Salut, Marcel

Bei diesem Beitrag handelt es sich um ein Blog aus der Freitag-Community

Mein Vater bat mich, diese Worte für ihn zu veröffentlichen.

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Il fût un des tous premiers à ne pas suivre le dictat de l´oenologie moderne.

(blog de vin-bio-naturel, 11.10.2010)


Rather than these fruity, happy-go-lucky concoctions, Mr. Lapierre (…) produced wines of depth, nuance and purity that nonetheless retained the joyous nature of Beaujolais.

(New York Times, 11.10.2010)


He and his gang were so different from everything going on.

(Kermit Lynch, 11.10.2010)


I´m trying to make it a little bit better.

(Marcel Lapierre, 2009)


Persönliche Gedanken zum Tod Marcel Lapierres, des Pioniers der französischen Naturweinszene


Salut, Klaus!“ Der Mann, der mir mit geradem Blick, aufrichtigem Lächeln und sonorer Stimme zum Handschlag entgegenkam, war Marcel Lapierre, Winzer aus Villié-Morgon im Beaujolais, einer nicht gerade mit Ruhm und Reichtum gesegneten Weinbauregion Frankreichs. Wieder einmal war ich während einer meiner Weinreisen zu einem kurzen Besuch auf seiner Domäne Les Chênes und war schnell Bestandteil des allgemeinen Trubels, der hier immer wieder zur Tagesordnung gehörte: Weinbaustudenten, Köche, Winzer aus allen Ecken der grande nation sowie Weinliebhaber aus aller Welt genossen auf dem großen Innenhof seines Weinguts das Flair der offenen Tür und des ungezwungenen Palavers, das Marcel zu einer Lebensform hatte werden lassen. Und für Stunden verschmolz dann der bunte Haufen von schüchternen Verehrern, neugierigen Erstlingen und wortreichen Machern und Kennern zu einer greifbaren Menschheit im Kleinen, die ganz ohne Gängelband und Vormund zusammenfand zu wechselseitiger Schätzung und Verbundenheit in Fragen des vinophilen Lebensgenusses. Vorrangig war selbstverständlich der Wein zentraler Gegenstand der Gespräche, aber indem der Wein zum Thema wurde, sprach man im gleichen Atemzug über Alltag, Zukunft, Kultur und Politik, vor allem aber über den Menschen und seine nächsten irdischen Aussichten. Nie gab sich der Hausherr als Lehrmeister oder Guru, als den ihn viele seiner Verdienste um den Naturwein wegen ansahen. Seine Person war offenherzig, aber entschieden den kleinen, wechselfälligen Dingen des Lebens zugewandt, denen er hartnäckig Sinn im Geschmack abzutrotzen trachtete. Missionar im Dienste einer neuen önologischen Doktrin war er nie. Wer einmal bei ihm zu Gast war am 14. Juli, dem Nationalfeiertag Frankreichs, der traf auf eine fröhliche Ansammlung von Menschen, die miteinander klönten oder disputierten, sangen, tanzten und tranken und die schließlich auch für die kurze Nacht irgendwo auf seinem großen Grundstück einen provisorischen Schlafplatz fanden, ohne dass der Gastgeber sonderlich in Erscheinung getreten wäre. Marcel war nur der Ausgangspunkt solcher jahrjährlicher Feste, und die diesbezügliche Folklore war gute Sitte, aber nie alternativer Etikettenschwindel.

