Und der Zukunft zugewandt

Linkspartei Warum es gut ist, dass Oskar Lafontaine nicht für den Vorsitz kandidiert. Jakob Augstein über das Ende eines Großpolitikers

Oskar Lafontaine hat bekannt gegeben, dass er nicht für den Vorsitz der Linkspartei kandidieren will. Das ist gut. Es sieht aus wie ein Zusammenbruch. Aber es ist in Wahrheit ein Neuanfang. Und der war überfällig. In ihrer Geschichte hat Oskar Lafontaine der Linkspartei zwei große Dienste erwiesen: Er hat sie gegründet und nun lässt er sie los. Es hätte keinen Besseren gegeben, das Projekt einer neuen linken Kraft in ganz Deutschland aufzunehmen als ihn. Und keinen Schlechteren, es zu vollenden. Ob die Linkspartei ohne Lafontaine eine Zukunft hat, ist unsicher. Aber es ist sicher, dass sie mit ihm keine gehabt hätte.

Es geschieht ja nicht oft, dass Eitelkeit und Energie, Intelligenz und Geschick, Lust und Wille sich bei einem Politiker so wirkungsvoll vereinen wie bei Oskar Lafontaine. Aber gerade die Großen halten sich gerne für noch größer, als sie sind. Lafontaine wollte die Linkspartei ganz zu einem Organ seiner politischen Persönlichkeit machen. Dafür aber sind Parteien nicht da. Und die Linkspartei vor allem darf dafür nicht da sein. Im Osten haben immer mehr Genossen das so empfunden. Sie konnten sich dabei nicht auf Gregor Gysi stützen. Der Mann, der seinerzeit den Übergang von der SED zur PDS möglich machte, hat sich lange, zu lange, im Hintergrund gehalten. Erst ganz zuletzt hat Gysi sich gerührt und Lafontaine ein Signal gegeben, dass nun die Grenze der Loyalität erreicht sei.

Von den wichtigen Linkspolitikern war nur Dietmar Bartsch mutig genug, von Anfang an den Kampf gegen Lafontaine durchzustehen. Das wird kein Vergnügen gewesen sein. Die Angriffe, die er über sich ergehen lassen musste, waren bösartig. Aber die Linken in Ostdeutschland haben sich nicht 20 Jahre mit den Lehren aus ihrer SED-Vergangenheit beschäftigt, um nun einem großen Vositzenden zu huldigen, der es für unzumutbar hält, sich einer offenen Wahl zu stellen. Lafontaine war vom Parteivorsitz nie ganz zurückgetreten, er hatte ihn durch loyale Statthalter ausüben lassen. Nun wollte er im passenden Moment wieder nach der Macht greifen, dabei aber keine Konkurrenten dulden. Honecker lässt grüßen. Bartsch hat sich dem verweigert und die Mehrzahl der östlichen Landesverbände stand hinter. ihm. Right or wrong – my Lafontaine? Nicht mit den Linken im Osten.

Es kann sein, dass die Linkspartei da­rüber zerbricht. Die Verbindung von Kadern und Chaoten, von staatstragenden Realos im Osten und Fundis im Westen war von Anfang an heikel.

Aber aller Schwierigkeiten zum Trotz: Das Land braucht die Linken. Nur der Linkspartei kann man glauben, dass sie angesichts der Hemmungslosigkeit der Banken und des Versagens der demokratischen Institutionen nicht bei wohlfeiler moralischer Entrüstung haltmachen will. Und es hat auch niemand in den vergangenen zwei Jahren die irrwitzige Perversion des Finanzsystems klarer analysiert als Sahra Wagenknecht.

Aber es hat nichts geholfen: An den Wählern geht das vorüber. Das liegt nicht nur an den Medien, denen Lafontaine seit jeher eine links drehende Schweigespirale vorwirft. Das liegt da­ran, dass die Linkspartei nicht begriffen hat, dass sich mit dem stetig wandelnden Kapitalismus auch die Kritik an ihm stetig wandeln muss. Die wirkungsvollste Kapitalismus-Kritik kommt heute nicht aus der Heimat von Marx und Engels sondern läuft unter Stichworten wie „occupy“ und „commons“. Die Agitation der Massen findet statt. Es fehlt die Übersetzung in die Politik. Da liegt die Aufgabe für die Linkspartei.

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Geschrieben von

Jakob Augstein

Journalist und Gärtner in Berlin

Jakob Augstein

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