Opa, was ist ein Deutscher?

Völkerkunde Der italienische Autor Roberto Giardina malt seiner Enkelin ein Bild der Wahlheimat
Johanna Montanari | Ausgabe 28/2017 1

Ein älterer Herr und seine Enkelin laufen durch Berlin. Francesca hat Schulferien und besucht ihren Großvater in der deutschen Hauptstadt. Man schlendert über den Ku’damm, an der ehemaligen Mauer entlang, schaut in einem italienischen Café Fußball, besichtigt die Siegessäule. Francesca stellt Fragen, der Nonno antwortet. Konversationen an Sommertagen eben: leicht, unterhaltsam, voller Details. Die Gespräche hüpfen von einem Thema zum anderen, ohne roten Faden. Zeitschichten überlagern sich.

Der 1940 in Palermo geborene Roberto Giardina ist seit 1986 Deutschlandkorrespondent für verschiedene italienische Tageszeitungen, etwa für Il Giorno und La Nazione, erst in Bonn, dann in Berlin. Er hat Sachbücher und Romane geschrieben. Lebst Du bei den Bösen? heißt das neueste, in dem er Gespräche mit Francesca dokumentiert, seitdem die Enkelin, die in Italien lebt, acht Jahre alt ist. Das erinnert an Tahar Ben Jellouns Papa, was ist ein Fremder?. Kinder und Jugendliche stellen bekanntlich die besten Fragen. Giardina schreibt unverblümt, in einfachen, klaren, kurzen Sätzen. Während Großvater und Enkelin Stolpersteine betrachten und die Gedenkstätte Topografie des Terrors besuchen, verbinden sich in ihren Gesprächen die Orte mit der Geschichte, die sie atmen. Giardina schildert Erlebnisse, nicht Zahlen. Francesca kennt sich gut aus, in Italien wie in Deutschland. Der Großvater erwähnt den deutschen Soldatenfriedhof in Costermano bei Verona. „So wie Bitburg?“, fragt die Jugendliche prompt.

Der 77-Jährige spinnt Zeitdiagnosen in die Dialoge. Er ist ein Konservativer, der manchmal ein bisschen reaktionär klingt: So ist für ihn etwa Obdachlosigkeit in Deutschland, wo es doch Sozialhilfe gibt, oft eine individuelle Entscheidung: „Es gibt Hardliner unter den Stadtstreichern, die nicht auf ihre individuelle Freiheit verzichten wollen und lieber unter einer Brücke schlafen, als sich gesellschaftlichen Regeln zu unterwerfen“, meint er. Er diskutiert auch die Silvesterereignisse in Köln und sieht die männliche Begleitung der Frauen, die Übergriffe erlebt haben, in der Verantwortung: „Die Polizisten haben versagt, aber wo waren die Freunde, Begleiter, Männer der Opfer?“

Unterhaltsames und Banales wechseln sich ab. Dass Eugen Dollmann, SS-Sonderbeauftragter in Italien, der später den Text der Synchronfassung zu Federico Fellinis Das süße Leben anfertigen sollte, leidenschaftlich gern Cremekuchen aß, wird bei Giardina zum Anlass für große Fragen. Ist es etwas anderes, Geschichte zu verstehen, als ein Urteil über ihre Akteure zu fällen? Giardina lässt die Storys für sich sprechen. Er beschreibt überfürsorgliche Eltern, die ihre Kinder zur Schule fahren und sie, kaum sind sie achtzehn, vor die Tür setzen. Erzählt von seiner mongolischen Haushaltshilfe.

Jemand, den du fragen kannst

Auch in Oberflächlichem schlummert einiges: Ukraine-Konflikt, Museumskultur und Erinnerung an die Shoah, Griechenlandkrise, Günter Grass, Merkel, Brandt. Und auch „Latte matschato“: Das Typische sieht man vielleicht besser, wenn man von außen kommt. Francescas Fragen und Giardinas Erinnerungen: Ein Jahrhundert ist plötzlich nur zwei oder drei Generationen lang. Denn es gibt jemanden, den du fragen kannst. In Lebst du bei den Bösen? geht es nicht um nationale Charaktere und Klischees, zentral ist die Verflochtenheit und Vieldeutigkeit von Historischem. „Das hier ist keine Unterrichtsstunde. Im wahren Leben gibt es keine ‚Moral von der Geschichte‘. Die wahren Geschichten sind nie logisch. Wenn dir jemand eine Geschichte erzählt, in der alles perfekt zusammenpasst, dann solltest du misstrauisch werden.“ Die besten Erkenntnisse sind die, bei denen man sich an die eigene Nase fassen muss.

Info

Lebst du bei den Bösen? Deutschland – meiner Enkelin erklärt Roberto Giardina Bettina Müller Renzoni (Übers.), Launenweber Verlag 2017, 256 S., 22 €

06:00 09.08.2017

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