Dresdens Befreiung von den Patrioten

Kunst Der syrische Künstler Manaf Halbouni schreibt die Geschichte um - als Fiktion
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„Alles in allem war dies eine sinnlose Schlacht gewesen. Die meisten der blutjungen Verteidiger waren mit alten Musketen oder noch mit Säbeln bewaffnet. Nur einige wenige moderne chinesische Waffen hatte man noch aus der Stadt heranbringen können. Die Jungs waren chancenlos gegen unsere Truppen; sie starben, obwohl sie doch wissen mussten, dass wir ihnen lediglich etwas Zivilisation bringen wollten. Ein Wahnsinn.“

Der Wahnsinn nennt sich Einnahme von Bannewitz, einem Dorf südwestlich von Dresden. Die Beschreibung stammt aus den Erinnerungen des Generals Yusef Hadid. Das Problem dabei ist, dass es diesen General ebenso wenig gegeben hat wie das dargestellte Scharmützel.

Der aus Syrien stammende Künstler Manaf Halbouni schreibt die Geschichte um. Die angeblichen Erinnerungen handeln im Jahr 1919. Die arabische Armee erobert mit Unterstützung der türkischen Vasallen ganz Mitteleuropa. Natürlich vor allem um etwas Zivilisation zu bringen, ist doch der Mittelmeerraum wirtschaftlich und technisch viel weiter entwickelt als das alte Abendland. Lediglich China, das die europäischen Rebellen unterstützt, ist ein ernsthafter Konkurrent.

Halbounis Retro-Vision ist in der Ausstellung der diesjährigen Preisträger des Marion Ermer Preises im Museum der bildenden Künste Leipzig zu sehen. Neben dem dünnen Heftchen mit den Erinnerungen des Generals gehören Landkarten dazu. Es sind keine historischen Drucke, sondern beispielsweise Straßenkarten der DDR oder Volksrepublik Polen, in welche der Künstler Schlachtpläne und die Neuaufteilung der Interessensphären eingezeichnet hat. Die neue Grenzziehung mit dem Lineal kennt man von der heutigen Geografie des Nahen Ostens und Nordafrikas. Halbouni kehrt also den Spieß um: Was wäre wenn? Bis in Details gehen die Analogien zum tatsächlichen Geschichtsverlauf im frühen 20. Jahrhundert. So leisten vor allem Freischärler Widerstand gegen die Eroberung, der sächsische König hingegen kollaboriert mit den neuen Herren und verrät ihnen sogar die Stellungen der Aufständischen.

General Hadid ist in der Ausstellung auf zwei Bildschirmen präsent. In seiner schicken Paradeuniform, die auch im Original zu sehen ist, deklamiert er immer wieder „Yes, we can!“ und „I have a dream.“

Manaf Halbouni wurde als Kind einer Deutschen und eines Syrers 1984 in Damaskus geboren. In seiner Heimatstadt begann er mit dem Studium einer ganz klassisch ausgerichteten Art der Bildhauerei. Um dem Militärdienst zu entgehen, emigrierte er und studierte an der Dresdener Akademie weiter. 2011 zerstörte er in einer symbolischen Aktion seine bisherigen plastischen Werke, um fortan vor allem konzeptuell zu arbeiten. Zu dieser Zeit war Pegida noch nicht in Sicht. Als die fremdenfeindlichen Demonstrationen in Dresden dann mehr als 20.000 Teilnehmer anzogen, ging Halbouni zur direkten Aktionskunst über. Auf dem Theaterplatz, dem Ausgangspunkt der sogenannten Spaziergänge, parkte er sein „Fluchtauto“, bepackt mit Gartenzwergen und Radeberger Pilsner, forderte Passanten zu Selfies auf.

Politisch sind auch andere Arbeiten, so dekorativ sie zunächst erscheinen mögen. In der jetzigen Leipziger Ausstellung versperrt fast eine Mauer den Zugang, von der ein Gruß in arabischer Schrift in Neonschrift leuchtet – ein ironischer Kommentar zu den Ambivalenzen der Willkommenskultur. Aus Stahlbeton wurden weitere arabische Worte gefräst, Armierungseisen ragen in die Luft.

Mit der Serie um die Geschichte General Hadids geht Halbouni weiter, verlässt das Plakative, die Mehrdeutigkeit wird zum Prinzip. Ausgerechnet auf eine Karte, welche die Aktionen der Roten Bergsteiger gegen die Nazis dokumentiert, zeichnet er seinen Plan mit Truppenbewegungen und Gefechten zur „Befreiung Dresdens“ von den patriotisch-deutschen Rebellen.

Realistisch ist diese Fiktion nicht. Der technologische und ökonomische Vorsprung des Westens im frühen 20. Jahrhundert hätte nicht von Arabien und der Türkei überholt werden können. Doch Kunst darf unrealistisch sein, um noch deutlicher zu werden. Gerade diese Landkarten und diese Erinnerungen des Generals stoßen den mitteleuropäischen Betrachter unweigerlich mit der Stirn auf den Tisch. Wie würden wir leben und uns fühlen in einer Welt, die vor nicht so langer Zeit im Namen von „etwas Zivilisation“ fremdbestimmt wurde und noch heute darunter zu leiden hat? Die andere Seite dieses Werkkomplexes ist aber, jegliche Kriegsromantik und jeden Heldenkult ad absurdum zu führen. Es gibt keine guten Kriege, mit welcher Begründung auch immer.

18:33 18.12.2016
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Geschrieben von

jens kassner

Subjektives zu Politik, Kultur und anderen schönen Dingen
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