Die Shareholder Sind Das Volk

KOMMENTAR Relaunch der FDP in Düsseldorf

Die Punkte sind weg. Dieser Satz ist merkwürdigerweise schon eine Nachricht. In der Langfassung: Die F.D.P. hat sich nach 32 Jahren von eben diesem Logo mit den drei Punkten - in der Satzung "werbliche Stopper" genannt - getrennt. Stattdessen heißt es in Zukunft "fdp.de". Warum das eine Nachricht ist? Weil die FDP in den vergangenen Wochen auf politische Witze abonniert war, die auf dem vergangenen Parteitag endgültig Bärte bekommen haben: Projekt 18, FDP-Kanzlerkandidat, Haha! Schade, dass es an den wenigsten deutschen Unis Debattierclubs gibt. Sonst hätten solche Themen im Rhetorikzirkel der jungliberalen Hochschulgruppen ihren einzigen Platz.

Die Metapher "Bad Godesberg" könnte bald vergessen sein, spätestens, wenn wir das Düsseldorf der PDS erleben. Während die sich nämlich noch über Programmrevisionen streitet, versucht sich die FDP einfach an einem luftigen Relaunch: Neuer Chef, neues Logo, neue Slogans.

Sprüche hat Westerwelle ja sonst schon im Halbjahrestakt erfunden: "Bürgerliche Protestpartei", "Partei der Radikalen Mitte", jetzt also "Volkspartei".

Doch was meinen er und seine neue Generalsekretärin Cornelia Pieper damit? Volksparteien sind, das wissen wir noch aus der Staatsbürgerkunde, ziemlich mitgliederstarke und dadurch in der Gesellschaft verankerte Parteien, also eigentlich nur noch die CSU in Bayern. Aber die Liberalen haben eine neue Definition: "Wir wollen eine Partei für das ganze Volk sein", sagt der neue Parteivorsitzende Westerwelle. Na, das sollte doch selbstverständlich sein. Außer vielleicht, wenn man bisher überzeugt Klientelpartei der Besserverdienenden war. Vor allen Dingen aber: Volkspartei klingt gut.

Ohnehin ist einem dieser Parteitag des öfteren vorgekommen wie ein Jahresmeeting für Staubsaugervertreter: Wenn einem der neue Vorstandsvorsitzende auf die Schultern klopft, man sich am Büffet den Bauch voll schlagen kann und nebenbei den Hochglanz-Prospekt der neuen Produktpalette überreicht bekommt. Dabei ist das Projekt 18 nur ein großes Zielvereinbarungsgespräch. Es kommt gar nicht darauf an, dass der Gewinn auf Bundesebene dafür um mehr als 300 Prozent gesteigert werden muss, sondern vor allen Dingen auf die Wirkung in der Wählerschaft. Deutsche denken inzwischen bekanntlich alle als Shareholder, da wird einfach auch die Politik wie New Economy betrieben: Die Liberalen trauen sich was, da muss was dahinterstecken, da steig ich mit ein. Dass eine jede Stimme Risikokapital ist, hat dieser Parteitag aber auch vermittelt.

Wohin die Reise gehen könnte, zeigt nur das neue Logo "fdp.de". Das hat eigentümliche Ähnlichkeiten zu dem Satz, mit dem Westerwelle während der Nationalstolz-Debatte engelsfromm hausieren ging: "I´m proud to be a german." Aber mit der Sprache von morgen Werte von gestern aufzumöbeln, ist kreuzgefährlich.

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Geschrieben von

Jörn Kabisch

Stellvertretender Chefredakteur des Freitag von 2008 - 2012 und Kolumnist bis 2022, seitdem Wirt im Gasthaus zum Schwan in Castell

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