Meine erste Flasche Morgon von Marcel Lapierre trank ich an meinem Geburtstag im Dezember 1986. Ihn selbst lernte ich im Frühjahr 1988 bei meinem Antrittsbesuch auf seinem Weingut kennen. Wir waren fast gleichaltrig und teilten allein deshalb gemeinsame Erfahrungen grundsätzlicher Art. Noch lebte Jules Chauvet, sein Vo rbild in Sachen natürlicher Weinbereitung, und noch ging ihm Jacques Néauport, sein kongenialer copin, beim Wein zur Hand, eine Allianz, deren Potential für einige der größten französischen Rotweine verantwortlich war. Und dies, obwohl die damals 8,5 Hektar in seinem Besitz zu einem Großteil nicht zu den allerbesten Böden in Villié-Morgon gehörten. Zu diesem Zeitpunkt hatte ich auch das Vergnügen, die noch eher traditionell bereiteten, frühen Weine Lapierres (z.B. einen vollständig unfiltrierten Morgon aus dem Jahr 1979) kennenzulernen. Zugleich erlebte der vielleicht größte Wein, den der Winzer in seinem Leben je herstellte, seine kulinarische Geburt, also seine Bekanntschaft mit dem Glas: die cuvée speciale 1985. Dieser Beaujolais war von seinem ersten Tag an ein fabulöses Ereignis, reich an verführerischem Schmelz, strukturdichter Komplexität sowie subtiler Finesse und Harmonie, zugleich keinesfalls schwer oder fest, ohne störende flüchtige Säuren, mit einem Strauß feinster (sekundärer) Blütenaromen (vornehmlich Veilchen, welke Rose, Hyazinthe, Narzisse und Iris) sowie einer Palette reintöniger Fruchtaromen (reife Kirsche, Johannisbeere, Aprikosenhaut, Erdbeere, Pflaume) und einer Prise Zimt, Pfeffer und Trüffeln. Natürlich war dieser Wein, einem Grundsatz des Hauses gemäß, nicht angereichert und ohne Schwefelzusatz ausgebaut: Er war mehr als ein Referenzwein, er war vielmehr eine Quintessenz dessen, was bei der Herstellung natürlicher Rotweine möglich ist.

Gelegentlich zeigten sich Lapierres Weine ebenso wenig brav und unkompliziert wie mitunter das Leben ihres Herstellers selbst. So hatte sein Wein in der Flasche zu Anfang der 90er Jahre dann und wann mit Stabilitätsproblemen zu kämpfen, was der Winzer selbst unumwunden einräumte. Er blieb aber unbeirrbar und kompromisslos seiner Linie treu, zur Wahrung der Reinheit seiner Weine (Marcel selbst sprach oft nur von der buvabilité, der Trinkbarkeit) Risiken nicht zu scheuen. Überhaupt hüllte er sich nicht in alchimistische Verschwiegenheit, sondern war offen und auch dankbar für jeden kritischen Hinweis auf mögliche Probleme bei der Weinbereitung. Ich selbst hatte einmal die Gelegenheit, eine zugleich atemberaubende Herausforderung, mit ihm in seinem Weinkeller die vielen, durchschnittlich fünfjährigen Fässer eines Jahrgangs auf ihre jeweilige Qualität hin zu testen. Marcel schenkte dabei jedem vorsichtigen Stichwort, aber auch jedem Unterton unumwunden seine Aufmerksamkeit, weil sein Interesse auch der Frage nach dem Zusammenspiel der durchaus unterschiedlichen Bedingungen von Weinbereitung und Weingenuss galt. Auch deshalb ließ er bisweilen Mitarbeitern und Dauergästen seiner Domäne freien Lauf: nämlich bei ihren eigenen Versuchen, in dem einen oder anderen Gebinde, das von ihm selbst nicht benötigt wurde, Wein herzustellen und vielleicht sogar in Konkurrenz zu treten zu Monsieur Bojo. Viele junge Winzer des Beaujolais und auch anderer französischer Weinregionen sind so oder auf vergleichbare Weise von ihm geprägt und bestärkt worden, die mühsamen Pfade der Weinbereitung ohne Agrochemikalien, Thermovinifikation, Chaptalisation, Reinzuchthefen und Schwefelzusatz einzuschlagen. Und er selbst empfahl auch gern und ohne jeden Neid entsprechende Weine anderer Weinmacher.

