In der Kriegsmaschine: Atomare Eskalation?

Meinung Die Logik der Eskalation, auf die sich der Westen eingelassen hat, wird immer mehr zum Problem. Wie schwer sollen die Waffen werden, die wir liefern?
Bundeswehrsoldaten neben einem Leopard 2-Panzer
Bundeswehrsoldaten neben einem Leopard 2-Panzer

Foto: Jens Schlueter/Getty Images

Längere konventionelle Schlachten in der dicht besiedelten Bundesrepublik würden „die Substanz dessen zerstören, was verteidigt werden soll“. Das Zitat stammt aus dem Weißbuch des Bundesverteidigungsministeriums, und vielleicht sollten es sich alle hinter den Spiegel stecken, die jetzt den Krieg als Fortsetzung des guten Gewissens mit anderen Mitteln neu entdecken. Da stand auch noch: „Denn moderne konventionelle Waffensysteme – Schüttbomben, Napalm und Flächenfeuerwaffen – erreichen fast schon die Zerstörungswirkungen taktischer Nuklearwaffen.“ Ach so, es handelt sich um das Weißbuch 1975/76. Seither dürfte das eher nicht besser geworden sein, oder?

Aber die Idee, dass auch der Verteidigung eine Grenze gesetzt ist – nämlich der Bestand des zu Verteidigenden –, die ist offenbar seither verloren gegangen. Die Ukraine jedenfalls unterstützen wir, egal, wie viele Kinder und Städte dabei verloren gehen. Und damit die Zeit bis dahin nicht kurz wird, liefern wir jetzt, was das Zeughaus hält. „Schwere Waffen“ ist jetzt schon das Unwort des Jahres 2022. Ja, es ist Wladimir Putins Krieg. Der russische Präsident ist der Verbrecher. Aber für jeden Krieg braucht es den, der ihn anfängt, und den, der ihn mitmacht. Stellt euch vor, es ist Krieg und keiner geht hin – in dem Satz steckt immer noch mehr Witz und Weisheit als in der Äußerung der verbalen Waffenschmiede Katja Petrowskaja, die gesagt hat: „Wir waren zwar alle mal Pazifisten, aber jetzt sind wir es eben nicht mehr!“

„Die Ukraine braucht weiteres militärisches Material – vor allen Dingen auch schwere Waffen“, das hat Außenministerin Annalena Baerbock vor einiger Zeit in Luxemburg gesagt; und nachdem der Druck, den die Journalisten und die Herren Wolodymyr Selenskyj und Andrij Melnyk in den Medien aufgebaut haben, für ihn unerträglich wurde, ist Olaf Scholz eingeknickt. Nun liefern auch wir „schwere Waffen“ – obwohl der Kanzler das erkennbar nicht wollte.

Es gibt immer eine Alternative

Aber je länger der Krieg dauert und je größer die Zahl der Follower, die der Sache der Ukraine ein dickes Like geben, desto schwerer hat es die Vernunft. Wir halten die Bilder nicht aus – weil sie nicht auszuhalten sind. Also liefern wir Waffen. Das verlängert den Krieg. Der erzeugt mehr Bilder. Was wiederum den Druck steigen lässt, „endlich“ etwas zu tun. So werden die Waffen, die wir liefern, schwerer und der Krieg dauert immer länger – aber wie geht das weiter?

Das ist kein Aufruf zur Kapitulation der Ukraine. Es ist eine nüchterne Beschreibung der Kriegsmaschine, in die wir geraten sind. Der Ärmel sitzt darin schon fest und wir werden immer tiefer hineingezogen. Es sage bitte niemand, es gebe „keine Alternative“. Die gibt es immer. Sonst braucht man gar keine Politik und auch keinen Kanzler.

Wenn der Westen der Ukraine wirklich helfen wollte, sollten wir ihr Atomwaffen liefern. Das zumindest läge in der Logik der westlichen Politik: Wir statten die Ukraine so aus, dass sie sich gegen den russischen Aggressor erfolgreich zur Wehr setzen kann, ohne dass wir selber zu den Waffen greifen müssen. Am wirkungsvollsten könnte sich die Ukraine zweifellos mit Atomwaffen schützen, oder mit der Drohung, sie einzusetzen. Also warum keine Bombe für Kiew? Das ist zwar wahnsinnig – aber es liegt in der Eskalationslogik, auf die der Westen sich eingelassen hat. Wo wird diese Logik stoppen? Wie schwer sollen die Waffen werden, die wir liefern? Oder dürfen wir darüber nicht sprechen?

Logik der nuklearen Abschreckung missverstanden

Wir sind ja schon sehr tief eingetaucht in Theorie und Praxis der nicht-kooperativen Spiele, mit denen man sich in den 1950er und 60er Jahren die Endzeit vertrieben hat: also der Spiele, in denen man seinem Gegenüber nicht traut, mit ihm nicht kommuniziert und in denen jeder davon ausgeht, dass der andere nichts als den eigenen Vorteil verfolgt. Die „Du denkst, dass ich denke, dass du denkst“-Spiele des Kalten Krieges.

Wir haben uns in Putins Kopf versetzt. Damit fing – was uns betrifft – der Wahnsinn an. Noch mal zur Erinnerung: Die Länder der NATO haben sich gegenseitig ein Versprechen gegeben: Ein Angriff auf eines ist ein Angriff auf alle. Und damit Putin auf keinen Fall daran zweifelt, dass wir dieses Beistandsversprechen einhalten, stehen wir jetzt einem Land bei, dem wir es gar nicht gegeben haben. Das ist zwar erkennbar unsinnig – aber das sagt niemand. Stattdessen verkaufen wir uns jetzt gegenseitig Weisheiten dieser Art: Putin muss weg, er ist wahnsinnig, mit ihm kann man nicht mehr verhandeln, er versteht nur die Sprache der Stärke, Angst ist ein schlechter Ratgeber und einen Atomkrieg werde es schon nicht geben.

Leider haben die Deutschen die Logik der nuklearen Abschreckung schon früher missverstanden: Diese Logik galt nie für sie, sondern immer nur für die anderen. Russen und Amerikaner können sich darauf verlassen, sich nicht gegenseitig in die Steinzeit zu sprengen. Die Deutschen können sich nur darauf verlassen, in jedem Krieg – ob konventionell oder nuklear – ausgelöscht zu werden. Helmut Schmidt, der aus eigener Erfahrung etwas vom Krieg verstand, hat gesagt, die Bundesrepublik sei nur „um den Preis ihrer totalen Zerstörung“ zu verteidigen.

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Geschrieben von

Jakob Augstein

Journalist und Gärtner in Berlin
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