Die Zeit der Unbeschwertheit ist vorbei

Occupy Jetzt bricht die Phase an, in der die Occupy-Bewegung zur politischen Kraft werden muss. Die Erwartungen sind enorm

In Schönheit sterben wird die Occupy-Bewegung nicht mehr. Aber die Zeit der großen Unbeschwertheit, sie ist in dieser Woche zu Ende gegangen – in Deutschland und auch in den USA, auf jeweils eigene Weise. In mehreren amerikanischen Städten räumte die Polizei Zeltstädte der Aktivisten, darunter auch das bekannteste Camp im Zucotti-Park in New York, den Nabel der Occupy-Welt. Als Vorwand diente die sanitäre Lage und steigende Kriminalität auf den besetzten Plätzen. Doch der landesweite Großeinsatz setzt ein deutliches Zeichen: Occupy tut dem Polit-Establishment längst weh.

Und in Deutschland? In Frankfurt und Berlin waren am Wochenende fast 20.000 Menschen auf der Straße. Das ist gewaltig, gemessen an den rund drei Tausend, die vor einem Monat in der ganzen Republik am Occupy-Protesttag teilgenommen hatten. Die Zahl ist auch zustandegekommen, weil Gewerkschaften und Organisationen wie Attac und Campact mit zu dem Protest aufgerufen haben. Im Aktivistendeutsch könnte man sagen: Der Schulterschluss mit anderen zivilgesellschaftlichen Kräften hat stattgefunden.

Die nächste Phase

Es könnte schon die Zäsur gewesen sein. Wenn nicht, wird es in den nächsten Wochen deutlich werden: Der Sommer dieser Bewegung geht zu Ende. Die Zeit, von der man als Occupier einmal sagen wird: Weißt Du noch? Die Zeit der ersten Nacht im Zelt. Die Zeit des offenen Mikrofons, in der jeder seine Stimme erheben konnte, die Zeit neuer Freundschaften, kurz: die romantische Phase dieser Bewegung.

Mit Occupy ist es deshalb aber längst nicht vorbei. Im Gegenteil, nun bricht die vielleicht wichtigste Zeit an, die Phase, in der sich Occupy einen festen Platz in der Öffentlichkeit erobern muss. In den nächsten Monaten entscheidet sich, ob aus der Bewegung auch dauerhafte politische Kraft erwachsen kann. In den USA, wo sie nicht nur gegen die Macht der Banken protestiert, sondern sich immer vielstimmiger entwickelt – hier gegen den Klimawandel, dort für bessere Bildung und anderswo gegen Gentri­fizierung – erwarten viele, dass Occupy einen Platz am linken Ende des Parteienspektrums besetzen wird, gewisser­maßen als Kontrapart zur ultrakonservativen Tea Party.

Die Gesetze des Betriebs

In Deutschland und Europa sind die Erwartungen ähnlich hoch. Occupy soll der Nukleus einer übergreifenden kapitalismuskritischen Bewegung werden. Ein junges, frisches Herz neben vielen Köpfen, von denen selbst der jüngste, nämlich Attac, schon akademisch graue Schläfen trägt. Die Gesetze des Betriebs verlangen, dass sich Inhalte, Strategien und Figuren herausmendeln, wo bisher jeder seine eigene Stimme vertritt. Nicht zuletzt gilt in der Mediengesellschaft: Wo keine Inhalte und Figuren da sind, werden sie eben gemacht.

Aber vielleicht kommt es auch ganz anders. Weil diese Erwartungen schlicht falsch sind. Und sie der Natur der Bewegung widersprechen. Denn dass Occupy nach Wegen abseits der alten parlamentarischen und außerparlamentarischen Pfade sucht, macht nicht nur den Charme der Bewegung aus, sondern ihren Kern. Affektiv, dezentral und situativ sind diese Besetzungen. Sie ziehen an, mehr als dass sie ausstrahlen. Wenn es denn stimmt, dass nicht nur Künstler und Intellektuelle den Weg in den New Yorker Zucotti Park nehmen, sondern auch Banker die Zelte an der Frankfurter Oper besuchen.

Und wenn am Ende kein Platz der Welt mehr davor sicher ist, dass am nächsten Tag dort eine Zeltstadt steht. Wäre das nicht auch schon, was?

17:20 17.11.2011
Geschrieben von

Jörn Kabisch

Food-Journalist, Blattmacher, Stellvertretender Chefredakteur des Freitag von 2008 - 2012
Jörn Kabisch

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