Küssen, Streiten, Schreiben

Unbeholfenheit. Buchkritik zu Frédéric Beigbeders "Oona & Salinger"

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Schreiben bedeutet, so zu tun, als pfeife man darauf. Ohne darauf zu pfeifen. Mit der Liebe ist es ähnlich. Doch während die Literatur verzeiht, trägt die Liebe nach. Sie findet sich nicht damit ab zu scheitern. So gesehen ist die Literatur der leichtere Horror: Man wird nicht dazu eingeladen, unterzugehen. Man lädt sich selbst dazu ein.

New York 1940: Jerry Salinger begegnet eines Nachts im berühmten Stork Club der blutjungen Oona O'Neill, Tochter des Dramatikers Eugene O`Neill. Sie erinnert ihn an die Porträts junger Naiver von Jean-Baptiste Greuze: "Das Adjektiv 'clumsy' schien eigens dafür erfunden, ihre fürchterliche Unbeholfenheit zu bezeichnen. Man verspürte das Bedürfnis, die herrenlose Katze zu adoptieren." Kurze Zeit später ist es Charlie Chaplin, der diesem Bedürfnis nachkommt, indem er sie heiratet und zum Vater ihrer acht Kinder wird. Salinger unterdessen meldet sich zur Armee und entdeckt ausgerechnet im Krieg seine romantische Seite. Die Liebesbriefe an Oona bleiben unbeantwortet. Während sie in Hollywood wie eine Diva lebt, wird er den Welterfolg "Der Fänger im Roggen" schreiben. Jener Roman, von dem William Faulkner sagte, er sei das beste Stück Literatur seiner Generation. Salinger aber wird sich für den Rest seines Lebens in die Einsamkeit zurückziehen und die Affäre mit der Frau aus dem Stork Club nie vergessen.

Frédéric Beigbeder bezeichnet seinen Roman "Oona & Salinger" im Vorwort als "faction", was in etwa Truman Capotes Idee der "non-fiction novel" entspricht: "Eine Erzählform, die alle Techniken der Fiktion nutzt, dabei aber so nah wie möglich an den Ereignissen bleibt." Beigbeder kommentiert dieses Verfahren augenzwinkernd: "Wäre diese Geschichte nicht wahr, so wäre ich zutiefst enttäuscht."

Das literarische Experiment der Story: Was bedeutet es, die eigene Existenz konsequent aus der Erfahrung einer gescheiterten Liebe zu entwickeln? Beigbeder verzichtet auf die ätzende Ironie, die für ihn sonst typisch ist und scheut auch vor rührseligen Dialogen nicht zurück. Es ist dieser sanftmütige Realismus, der den Leser für die Geschichte einnimmt. Abgesehen vom amüsanten Reflexionstalent des Autors: "Sich küssen und sich streiten, das ist doch das Geheimnis des Glücks. Love is a touch and yet not a touch. Liebe bedeutet, sich zu suchen, ohne sich zu finden. Wenn dieses Spielchen gut gespielt wird, kann es ein ganzes Leben ausfüllen."

Zweifel sind angebracht, ob dieses Konzept taugt. Bei ihrer letzten Begegnung, vierzig Jahre später, sagt Salinger: "Ich bin seit Mai 1945 tot, aber du warst es von Anfang an, seit dein Vater dich verlassen hat." Dann verabschiedet er sich lächelnd von seiner großen Liebe. Oona aber wischt sich mit dem Handrücken, den Jerry eben noch küsste, die Augen, trinkt einen Schluck und setzt ihre Sonnenbrille auf, bevor sie die Bar verlässt. Im Gegensatz zu Jerry fehlt ihr der kümmerliche Trost der Literatur.

"Dieser Artikel erschien zuletzt am 7.03.2o15 auf KULTURA-EXTRA."

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Geschrieben von

Jo Balle

Journalist und Autor
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