, vornehmlich des neuesten iPhones oder wechselnder Lego-Baukästen.

Bei Tumblr (➝ Verlagsblogs), Twitter, oder Pinterest gibt es inzwischen gigantisch viele Einträge unter dem Hashtag #Bookhaul. Über 163.000 präsentiert der Bilderdienst Instagram. Bookmaniacs zeigen hier ihre Pageturner, oft mit der obligatorischen ➝ Teetasse: als Stapel, Regalmeterreihe, Bücherchaos auf dem Wohnzimmerteppich, zum Weihnachtsbaum mit Lichterkette geschichtet. HAUL ist gewissermaßen das Graffito der Buchblogger, eine kurze Meldung, oft über die Zusammensetzung des aktuellen ➝ SuB.

L

Lovelybooks Ein Verwandter der ➝ Challenge ist die Leserunde, die vor allem durch das Social-Reading-Portal Lovelybooks bekannt wurde. Das Unternehmen aus München gehört zur Holtzbrinck-Gruppe (S. Fischer, Rowohlt, KiWi) und ist eine Art Facebook für Bücherfans, vergleichbar mit dem 2006 gegründeten Pendant Goodreads aus den USA. Besonders beliebt sind die von Lovelybooks angebotenen Leserunden, für die sich Nutzer bewerben können.

Auserwählte bekommen eine Neuerscheinung und lesen dann in der digitalen Gruppe gemeinsam mit dem Autor des Buchs, der sich zu festgesetzten Zeiten in die Diskussion einschaltet. Social Reading ist eine der großen Neuerungen der Branche, sorgt es doch dafür, dass Autoren, Verlage und Leser näher zusammenrücken. 2015 hat Suhrkamp gemeinsam mit dem E-Book-Portal Sobooks eine Social-Reading-Aktion zu Clemens Setz’ Roman Die Stunde zwischen Frau und GItarre gestartet. Man konnte (und kann weiterhin) einzelne Stellen des E-Books kommentieren, dem Autor auf Facebook oder Twitter folgen und sich in den extra dafür geschaffenen Blog einschalten.

S

SuB Abkürzung für „Stapel ungelesener Bücher“. So wie sich Musikfans, wie in Nick Hornbys High Fidelity, zwischen Vinylregalen einbunkern, so hamstern Romanfresser Hardcover bis sich die Regalbretter biegen. Hardcore-Bloggern ist es wichtig, dass jedes zu besprechende Buch vom eigenen ➝ Geld erworben wurde. Seit Jahren gibt es die Diskussion, ob kostenlose Besprechungsexemplare (wie sie für klassische Medien obligatorisch sind) als Bestechung angesehen werden können. Ebenfalls wird problematisiert, dass mit jedem neuen Buch der SuB unweigerlich wächst, was dann nur zu unnötigem Druck führt. Ein Teufelskreis.

T

Teetasse Gegen allzu hohen Rezensionsdruck (➝ Challenge) scheint nur ein Getränk zu helfen: Tee. Die Teetasse muss einer Buchblogbesprechung ebenso dienlich sein wie jene Instagramfilter, die über das Bild (mit Buch, Teetasse und Blümchen) gelegt werden. Ebenso gehört die Teetasse zum selbstverständlichen Nonbook-Sortiment nahezu aller stationären Buchhandlungen.

Der Herzgeschichten-Blog bietet eine Teetassen-Lesezeichen-Anleitung zum Selberbauen. „Miss Watson liest Bücher, trinkt Tee & schreibt darüber“ heißt es bei der 24-jährigen Lisa von booksandsenses. Und Tessa schreibt in ihrem Bücherwelt-Blog: „Nachdem draußen wunderschöne Schneeflocken zu Boden trudeln, sitze ich hier drinnen gemütlich vor meinem Laptop. Links die Teetasse, Rechts meine aktuelle Lektüre ‚Plötzlich Liebe‘ von Abby McDonald – schöner kann der Tag gar nicht mehr werden :)“

V

Verlagsblogs Verlage wissen, dass sie im Netz nicht nur mit einer klassischen Unternehmensseite vertreten sein sollten. Deshalb haben S. Fischer mit dem „hundertvierzehn“-Blog, Suhrkamp mit dem „Logbuch“ oder Diogenes mit einem Tumblr (dem Yahoo-Blogdienst) eigene Literaturangebote aufgezogen, um kostengünstig mit starken Stimmen aus dem eigenen Programm zwischen Lovelybooks, HAUL-Videos und ➝ Teetassen-meldungen mitzumischen. Es geht um so unterschiedliche Themen wie Hansjörg Schneiders Erinnerungen an den Waschtag („Das begann am frühen Morgen mit dem Einfeuern des Waschofens“), Dichter Albert Ostermaiers „Scheitern als Songwriter“ bis zum exklusiven Webcomic Der Sommer ihres Lebens von Thomas von Steinaecker und Barbara Yelin.

Z

Zusammenhalt Obwohl es über 950 deutschsprachige Buchblogs gibt, herrscht in der Szene Klassenfahrtstimmung. Über die „Blogroll“ genannte Linkliste befreundeter Blogs bilden sich Gruppen unterschiedlichster Leidenschaften, wie bei den Krimifans von Mord & Totschlag-Blogger Joachim Feldmann bis zu Krimi & Co von Claudia Junger oder der Kochbuch-Bloggerfraktion zwischen Toms Kochbuchblog und Aufgepasst und lecker essen von Ralf Jacob. Man kennt und schätzt sich (meistens) und verlinkt quer, was das Zeug hält. Denn: Traffic rules – wenn es schon keine Kohle abwirft.

06:00 17.03.2016
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Jan Drees

"When there's nothing left to burn – you have to set yourself on fire!" Literatur, Gesellschaft, Pop: Von Aebelard bis Stefan Zweig
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