„Es beginnt harmlos“

Interview Um in eine Essstörung zu kippen, gibt es viele gesellschaftliche Anreize, sagt Barbara Rieger

Barbara Riegers Roman Friss oder stirb erzählt radikal das Coming of Age einer Bulimikerin zwischen Selbstzerstörung, Kontrolle und Kurt Cobain. Es ist eine Kopf- und keine Körpergeschichte

der Freitag: Frau Rieger, in „Friss oder stirb“ entwickelt sich die Essstörung der Hauptfigur Anna über längere Zeit. Jedes Kapitel repräsentiert ein Jahr ihres Lebens. War diese Form von Anfang an da?

Barbara Rieger: Bei einer Sucht ist es ja so, dass sich alles immer wiederholt. Dem wollte ich durch die Form entgegenwirken und Struktur hineinbringen. Das Lebensalter der Protagonistin erschien mir als gutes und einfaches Mittel, um den Leser*innen einen Halt zu geben. Ansonsten würde sich auch der Roman selbst in dieser Wiederholung verlieren. Für viele Frauen und Männer ist die Essstörung zum Glück eine Episode, die vorübergeht. Bei anderen wird es aber eine ausgewachsene Sucht, und entsprechend schwierig kommen sie da wieder heraus.

Jedem Kapitel ist auch ein Songtitel vorangestellt. Welche Rolle spielt die Musik für Sie als Autorin, welche für Ihren Roman?

Die Musik gibt einen Rhythmus und eine Stimmung vor, aber für mich ist sie auch stark mit der Zeit verknüpft: Durch die Musikauswahl lässt sich der Roman in einer ganz bestimmten Zeit verorten. Würde der Roman in der Gegenwart spielen, käme Nirvana vielleicht auch einmal vor, aber eher als eine Art Retro-Klassiker. Wenn Anna, die Hauptfigur, diese Musik hört, ist klar, dass sie gerade aus ihrer Jugend in den 1990er Jahren erzählt.

Das ist eine ganz bestimmte Subkultur, sie bewegt sich viel in der Grunge-Szene.

Ja, aber es hätte auch etwas anderes sein können, was zu der Zeit angesagt war, Hip-Hop zum Beispiel. Parallelen zwischen Annas Leben und den Musikern, die sie verehrt, gibt es aber vielleicht doch gerade in den Dingen, die sehr stark mit Grunge assoziiert wurden. Dass Kurt Cobain, das Idol einer ganzen Generation, sich umgebracht hat, ist natürlich nicht unwichtig. Die Lust am selbstzerstörerischen Rausch.

Im Roman verkörpert dies Annas erster Freund, der – ganz zufällig – auch Kurt heißt. Eine ziemlich traurige Gestalt, aber man kann dennoch nachvollziehen, was Anna an ihm findet.

In Österreich war das so, dass es in jeder Stadt mindestens einen Kurt-Cobain-Verschnitt gab, der versucht hat, genau so auszusehen. Die Schriftstellerin Barbara Zeman hat mal bei einer Lesung davon erzählt, wie sie mit dem Kurt Cobain von Eisenstadt zusammen war. Ich habe so lachen müssen, weil es damals ja wirklich überall diese Typen gab. In Graz, wo ich herkomme, gab es circa fünf Kurt Cobains. Diese Glorifizierung des Exzesses, des Rausches kann ich auch noch immer nachvollziehen, auch wenn ich fast geneigt bin zu sagen: Ich bin jetzt fast vierzig, ich fange jetzt mal an, das problematisch zu finden. Auf der Bühne und im Scheinwerferlicht diese Exzesse zu leben, ist ja das eine, aber wenn man sich ansieht, wie es bei Kurt Cobain und Courtney Love zuhause ausgeschaut hat, ist das eher traurig und abschreckend. Da ist an der Heroinsucht nichts mehr attraktiv.

Anna ist eine einsame Figur, obwohl sie ständig einen neuen Freund hat.

Ich denke, dass das Sich-einsam-Fühlen Teil der Sucht ist. Das Gefühl, dass niemand da ist und niemand einen versteht, niemand einen mag und niemand einen jemals lieben wird und man über kurz oder lang von allen verraten wird. Dieser Gefühlskomplex gehört aus meiner Sicht zu diesen Krankheiten dazu, selbst in Fällen, wo es objektiv betrachtet sehr wohl Unterstützung aus dem Umfeld gibt. Das hängt damit zusammen, dass man sich selbst als so defizitär wahrnimmt. Zudem beansprucht die Sucht so viel Zeit und Raum, alles wird ihr untergeordnet. Anna sagt alles ab, wenn sie in einer Fress-und-Kotz-Phase ist. Dann kann sie halt nicht arbeiten gehen und ihre Freundinnen treffen.

