Im Auge des Shitstorms

Serie Niemand kann so authentisch bedröppelt gucken wie Sandra Oh in der Titelrolle von „Die Professorin“

Was kann man von jemandem erwarten, der in Harvard „Die Geschichte des Witzes“ unterrichtet? Vielleicht eine vielschichtige, aber gleichzeitig saukomische Universitäts-Serie? Die junge Akademikerin und Drehbuchautorin Annie Julia Wyman, die gemeinsam mit der Schauspielerin und Autorin Amanda Peet The Chair (Die Professorin) verantwortet, hat an jener prestigeträchtigen Ivy-League-Lehranstalt über „Komische Literatur von Charles Dickens bis Ben Lerner“ dissertiert, nebenbei übersetzt sie italienische Philosophen und ist Expertin für „transhistorische Theorien der komischen Kunst“.

Ihr exquisites Wissen und ihre Liebe zum Witz stecken tief drin in Die Professorin. Der Muff von 1.000 Jahren, die verkrusteten akademischen Strukturen, die Tonnen von Brillanz und die Schwierigkeiten, sie weiterzugeben, weil diese Art der Lehre kaum noch gefragt ist – all diese Themenfelder konzentrieren sich im Büro von Professorin Ji-Yoon Kim (Sandra Oh), stolze neu ernannte Leiterin des Studienzweigs Englisch an der altehrwürdigen (imaginären) Pembroke University. Dass Ji-Yoon die Stelle bekam, gehört zu einer hastigen Diversitäts-Offensive des Dekans Paul Larson (David Morse): Frau! Und asiatische Wurzeln! Na, wenn das nicht gelegen kommt!

Darin erschöpft sich seine neumodische Idee der universitären Transformation aber auch schon. An die Seite der lakonischen und kampflustigen Ji-Yoon, die als alleinerziehende Mutter einer aus Mexiko adoptierten, zuckersüßen Tochter täglich kulturelle Wurzelgespräche führt, haben Peet und Wyman klassische akademische Prototypen gestellt: eine greise Gruppe von sympathischen, aber schwerfälligen Uni-Urgesteinen, die energetische Überfliegerin Yaz McKay (Nana Mensah), die als PoC im blütenweißen Bildungsbürgertum noch immer in marginalisierter Stellung kämpft – und den verwitweten, zerknitterten, in der Studierendenschaft nichtsdestotrotz heiß geliebten Literatur-Kollegen Bill (Jay Duplass). „He’s hot“, stellt Ji-Yoons Freundin fest.

Bill zeigt den Hitlergruß

Ja, ist er. Aber Bill ist auch der Ursprung für den Skandal um Political Correctness, der sich bereits in der ersten Folge Bahn bricht und zum roten Faden der gesamten Staffel wird. Denn in einer philosophischen Vorlesung über Camus und Beckett erläutert der Dozent den Unterschied zwischen „Faschismus“ und „Absurdismus“: Beim Ersteren wird alle Bedeutung dem Staat zugeschrieben. Bei Letzterem ist nichts von Bedeutung. Aus heiterem Himmel, vielleicht um die Absurdität der Geste zu demonstrieren, vielleicht auch aus anderen Gründen, zeigt Bill den Hitlergruß. Und der Shitstorm nimmt – erwartbar – seinen Lauf.

Erschwerend kommen die möglichen Gefühle zwischen Ji-Yoon und Bill hinzu. Und die Probleme Ji-Yoons mit ihrer Tochter. Und ihrem eigenen kulturellen Erbe. Und die Schwierigkeiten der antiquarischen Kolleg:innen. Und der generation gap. Und die Frage danach, wie differenziert man Feminismus, Antirassismus, Antisemitismus betrachten muss, auf all ihren schönen modernen Diskursebenen: Was darf Humor? Was nützen Entschuldigungen, und wie muss man sie formulieren? Was ist Geschmack, was Sexismus? Wann ist es Ageism? Welche Rolle spielt der Kontext?

Niemand kann dabei so authentisch bedröppelt gucken wie Sandra Oh, wenn sie bekifft eine Rede halten soll oder ihre Freundin verraten muss oder der langjährigen feministischen Kollegin erklärt, wieso diese ihr Büro abgeben muss, ein jüngerer männlicher Kollege das seine jedoch behalten darf. Nebenbei seziert Die Professorin detailliert, wie ein Shitstorm entsteht, nach welchen Gesetzmäßigkeiten er tobt und brandet und wie er durch falsche oder falsch verstandene Reaktionen immer wieder angestachelt wird.

Denn Missverständnisse, fehlende Differenzierungen und fehlende Zusammenhänge gehören schließlich zur DNA aktueller Diskurse. Überraschenderweise gelingt es der Professorin jedoch, die Verhältnisse anzuprangern, aus denen die menschenverachtenden Strukturen erwuchsen, gleichzeitig aber nicht alle Beteiligten zu böswilligen Ignorant:innen zu machen: Manche meinen es gut, und machen es schlecht, bei anderen ist es umgekehrt.

Konkret bedeutet das zum Beispiel: Weil der hochmütige Professor Elliot Rentz (Bob Balaban), Experte für die „Briefe von Herman Melville“ (welch herrliches Nischenwissen!), für seine verschnarchten Kurse kaum noch Studierende zu interessieren vermag, aber gleichzeitig nicht bereit ist, die attraktiveren Lehrmethoden der neuen Konkurrentin Yaz anzuerkennen, muss Ji-Yoon ihn als einen der drei Lehrenden in Betracht ziehen, die sie aufgrund finanzieller Einsparungen zu feuern hat. Aber darf man einen ehemals legendären, mit Wissen vollgestopften Professor wirklich feuern? Nimmt man einer Universität damit nicht auch einen Teil des Fundaments?

Dass die Serie in Tempo, Dichte und selbstlos abgelieferten Auf-den-Punkt-Pointen trotz rein universitärem Setting nie das Gefühl erzeugt, das man aus anstrengenden, weil lahmen Vorlesungen kennt, liegt dabei am Hintergrund der Macherinnen: Autorin Wyman wird sich im Lauf ihrer Karriere selbst durch etliche Kurse gegähnt haben. Und gleich neben der Müdigkeit wohnt bekanntlich die Absurdität.

Info

Die Professorin Amanda Peet, Annie Julia Wyman USA 2021, 6 Folgen, Netflix

Liebe Leserin, lieber Leser,

dieser Artikel ist für Sie kostenlos.
Unabhängiger und kritischer Journalismus braucht aber auch in diesen Zeiten Unterstützung. Wir freuen uns daher, wenn Sie den Freitag hier abonnieren oder 3 Ausgaben gratis testen. Dafür bedanken wir uns schon jetzt bei Ihnen!

Ihre Freitag-Redaktion

Kommentare