Zorro Reloaded

Finstere Herzen. Buchkritik zu Tony Parsons "Dein finsteres Herz"

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Den Versuch wäre es wert. Man könnte natürlich keinen mathematischen Beweis antreten. Zudem steht zu vermuten, dass es nicht sehr amüsant wäre. Gewisse Zusammenhänge indessen würden zweifellos sichtbar. Die Rede ist vom Psychogramm des Krimilesers. Besteht da eine latente Disposition zur Kriminalität? Zu Grausamkeit und Brutalität? Barer Unsinn, würden die Verteidiger des Genres protestieren. Schließlich geht es nicht um Mord und Totschlag, sondern um den spannenden Prozess der Aufklärung. Immerhin kann man einem Violinkonzert fasziniert lauschen, ohne selbst Violine spielen zu wollen. Und weshalb sollte ein Sportfan aufgrund seiner Begeisterung eine verhinderte Sportskanone sein? Die These lautet doch: Nicht alles, wofür wie uns interessieren, muss unser Herz berühren - schon gar nicht unser "finsteres". Interesse allein ist kein Zeichen latenter Motivation.

Doch man muss nicht soweit gehen. Bestenfalls erstaunt die Flut der gewaltverherrlichenden Kriminalliteratur und die stetig wachsende Begeisterung der Leserschaft an blutrünstigen und grausamen Plots. Vielleicht aber ist das vielmehr ein gesellschaftliches Symptom denn ein individuelles Anzeichen. Auch diese Sorge kann man natürlich belächeln. Und doch ist sie nicht ohne Substanz. Schließlich beansprucht die These eine gewisse Plausibilität, wonach die Grausamkeiten einer Kultur durchaus ein Licht auf die moralische Situation der Gesellschaft werfen, der sie erwachsen. So kann man aus der Bestialität römischer Arenen allerdings Schlussfolgerungen auf die mentale Lage der spätrömischen Gesellschaft ziehen. Zugegeben, das ist in harten Zahlen kaum messbar. Dennoch, die zunehmende Grausamkeit unserer Bücher und Filme scheint symptomatisch zu sein.

Um es klar zu sagen: Es gibt brutalere Krimis als "Dein finsteres Herz". Doch weshalb benötigen wir eigentlich diese aufstörenden Grausamkeiten und blutrünstigen Gestalten? Die These einer kathartischen Wirkung der Kunst wurde durch die Geschichte längst widerlegt. Das kann es nicht sein. Trüge Kunst kompensatorischen Charakter, stünden die Dinge anders. Es scheint, als seien Boshaftigkeit und Bestialität schlichtweg substanzielle Bestandteile der menschlichen Seele. Oder sagen wir: unseres genetischen Programms. Doch auch die schlichte Widerspiegelungsthese birgt Defizite. Fest steht nur: Ihr "finsteres Herz" begleitet die Spezies treu durch die Jahrhunderte. Mit oder ohne Kunst.

Das Böse gehört zur menschlichen Natur wie die Schote zum Korn. Dabei nistet Bosheit im Verborgenen. Denn es gibt auch dieses andere Programm in uns: Die Scham vor unverhohlener, offen dargestellter Boshaftigkeit. Mag es noch angehen, dass man sich in manchen Kreisen mit Grausamkeit brüstet. Boshaftigkeit indessen wird sozial ungern toleriert. Und damit bewegen wir uns auf der Ebene der Klassenproblematik. Denn der Grad dieser Intoleranz, so wird zuweilen behauptet, trägt schichtspezifischen Charakter. Und genau diesem Vorbehalt begegnet man auch in Tony Parsons Kriminalroman. Wir haben es mit einer klassischen Internatsgeschichte zu tun. Reiches englisches Ambiente. Schnösel der Extraklasse. Unverhohlener Snobismus. Zugegeben, ein wenig stereotyp. Doch schon auf den ersten Seiten wird die enorme Brutalität jener jungen Reichen geschildert. Eine jeunesse dorée aus dem Geiste der moralischen Perversion. Ihre unglaubliche Boshaftigkeit wird die Lebensläufe vieler Menschen verändern.

Die entsprechenden Verstrickungen zu durchschauen, obliegt Kommissar Max Wolfe, seines Zeichens ein launiger Ich-Erzähler im hemdsärmeligen Stil von Philip Marlowe. Zunächst bekommt man allerlei Klischee geboten: Sex, Mord, Alltag, Illusionen, Täuschungen, Rangeleien zwischen Kollegen. Das Übliche. Eine schöne reiche Witwe befingert den bärbeißigen Kommissar. Mit mangelndem Erfolg, denn der ist natürlich ein gebrochener Moralist. Interessant bei diesem Treiben ist die Korrelation der moralischen und der sozialen Achse: Während die einen im Champagner baden, gehen die Anderen finanziell und moralisch vor die Hunde. So begegnet man in diesem Roman fast durchgehend Thesen, die zwar in die Jahre gekommen sind, jedoch hartnäckig Gültigkeit beanspruchen: Die Armen werden immer ärmer, die Reichen immer reicher, wobei ihr Reichtum eine schier unglaubliche Grausamkeit und moralische Dekadenz mit sich bringt. Die Brutalität blüht diesseits der Legalität, während soziale Gerechtigkeit am Ende zur fadenscheinigen Utopie verkommt.

"Dein finsteres Herz" handelt von Klassen und Klassenbewusstsein und führt dem Leser vor Augen, wie hartnäckig sich die menschliche Zivilisationen in allen wesentlichen Belangen im Kreise dreht. So wie der Ermittler Max Wolfe, der vor der Leiche eines stinkreichen Bankers kniet, dessen Kehle mit einem Spezialmesser durchgeschnitten wurde. Der amoralische Snob bezahlt mit seinem Leben für seine einstigen Vergehen im Potter's Field College. Und ebenso wird es seinen gut betuchten Kumpels ergehen. Zorro reloaded, soweit das Auge blickt!

Man könnte mit Blick auf diese Geschichte über die Synchronität paralleler Entwicklungslinien spekulieren: Einerseits das Wiedererstarken der alteuropäischen Klassengesellschaften. Andererseits das demokratisch sensibilisierte Bewusstsein der weniger privilegierten Bevölkerungsteile. Wenn diese Asymmetrien nicht in verheerenden Flächenbränden enden sollen, wäre es an der Zeit, die darin aufkeimende Boshaftigkeit nicht nur auf formaljuristischen Wegen in ihre Schranken zu weisen. Nimmt man die brutalisierte Unterhaltskultur unserer Tage als Symptom, so leuchtet ein, dass die Gesellschaft vor der Aufgabe steht, ökonomische Schieflagen nicht nur als Herausforderung an einen formaljuristischen Gerechtigkeitsbegriff zu verstehen, sondern vor allem als Treibsand eines neuen moralischen Bewusstseins.

"Dieser Artikel erschien zuletzt am 17.02.2115 auf KULTURA-EXTRA."

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Geschrieben von

Jo Balle

Journalist und Autor
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