Rausch des Notstands

Corona Diese Krankheit ist ernst. Aber wir haben sie zu einer Katastrophe gemacht. Politik und Medien spielen dabei eine große Rolle
Rausch des Notstands
Die Rede von der „größten Bedrohung seit dem Krieg“ scheint mitunter aufgebläht

Foto: Sean Gallup/Getty Images

Das Virus hat großen Schaden angerichtet. Es hat Leben vernichtet und Menschen ins Unglück gestürzt. Aber es hat noch mehr getan: Es hat unsere Schwäche entlarvt. Jenseits der persönlichen Betroffenheit, der eigentlichen Opfer und ihrer Angehörigen wird das die dauerhafte Botschaft dieser Krankheit sein: Wir sind anfälliger, als wir dachten.

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Es ist die Rede von der „größten Bedrohung seit dem Krieg“, es heißt, dies sei die dunkelste Stunde der Menschheit. Aber das hier ist kein Krieg und es fallen einem noch ein paar dunklere Stunden ein. Die dramatische Rhetorik hat vor allem den Sinn, die Reihen zu schließen. Es muss schließlich begründet werden, warum wir alle über Nacht eines großen Teils unserer Bürgerrechte verlustig gegangen sind, warum das öffentliche Leben stillgelegt wurde, warum nichts mehr geht, was unsere Gesellschaft ausmacht. Es sind sogar die Kirchen, Synagogen und Moscheen geschlossen!

Die Realität ist nüchtern. Nach allem, was wir wissen, handelt es sich bei Covid-19 um eine Krankheit, die eine Minderheit der Menschen ernsthaft bedroht. Die Politik hat beschlossen, zugunsten dieser Minderheit der Mehrheit sehr schwere Lasten aufzubürden. Ob es andere Wege gegeben hätte, ist offen – und wird nach allem, womit man rechnen muss, auch offen bleiben. Denn lässt sich tatsächlich vorstellen, dass nach dem Ende der Pandemie ein allgemeines Urteil gefällt wird, die Regierung habe zu schnell und zu scharf reagiert? Oder werden wir nicht vielmehr gezwungen sein, alles auch im Nachhinein gutzuheißen, weil so viel auf dem Spiel steht?

Es gibt einen Namen für das Streben nach Einmütigkeit, das so übermächtig wird, dass es jede realistische Abschätzung von Handlungsalternativen verdrängt: „Groupthink“. Der Begriff stammt aus der Psychologie der siebziger Jahre – und wie in einem gigantischen Feldexperiment füllen wir ihn zurzeit mit Leben. Es gibt ein paar Ausnahmen: Die Schriftstellerin Juli Zeh hat an unsere Verfassung erinnert, nach der bei Grundrechtseingriffen immer das mildest mögliche Mittel gewählt werden muss – eine hierfür notwendige Debatte habe aber nicht stattgefunden. Der Journalist Heribert Prantl hat geschrieben, man müsse „nicht nur entschlossen gegen das Virus kämpfen, sondern auch gegen eine Stimmung, die die Grund- und Bürgerrechte in Krisenzeiten als Ballast, als Bürde oder als Luxus betrachtet“.

Aber es sind wenige Stimmen, und sie verschaffen sich kein Gehör. Und im Bundestag fehlt die Opposition.

Die Angst vor der Krankheit hat die Demokratie aufgegessen. Obwohl wir über die Krankheit nicht sehr viel wissen – oder gerade deswegen. Der Medizinstatistiker Gerd Antes, Professor in Freiburg und weltweit renommierter Experte in seinem Fach, hat dem Spiegel gesagt: „Es gibt zwei enorme Probleme mit den Zahlen: Wir wissen nicht, wie viele Menschen sich bislang mit dem neuen Coronavirus infiziert haben und wie viele jeden Tag hinzukommen. Außerdem ist unklar, wie viele Menschen ursächlich an einer Infektion sterben.“

Wenn dieser Satz zutrifft, müsste er eigentlich die gesamte Corona-Politik der Regierung hinwegfegen. Stattdessen verklingt er einfach. Untergegangen ist auch, dass die zentrale Argumentation der Bundeskanzlerin, welche Bedingungen eintreten müssen, damit die Restriktionen gelockert werden, inkonsistent ist. Merkel hatte gesagt, Ziel sei es, dass die Zahl der Infizierten sich erst in einem Zeitraum von zehn Tagen verdoppele, dann war von zwölf Tagen die Rede, dann von 14. Es sind nicht die wechselnden Zahlen das Problem, die sind den Unsicherheiten der Krise geschuldet. Das Problem ist das Argument selbst: Wir kennen die reale Zahl der Infizierten gar nicht, wir wissen nur, wie viel getestet wird. Wenn die Krankheit schon einen hohen Durchseuchungsgrad erreicht hat, richtet sich die Zahl der Infizierten schlicht nach der Zahl der Tests – das sagt über die Gefährlichkeit der Krankheit oder über die Überlastung des Gesundheitssystems nichts aus.

Die Leute stürzen sich in einen Akt der Solidarität mit den Schwächsten, obwohl die allermeisten von ihnen von den Maßnahmen gegen die Krankheit viel stärker bedroht werden als von der Krankheit selbst. Lauter Altruisten, wo man zuvor nur Selbstoptimierer wähnte? Oder rührt der Rausch des Notstands doch daher, dass die Menschen die tatsächliche Gefahr der Krankheit immer noch überschätzen?

Wir alle sind Gefangene der Bilder aus der italienischen Stadt Bergamo: der Konvoi der Militärlaster, der gekommen ist, die Särge der Toten zu holen. Das Leid, das der Lockdown verursacht, ist schwerer abzubilden. Die Sprachlosigkeit der Einsamen, die Schmerzen der Opfer der häuslichen Gewalt, die Nöte der Arbeitslosen, die Angst der kleinen Selbstständigen und Unternehmer. Die Sozialmediziner könnten davon berichten. Aber im Moment ist ja nur die Stunde der Epidemiologen.

Das Corona-Erlebnis wird auch darum in unsere Geschichtsbücher eingehen, weil es sich hier um die erste Krankheit handelt, die auch über das Internet übertragen wird. Alle Mechanismen der modernen Medienhysterie werden hier wirksam! Und anstatt zu mäßigen, wirken Politik und Medien noch als Brandbeschleuniger. Ja, uns fehlt in jeder Hinsicht die Immunität gegen dieses Virus: gesundheitlich und gesellschaftlich. Diese Krankheit ist ernst. Wir haben sie zur Katastrophe gemacht.

06:00 10.04.2020
Geschrieben von

Jakob Augstein

Journalist und Gärtner in Berlin
Schreiber 0 Leser 203
Jakob Augstein

Ausgabe 22/2020

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