Jörn Kabisch
12.01.2012 | 07:00 9

Bild uns deine Meinung

Medien Komisch, das Boulevard-Blatt ist auf einmal Speerspitze der kritischen Öffentlichkeit. Die große Community-Debatte auf freitag.de

Liebe Leserinnen und Leser,

im Sprachgebrauch der Redaktion heißt es „wachsender Artikel“, wenn ein Beitrag auf freitag.de innerhalb kürzester Zeit dutzende Kommentare, Verweise und Folgebeiträge provoziert. Es entsteht ein Konvolut, wie es nur das Internet produzieren kann: ein Text mit einer Vielzahl von Autoren, eine vielstimmige Erzählung, die die Komplexität eines Geschehnisses abbildet und doch einen roten Faden hat. Es ist – wieder ein digitaler Begriff – eine Schöpfung der Crowd.

Genau so ein wachsender Artikel entstand, nachdem Jakob Augstein am vorigen Montag auf freitag.de unter dem Titel „Der Wulff und die bösen Medien“ ein Blog-Beitrag veröffentlicht hatte. Es entstand eine lange Diskussion um die Rolle der Bild-Zeitung und anderer Medien in der Affäre um Bundespräsident Wulff. Sie hält bis heute an und ist inzwischen auf über 330 Beiträge angestiegen. Wir haben uns für die aktuelle Ausgabe der Zeitung entschieden, sie zu dokumentieren, mit den aus unserer Sicht klügsten, unterhaltsamsten und provokativsten Bei­trägen unserer Nutzer. Denn Meinung braucht Vielstimmigkeit.

Den vollständigen Artikel finden Sie hier.

Kommentare (9)

zebraistik 12.01.2012 | 09:22

Tacheles von Wallraff in der heutigen Berliner Zeitung:

Wallraff im Interview
Lebenslänglich für Wulff
Von Matthias Thieme

Günter Wallraff fordert eine gerechte Strafe für den Bundespräsidenten. Für uns analysiert der Journalist die Rolle der Bild-Redaktion in der Affäre - immerhin war er dort selbst schon als verdeckter Ermittler unterwegs.

Der Journalist und Schriftsteller Günter Wallraff („Der Aufmacher. Der Mann, der bei ,Bild‘ Hans Esser war“) ist ein vielbeschäftigter Mann. Die Rolle der Bild-Zeitung in der Affäre Wulff beobachtet der prominenteste Kritiker des Boulevard-Blatts trotzdem sehr genau.

Herr Wallraff, die Bild-Zeitung inszeniert sich als Aufdeckerin von Missständen und Hüterin der Pressefreiheit – ist die Boulevard-Zeitung jetzt endgültig seriös geworden?

Es ist nicht besonders seriös, wenn Bild-Chefredakteur Kai Diekmann über viele Jahre vertrauliche Gespräche mit einem Politiker pflegt und diesen dann plötzlich vorführt und öffentlich bloßstellt. Man hat den Eindruck, Bild will ihn vernichten. Das ist keine Demontage. Das ist Vernichtungswille. Es hat doch einen merkwürdigen Charakter. Wir dürfen nicht vergessen, dass Wulff von Bild in einer ganz besonderen Weise aufgebaut, hofiert, gehätschelt wurde. Es bestand ja fast ein intimes Verhältnis zum Springer-Konzern. Das war ja fast eine Liebesbeziehung. Jemand, der sich bei Springer dermaßen familiär eingebunden fühlte, poltert dann eben los, wenn etwas schiefläuft und er sich verstoßen fühlt. Wulff vertraute auf seine innige familiäre Beziehung zu Bild.

Haben Sie Verständnis für Wulffs Droh-Anruf auf der Mailbox des Bild-Chefredakteurs?

Wulffs Abhängigkeit von Bild ist schon bedenklich, diese Preisgabe bis hin zur Selbstaufgabe. Aber bei einem vertraulichen Gespräch, da sollte man sich eigentlich darauf verlassen, dass es vertraulich bleibt. Und wenn sich jemand entschuldigt und diese Entschuldigung auch angenommen wird, dann müsste so etwas eigentlich ausgeräumt sein. Was man auf eine Mailbox spricht, sollte auf jeden Fall vertraulich bleiben. Auch wenn einem da mal der Kragen platzt. Den Inhalt dieses Gesprächs dann auch noch scheibchenweise und zeitversetzt und über andere Medien gestreut rauszuhauen, finde ich unanständig. Menschlich habe ich Mitgefühl mit Wulff – jemand der sich der Bild-Zeitung so zugehörig fühlt, der so embedded war, der muss sich fühlen, als ob er auf dem elektrischen Stuhl gebraten wird.

Der Bundespräsident als Opfer?

Nein, ein Opfer ist er sicher nicht. Er war selbst verbissener Verfolger, zum Beispiel bei Johannes Rau, den er damals zum Rücktritt drängen wollte. Wulff sprach damals davon, er leide sogar physisch unter diesem Bundespräsidenten. Jetzt hat Wulff sich selbst durch sein Verhalten für das Amt disqualifiziert. Aber er klammert sich daran wie ein Ertrinkender an einen Strohhalm.

Warum zeigt Bild nach allen Lobliedern jetzt Härte?

Da kann man nur spekulieren. Über Jahre war Bild Wulffs Hofberichterstatter. Bis er sagte, der Islam gehöre zu Deutschland. Da setzte zum ersten Mal eine kritische Berichterstattung ein.

Wäre es aus Ihrer Sicht dennoch richtig, wenn Wulff zurücktreten würde?

