Post sei Dank

Arbeit Die kühle Praxis der Befristung beim ehemaligen Staatskonzern zeigt, wie nötig viel entschlossenere Gewerkschaften sind
Post sei Dank
Ran an die Buletten! Es gibt viel zu tun

Foto: Lukas Schulze/Getty Images

An dieser Stelle ein großer Dank an die Chefs der Post. Sie haben uns alle rechtzeitig zum DGB-Bundeskongress daran erinnert, wofür wir Gewerkschaften brauchen. Viele Leute wissen das nicht mehr. Die Gewerkschaften sind in der Krise. Sie haben sich immer als Mitgliederorganisationen empfunden. Sie leiten ihre Legitimation aus der Zahl ihrer Mitglieder ab. Doch diese Zahl ist über die Jahre massiv gesunken. Ist das ein Zeichen dafür, dass die Gewerkschaften nicht gebraucht werden? Im Gegenteil!

Wenn die Delegierten der acht DGB-Gewerkschaften vom 13. Mai an in Berlin die gewerkschaftliche Marschrichtung für die kommenden vier Jahre festlegen, dann sollten sie bedenken: Die Gewerkschaften müssen die Interessen der Arbeitnehmer wahrnehmen, auch wenn diese ihre Interessen nicht mehr selbst wahrnehmen.

Denn sie schöpfen ihre eigentliche Legitimation aus den Sauereien, die in den Führungsetagen der Unternehmen ausgeheckt werden. Und die werden ja nicht kleiner.

Die Post also. Es wurde jetzt eine interne Anweisung der Konzernspitze bekannt, wie die Be- und Entfristung der Arbeitsverträge der Postboten zu regeln sei. Wer einen unbefristeten Arbeitsvertrag haben will, muss demnach folgende Ansprüche erfüllen: Er darf in zwei Jahren höchstens sechsmal krank werden, wobei die maximale Zahl der Fehltage 20 beträgt; er darf nicht mehr als zwei Autounfälle verschulden, deren Höchstschaden 5.000 Euro nicht überschreiten darf; und er darf in drei Monaten nicht mehr als 30 zusätzliche Stunden für seine Touren benötigt haben.

Nun muss eine Firma nicht jeden einstellen. Wer kein Auto fahren kann und dauernd betrunken zur Arbeit erscheint, sollte keinen Anspruch auf einen unbefristeten Vertrag als Paketbote haben. Schon klar. Aber schon die Zahl der erlaubten Krankheitstage hat es in sich: 20 Tage in zwei Jahren? Da genügen ein Sportunfall und eine Grippewelle – und das war es dann mit der unbefristeten Anstellung. Wer sich aber jetzt über die Post echauffiert sollte ehrlich sein: Solch moralisch durchkühlter Manchesterkapitalismus ist inzwischen eher die Regel als die Ausnahme.

Es gibt 3,7 Millionen Menschen in Deutschland, die weniger als 2.000 Euro brutto im Monat verdienen. Das sind fast 18 Prozent aller Beschäftigten – wobei die Spaltung zwischen Ost und West tief ist: Im Osten sind es mehr als 30 Prozent. Es gibt einen Gesundheitsminister, der ein Leben unter den Bedingungen von Hartz IV nicht für ein Leben in Armut hält – aber der Latte macchiato in Käfers Dachgarten-Restaurant im Bundestag kostet beinahe doppelt so viel, wie einem Vorschulkind am Tag für Essen und Trinken zur Verfügung steht.

Wo mit den Menschen gewirtschaftet wird, als seien sie nicht viel besser als das Nutzvieh, gibt es Arbeit für die Gewerkschaften. Sollte man meinen. Aber die Gewerkschaften in Deutschland haben lange zugesehen, wie der Sozialstaat vor die Hunde ging. Während die Ungerechtigkeit zunahm, sanken die Ansprüche. Früher war man links, wenn man die Vergesellschaftung der Produktionsmittel forderte. Heute ist man schon links, wenn man ein anständiges Einkommen und bezahlbare Mieten will.

So hat links keine große Zukunft. Der Zorn nimmt zwar zu – aber er trifft die Falschen und die Falschen artikulieren ihn. 200 Jahre Marx – und es sind die Rechten, die die Ernte einfahren, die aus der Krise des Kapitalismus erwächst. Nach früheren Maßstäben ist das paradox: Die Gewerkschaften haben allen Grund, sich um rechte Konkurrenz zu sorgen.

Dieter Sauer, Professor für Arbeitssoziologie in München, hat eine Studie über Rechtspopulismus bei den Gewerkschaften verfasst. Die Gewerkschaften büßen jetzt dafür, dass sie ihr Kerngeschäft – die Arbeitsbedingungen, die Tarife – zu lange zu sehr vernachlässigt haben. Sie haben die Auseinandersetzung gescheut. Gleichzeitig müssen sie sich für die enge Verflechtung von Unternehmensführung und Betriebsräten rechtfertigen, die vor allem in den großen Konzernen das gewerkschaftliche Leben bestimmt. Wer sich den Regeln des Co-Managements unterwirft, fällt als Gegenmacht zu den Interessen der Arbeitgeber aus. Ausgerechnet die Rechten kommen nun bei den Betriebsratswahlen und beschimpfen die Gewerkschaften als Teil des Establishments. Das ist bitter. Aber wahr. Mit den Gewerkschaften ist es ja so weit gekommen, dass sogar die Bundesbank seit Jahren auf stärkere Lohnerhöhungen drängt – nicht aus sozialen, sondern aus Gründen des volkswirtschaftlichen Gleichgewichts. Nun werden sich die Lohnerhöhungen in den kommenden Jahren von allein einstellen. Einfach weil die Zahl der zur Verfügung stehenden Arbeitskräfte den Ansprüchen der Wirtschaft nicht genügt.

Der Kampf um höhere Löhne allein wird den Gewerkschaften nicht die Existenz sichern – und er käme jetzt zehn Jahre zu spät. Was dann? Die IG Metall hat mit ihrem erfolgreichen Tarifstreit um mehr Flexibilität für die Beschäftigten die Richtung gewiesen: Es geht nicht immer nur ums Geld, es geht um das Leben der Menschen. Ihre Arbeitsbedingungen. Die Fairness ihrer Verträge. Wie bei der Post. Es liegt im Wesen der Abhängigkeit, dass der Angestellte nachts im Bett an seinen Chef denkt und der Chef nicht an seinen Angestellten. Aber entschlossenere Gewerkschaften, die würden dem Chef zu denken geben.

06:00 13.05.2018
Geschrieben von

Jakob Augstein

Journalist und Gärtner in Berlin
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Jakob Augstein

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