Zum deftigen, handfesten Abendessen, das ich ein paar Male in seinem Haus mit ihm (und oft mit weiteren Gästen) teilen durfte, holte er dann auch gern z.B. ein oder zwei Flaschen Vieux Télégraphe 1978 aus seinem Privatkeller, oder er servierte zu passender Gelegenheit – etwa bei einer Havanna, die er mitunter rauchte, – auch mal edelsüße Moselrieslinge aus dem Ürziger Würzgarten bzw. deutsches Pils, wenn es denn noch mit echtem Hopfen und ohne Stabilisatoren gebraut wurde. Wenn er einmal Zeit fand und seine Geldbörse prall genug war, aß er zu Abend gern bei Gérard Alonso in Emeringes oder auch bei Alain Chapel in Mionnay, den er damals für einen der bedeutendsten Köche Frankreichs hielt.

Als ich ihn im April 2007 auf einer kleinen Weinmesse in der Villa Favorita bei Verona traf, stießen wir an im Sinne einer Völkerverständigung der kurzen Wege: Er trank ein deutsches Glas Bier aus dem Altenteil eines Wulfener Privatbrauers, ich verkostete derweil seine ausgezeichnete Cuvée Marcel Lapierre 2005. Für diese kleine Weile musste der internationale Rummel um seinen Stand – des Biergenusses wegen, so erklärte Marcel freimütig – für ein paar Minuten ruhen. Eine gute Woche später habe ich ihn dann zum letzten Mal gesehen: bei herrlichem Frühlingswetter auf seiner Domäne, als wir bei einem kleinen Imbissdraußen vor dem Wohnhaus noch einmal seine jüngsten Weine probierten. Das Treppensteigen fiel ihm bereits schwer, aber sein Geist war ungebrochen wie je. Er schwärmte von der jungen Winzergeneration des Beaujolais, zeigte sich stolz auf seinen eigenen Filius Mathieu, der2005 an der Seite seines Vaters in dessen Fußstapfen getreten war, bekundete Unverständnis gegenüber so mancher Maßnahme der europäischen Politik, schüttelte den Kopf über das abflachende Bewusstsein der modernen Informationsgesellschaft und ihre Scheinwelten und fragte – wie so oft – nach dem Stand bzw. den Konsequenzen der réunification in der Bundesrepublik Deutschland.

In der Nacht zum 11. Oktober 2010 starb Marcel Lapierre, wie ich am nächsten Tag erfuhr, wohl wissend, dass er seit längerer Zeit an einer Krebserkrankung litt. Viele hundert Trauergäste erwiesen ihm als Winzer, aber vor allem als unverwechselbarem Menschen während seiner Bestattung in Villié-Morgon am Nachmittag des 14. Oktober die letzte Ehre. Er starb im Alter von 60 Jahren. Er starb wie viele berühmte Winzerkollegen seiner Generation (François Dutheil, Philippe Laurent, Bernard Chandelier, Didier Dagueneau…) zu früh. Selbst die New York Times sprach umgehend von einem großen Verlust. Zu hoffen ist, dass Marie, seine Ehefrau, seine drei Kinder und seine engsten Freunde mit diesem Verlust werden leben können – in einem Sinne, der dem Toten zu seinen Lebzeiten immer am Herzen lag: im Sinne einer unverbrüchlichen, geraden, gleichsam ledernen Liebe zu diesem kleinen kurzen Leben mit seinem unsteten Fluss und all seiner dezenten Größe und seinem diskreten Reiz.

Der tote Freund überlässt uns der Erinnerung an gemeinsame Erlebnisse ohne Aussicht auf seine Gegenwart. Das casse-croûte, das wir bei unserem letzten Zusammentreffen für das nächste Mal vereinbart hatten, wird es nicht mehr geben. Salut, Marcel.


Klaus Kosok

06:18 19.10.2010
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Geschrieben von

Jan Jasper Kosok

Online-Journalist und Hausmeister in Kreuzberg
Jan Jasper Kosok

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