Ein Nachfolger vom Format eines Heinemann oder von Weizsäcker ist nicht in Aussicht. Dass Gauck nochmal antritt, ist zu bezweifeln. So wie Wulff gebaut ist, sitzt er das aus. Wenn er die Stromstöße dieser medial inszenierten Hinrichtung politisch überlebt, sollte er das Amt zur Bewährung behalten – aber dann bitte auch lebenslänglich. Damit wäre auch der Steuerzahler entlastet. Man muss das mal durchrechnen. Was zahlen wir den früheren Bundespräsidenten alles? Lebenslänglich Bezüge, Dienstwagen, Fahrer, Büro, Sekretärin. Die Lebenserwartung steigt ja nun auch ständig. Deshalb plädiere ich für lebenslängliche Amtsbekleidung. Man müsste ein neues Gesetz schaffen, dass dieser Mann dieses von ihm über alles geliebte und so ramponierte Amt lebenslänglich ausübt – auch über das 67. Lebensjahr hinaus. Das ist die härtere Strafe für die Verfehlungen, die Wulff sich geleistet hat. Er wird sich solche Verfehlungen nicht mehr leisten. Das wissen wir von kommenden Präsidenten nicht.

Das Interview führte Matthias Thieme.

zebraistik 12.01.2012 | 10:21

Ergänzungen:

Küppersbusch hat uns die Wortschöpfung 'Bashtainment' im Zusammenhang mit dem Umgang ALLER Medien mit W. geschenkt. Dieses SPIEL wurde von BILD bis FAZ betrieben.

Immer noch fehlen die im Wortlaut investigativ recherchierten SMS-Kontakte zwischen A. Merkel und F. Springer.

Ebenso Recherchen über Diekmann, der in der taz als 'Genosse'
embedded wurde, ohne dass dies je rückgängig gemacht wurde. Ebenso, dass er auf der Fassade ihres Verlagsgebäudes spätpubertär zur 'Kunst am Bau' erhoben worden ist und warum.

Seriöse Beiträge über die Aufgabe der sog. vierten GEWALT
gibt es zuhauf. WIE Diekmann und das Springerimperium
allerdings den GEWALTbegriff in diesem Fall missbrauchten,
bei aller BLÖDigkeit dieser BuPrä-Marionette, wäre - da ebenfalls justiziabel - Schritt für Schritt zu dokumentieren
unter drei Aspekten. Wie bauen Diekmann und seine Pudel einen Skandal auf? Welche Schreiberlinge der 'Hauptstadt'
haben ihre 'Ausbildung' an der Journalistenschule von A.
Springer 'genossen' und arbeiten in diesem Sinn, WIE/wie geschmiert? Welche Kapitalgeber haben - über Jahrzehnte -
mit welchen Interessen und Vorteilsannahmen dazu beigetragen, dass es diesen Medienkonzern gibt, gegen den
DuMont u.a. Zwerge zu sein scheinen?

Also: Rechercheaufträge an die INVESTIGATIVEN Blogger, Crowds und sonstwie Zwitschernde!

ch.paffen 12.01.2012 | 13:20

Meine Meinung gehört mir !

Wenn ein Boulevard-Blatt handwerklich sauber arbeitet, dann kann dies aus unterschiedlichsten Gründen so sein. Zu den wahren Beweggründe warum, wieso, weshalb kann die Öffentlichkeit Vermutungen haben, letztendlich kennt die Beweggründe nur der Handelnde. Wenn nun die Bild Zeitung damit bezweckt (Erwartung als Grundlage des Handelns) die Speerspitze der kritischen Öffentlichkeit zu werden, dann ist es komisch, wenn handwerklich sauber arbeiten dazu schon ausreicht. Also wird das wohl nix mit Occupy kritische Öffentlichkeit durch die Bildzeitung, guter Start für 2012 !!!!!

Feinen Resttag noch

Christiane

WiKa 12.01.2012 | 18:19

In jeder Hinsicht bedauerlich, denn eine Person die das höchste Amt im Staate repräsentieren soll, macht sich und wird nachhaltig zum Kasper gemacht, sicherlich zurecht, nur wenn man den Bogen derart überspannt wie es jetzt mit den Hetzerein der Medien durchaus augenfällig ist, dann hat sich die Journalie damit selbst einen Bärendienst erwiesen. Sie demontiert die Pressefreiheit indem sie selbige für Hetze und Kampagne missbraucht. Sehr grenzwertig.

Noch einen kleinen Blick auf die Verlierer, die Demokratie nimmt weiter Schaden, der Klüngel endet noch immer nicht, außer Schlammschlachten und Sensationsgeilheit nichts gewesen, dan kann man dann nur noch sagen:

„Deutschland rennt sich einen Wulff“ … bei so dreckiger Unterwäsche

qpress.de/2012/01/04/deutschland-rennt-sich-einen-wulff-winternachtsalbtraum/

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Ehemaliger Nutzer 12.01.2012 | 19:48

Was für ein Titelbild! Da will ich vor ein paar Minuten mal eben ins Büdchen um die Ecke springen und was sehe ich? Huch... die BILD berichtet über den "der Freitag". Ich schnapp´mir also das letzte! Blatt, steh´vorm Tresen, guck noch mal genau hin und realisiere nach und nach ... ach das ist ja gar nicht die BILD sondern "der Freitag." und das Magazin habe ich ohnehin im Abo. :-) Tolle Zwei Seiten auschließlich mit Kommentaren der User.

luggi 12.01.2012 | 23:42

Komisch, das sind die wirklichen Probleme. Wulff hat, Wulff soll ...
Der Bundespräsident, egal wie er heißt, hat eine Hauptfunktion. Als nichtabwählbare Figur muss er Fortschritt per Unterschriftsverweigerung verhindern. Aber das funzt bei einer Revolution sowieso nicht ... gibt's ausreichend Beispiele, bin ich sicha.