Rituale gehören zum Essen

Der Koch Wer bei einem Riegel Schokolade erst die Packung zerbricht, dann eine Hälfte isst und anschließend die andere, der geniesst mehr. Andere schwören aufs Tischgebet
Jörn Kabisch | Ausgabe 50/2013 4
Rituale gehören zum Essen
Illustration: Otto

Empört habe ich kürzlich von jemand berichtet bekommen, dass seiner Ansicht nach immer mehr Lebkuchen die Oblaten fehlen. „Das ist doch ein Thema für dich!“ Doch ich wusste nicht, warum. Dann stellte sich dieser Mensch als jemand heraus, der Lebkuchen quasi von oben isst: erst die Nussmasse, dann die Oblate.

Lachen Sie nicht. Wir haben alle solche bizarren Essgewohnheiten, und mir sind noch weit absonderlichere begegnet. Ich habe Menschen erlebt, die unbedingt das kleine Wangenstück aus dem Fischkopf entfernen müssen, bevor sie eine gebratene Forelle filetieren. Menschen, die nichts mehr lieben als Wurstbrote in Milchkaffee zu tunken, wenn einer auf dem Tisch steht. Oder welche, die jeden einzelnen Zinken eines Butterkeks abknabbern müssen, bevor sie sich an das restliche Gebäckstück machen. Ach, Sie gehören nicht zu diesen Menschen! Wie essen Sie Ihr Ei? Geköpft oder gepellt?

Rituale gehören zum Essen wie das Salz in die Suppe, und warum, haben Psychologen in den USA herausgefunden. In vier Experimenten zeigten die Forscher, dass feste, symbolische Handlungen vor dem Essen uns Nahrungsmittel köstlicher erscheinen lassen. Das gelang sogar, wenn die Probanden die Rituale zum ersten Mal ausführen mussten.

Die Zeit auf der Zunge

Bei einem Test mit 50 Studenten musste eine Gruppe einen Riegel Schokolade erst in der Packung zerbrechen, durfte dann die eine Hälfte hinausnehmen und essen, anschließend die andere Hälfte auswickeln. Die andere Gruppe bekam keine Anweisungen. In den Befragungen stellte sich heraus, dass die erste Gruppe die Schokolade stärker genossen hatte als die andere. Die Forscher maßen dafür sogar die Zeit, die die Schokolade auf den Zungen verbracht hatte.

Wenn ich so über Rituale vor dem Essen nachdenke – das eigenhändige Kochen gehört dazu wahrscheinlich zuallererst –, dann bekomme ich eine andere Perspektive auf das Tischgebet. Es ist ein Brauch, der mir gänzlich fremd ist, doch in letzter Zeit ist er mir öfter begegnet – vor allem, wenn Kinder am Tisch saßen. Ich bin als Kind nur ständig zum Händewaschen geschickt worden. Alle Rituale sind aber gleichviel wert. Denn auch sinnlose Handlungen helfen dem Geschmack: wie zum Beispiel zweimal auf den Tisch klopfen zu müssen, bevor man eine Karotte isst.

Was manchmal seltsam neurotisch wirkt, ist eher ein Bruch mit dem Tempo des Alltags, schafft Konzentration, Aufmerksamkeit, und daher kommt dann auch der größere Genuss. Man würzt das Essen mit etwas Muße. „Na, wenn alle still sind, dann scheint es ja zu schmecken.“ Diesen Satz aus dem Mund eines Gastgebers hat jeder von uns schon oft gehört. Ich habe damit bis heute das typische Sender-Empfänger-Problem. Heißt der Satz, da will jemand Komplimente? Oder ist ihm die Wortlosigkeit am Tisch unangenehm? Ich finde, Stille ist oft Voraussetzung, damit man etwas schmeckt.

Mit Silberfolie

Inzwischen habe ich die Vermutung, dass die Industrie das Wissen über die Wirkung kulinarischer Mikro-Rituale längst einsetzt. Könnte es an dem eigentümlichen Knirschen des Schraubverschlusses liegen, warum manche Menschen auf Nutella und nichts als Nutella schwören? Oder an der Silberfolie, die ohne Nippel fest auf jedem neuen Glas sitzt, das man anbricht. Jeder Nutella-Esser hat seine eigenen typischen Verfahren, dieses Hindernis zu bewältigen.

Es ist beängstigend. Als ich vor ein paar Tagen auf dem Weihnachtsmarkt war und dort Maroni kaufte, bekam ich eine Tüte, die nicht eingeschlagen war, was ich überhaupt nicht gewohnt bin. „Die werden doch viel schneller kalt“, dachte ich empört. Achten Sie mal auf Ihre Rituale!

 

06:00 14.12.2013
Geschrieben von

Jörn Kabisch

Food-Journalist, Blattmacher, Stellvertretender Chefredakteur des Freitag von 2008 - 2012
Jörn Kabisch

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