Geselle

Linksbündig Der Erfolg von Harry Potter ist kein Grund für Kulturpessimismus

Vorab ein Bekenntnis: Der Autor dieses Kommentars, der allein deshalb nicht sehr kulturkritisch ausfallen wird, ist Harry-Potter-Leser. Seit er vor mittlerweile sechs Jahren während eines Cornwall-Urlaubs die ersten drei Bände verschlungen hat, verfolgt er mit großem Vergnügen die Geschicke des heranwachsenden Zauberlehrlings und seiner Freunde. Zum einen war es wohl die verführerische Mischung aus Internatsroman und Fantasy, die Leseerinnerungen an alte Schneider-Bücher und den Herrn der Ringe wach werden ließen. Zum anderen bezauberte J. K Rowling durch Witz und Ironie, Eigenschaften, die sowohl der Konfektionsware des Münchener Kinderbuchverlags als auch Meister Tolkien abgingen.

Dass der individuelle Ferienlesespaß sich in der Rückschau als Teil eines weltumspannenden Bucherfolges interpretieren lassen würde, war damals noch nicht abzusehen. Zwar wurde in Großbritannien das Erscheinen von Harry Potter and the Prisoner of Azkaban mit einem bislang unbekannten Marketingrummel begrüßt, doch sprach vieles dafür, dass es sich um ein nationales Phänomen handelte. Schließlich waren die Romane J. K Rowlings sehr, sehr britisch, vom liebevoll ausgemalten Internatsleben bis zur bösartigen Karikatur der Mittelschichtfamilie Dursley, bei der Harry unter herzzerreißenden Umständen aufwächst. Andererseits hatten sich auch die Kinderbücher einer Enid Blyton, obwohl so englisch wie Pommes mit Malzessig, glänzend im Ausland verkauft. Harry Potter allerdings sollte Hanni, Nanni und die fünf Freunde in dieser Hinsicht bei weitem übertreffen.

Als besonders anfällig für die Hogwarts-Geschichten erwiesen sich die Deutschen. Selbst die englischen Originalausgaben wurden hierzulande zu Bestsellern, was für die fremdsprachliche Kompetenz dieses beständig mit seiner angeblich unzulänglichen Bildung hadernden Volkes spricht. Das lesende Kind wurde wiederentdeckt und ernst genommen. Erwachsene steckten, ohne rot zu werden, ihre Nasen in die Bücher mit den grünen Einbänden. Und wo sonst gibt es eine Harry-Potter-Philologie, die der des Essayisten Michael Maar (Warum Nabokhov Harry Potter gemocht hätte) das kritische Wasser reichen könnte?

Sicherlich, Philip Pullman (His dark materials) ist philosophisch anspruchsvoller, Lemony Snickets Reihe betrüblicher Ereignisse witziger und Artemis Fowl zeitgemäßer. Auch lässt sich fragen, ob der mit fast jedem neuen Band anschwellende Umfang ästhetisch zu rechtfertigen ist. Von den unerfreulichen Begleiterscheinungen des globalen Erfolges, vertraglich festgelegte Geheimhaltungsklauseln für Buchhändler und Rezensentenschikane inklusive, ganz zu schweigen.

Aber spricht das gegen Harry Potter? Leidet die Qualität eines Buches unter einer hohen Auflage? Ist die Lektüre eines mitreißenden, dabei aber nicht anspruchslosen, Romans allein deshalb zu verachten, weil ihr unzählige Menschen frönen?

Literarischer Snobismus ist im Falle J. K. Rowlings nicht angebracht. Allein die Tatsache, dass sie es im fünften Band der Serie, der interessanterweise als ihr bisher schwächstes Buch gilt, fertig bringt, Harry über Hunderte von Seiten leiden zu lassen, nicht ohne ihn gleichzeitig als einen von Pubertätswirren geschüttelten, ziemlich unleidlichen Gesellen zu porträtieren, zeigt das Potential dieser Schriftstellerin. Selbst wenn, wie einige Kritiker damals tadelten, bei den grausigsten Passagen des Romans Kafka Pate gestanden haben mag, so ist dies doch wohl kein Zeichen minderer Qualität, zumal bei einem Buch, das unter anderen Umständen im Reservat der Kinderliteratur aus ihrem Blick verschwunden wäre. Und eine formidable Figur wie Professor Severus Snape, der seit Harrys Ankunft in Hogwarts keine Gelegenheit auszulassen scheint, unseren Helden zu piesacken, findet sich auch nicht unbedingt im trivialliterarischen Fundus. Im neuen, sechsten Potter-Abenteuer scheint dieser zwielichtige Bursche endlich seinen wahren finsteren Charakter zu offenbaren, doch darf man als Leser darauf vertrauen, dass J. K. Rowling für den abschließenden siebten Band noch manche Überraschung parat hat.

Es gibt also keinen Grund, angesichts des Potter-Fiebers kulturpessimistisch zu werden. Schließlich lautet die neueste Erkenntnis aus dem Forschungsinstitut des emsigen Psychologen Christian Pfeiffer, dass Kinder, die übermäßig viel fernsehen und am Computer spielen, "dick, dumm und einsam" werden. Von Lesern hat man derartiges noch nicht gehört.


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