Zur Person

Barbara Rieger, 1982 geboren, ist Schriftstellerin, Schreibpädagogin und Herausgeberin des Blogs Café Entropy. Ihr Romandebüt Bis ans Ende, Marie erschien 2018 bei Kremayr & Scheriau, ebenso wie nun Friss oder stirb (224 S., 22 €)

Auch in „Bis ans Ende, Marie“ ging es um eine junge Frau, die sehr selbstzerstörerisch auftritt. In welchem Verhältnis stehen die beiden Romane zueinander?

Manchmal haben mich Leute während des Schreibprozesses sogar gefragt, ob der zweite Roman eine Fortsetzung ist. Ich habe dann gesagt: Eher ist es ein Prequel, eine Vorgeschichte. Die Romane unterscheiden sich allein schon dadurch, dass Friss oder stirb auf einer ganz realen Ebene angesiedelt ist, während Bis ans Ende, Marie eine Art Fight-Club-Geschichte aus weiblicher Sicht ist, bei der die Imagination der Hauptfigur die erzählte Wirklichkeit formt. Es gibt zwei Figuren, die aber auch wie eine einzige, eben gespaltene Figur lesbar sind. In Friss oder stirb ist auch eine Spaltung innerhalb der Figur da, bedingt durch die Bulimie: Einerseits will sie alles kontrollieren, andererseits verliert sie die Kontrolle permanent.

Ich habe vieles, was Anna macht, auch als – vielleicht nicht ganz bewusste – Abgrenzung von der Mutter gelesen. Der Vater dagegen ist abwesend.

Ich habe bei meinen Recherchen gelernt, dass viele, die eine Essstörung entwickeln, solch eine abwesende Vaterfigur in ihren Biografien haben. Auch die Nicht-Kommunikation zwischen Anna und ihrer Mutter, dass Dinge nicht ausgesprochen werden können und, wenn überhaupt, eine sehr verquere Kommunikation stattfindet, geprägt durch Vorwürfe und beleidigtes Zurückziehen: Das ist ebenfalls etwas, das viele dieser Biografien eint. Man kommt einfach nicht auf einem empathischen Level zueinander, das ist etwas, das ganz spezifisch zur Entwicklung von Essstörungen beiträgt.

Haben Sie sich viele Regeln gesetzt, um etwa betroffene Leser*innen nicht zu „triggern“?

Durch die relativ explizite Schilderung der Fress- und Kotzszenen kann der Roman triggernd sein, das will ich nicht verharmlosen. Ich dachte beim Schreiben an die Leute, die nicht betroffen sind, die sollten das nachvollziehen können! Prinzipiell wollte ich diesen Prozess sichtbar machen, wie man überhaupt süchtig wird, wie Sucht sich Raum nimmt: Es beginnt harmlos, wird dann immer ärger. Was ich nicht wollte, war eine einfache Story, wo es ein traumatisierendes Ereignis gibt, und plötzlich ist die Sucht da. Natürlich kann so etwas passieren, aber mir ging es um die vielen kleinen Konstellationen, schlechten Erfahrungen und Persönlichkeitsstrukturen, die dazu führen. So wie ich auch kein Happy End schreiben wollte, wo plötzlich ein neuer Partner auftritt, der der richtige ist, und schon ist die Welt wieder in Ordnung. Ich denke nicht, dass das der Wahrheit entspricht.

Man erfährt nie, wie viel Anna wiegt oder wie ihr Gewicht schwankt.

Das habe ich auch deshalb vermieden, weil ich nicht vorschreiben wollte: Welches Gewicht ist jetzt gut, schlecht, pathologisch oder nicht? Man weiß überhaupt wenig darüber, wie sie aussieht, ich wollte sie in ihren Körperstrukturen bewusst nicht festschreiben. Ich denke, es ist irrelevant, was gut, richtig oder schön ist. Es kommt ja auf die Körperwahrnehmung an.

Andere Romanfiguren haben eine andere Sicht auf Annas Körper als die Protagonistin selbst.

Das verzerrte Körperbild ist bei jeder Essstörung Teil der Krankheit: dass man den eigenen Körper sowieso immer hässlich und fett findet, egal wie er ausschaut – selbst bei magersüchtigen Personen. Das ist eine Kopf- und keine Körpergeschichte. Das ist etwas, das gesellschaftlich enorm verstärkt wird, wenn man sich etwa das Angebot an Diäten ansieht, die ganzen Ansätze, wie man sich ernähren kann oder soll, mit den jeweiligen Industrien dahinter. Wie einem ständig gesagt wird, was man essen soll, um möglichst schlank zu sein, noch dazu die permanente Inszenierung des weiblichen Körpers. Ich bin kein Fan davon, alles auf dieses Abstraktum zu schieben und die Gesellschaft für alles verantwortlich zu machen, aber es gibt sehr viele gesellschaftliche Angebote dafür, in eine Essstörung hineinzukippen.

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06:00 09.12.2020

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