Das Prinzip Pilzesammeln

Parteigründung Die Alternative für Deutschland lockt nicht nur bürgerliche Wähler an. Steckt dahinter eine Strategie?
Ausgabe 16/2013
Das Prinzip Pilzesammeln

Johannes Eisele / AFP / Getty

Die Geschichte drängt zu Vereinfachung. Was auf der Linken vor Jahren noch „Wahlalternative Soziale Gerechtigkeit“ (WASG) hieß, ist heute auf der Rechten zu „Alternative für Deutschland“ geschrumpft: AfD. Man traf sich in Berlin zur Gründung der Partei. Mehr als tausend Leute. Man beschloss ein Programm, aber das ganz schnell, ohne Diskussion, nach dem Prinzip des Pilzesammelns: Was wir haben, haben wir. Sortieren können wir später.

Die AfD, so ist zu lesen – und man hört zugleich die Hoffnungsseufzer dazu – werde die bürgerlichen Parteien das Fürchten lehren. Gewiss: Nie wurde auf der Gründungsveranstaltung in Berlin so laut, ja frenetisch Beifall gebrüllt, wie dann, wenn Schmähendes über Angela Merkel oder Wolfgang Schäuble geäußert wurde. Aber waren das alles frühere CDU-Mitglieder? Gewiss, der durchaus sympathische Alexander Gauland am Vorstandstisch war einst CDU-Staatssekretär in Hessen, aber er dürfte für die AfD nicht ganz das sein, was Oskar Lafontaine für die Linkspartei war (oder bald wieder ist). Apropos Die Linke: Bernd Luckes, des AfD-Vorsitzenden Rede, hätte zu weiten Teilen von Sahra Wagenknecht stammen können. Vielleicht droht da der nächste Plagiatsfall. Lucke berief sich dabei freilich – für einen Wirtschaftsprofessor ungewöhnlich – auf den gesunden Menschenverstand, der sei weder links noch rechts.

Die Parteimitglieder waren wohl mehrheitlich auch weder links noch rechts, allenfalls beides. Dafür waren sie durchweg routiniert, was das Verhalten auf Parteitagen angeht. Wo vor langer Zeit bei den Grünen und zuletzt bei den Piraten bei den ersten Zusammenkünften Chaos herrschte, ungenierte Privatheit der Teilnehmer die Szene bestimmte und Aufbruchsgeist sich am stärksten im Anderssein gegenüber den etablierten Parteien zeigte, boten die überwiegend älteren, überwiegend männlichen Parteigründer der AfD Muster disziplinierter Beifallsbereitschaft, wie man sie nur als Delegierter auf etlichen Parteitagen lernt. Luckes Rede wurde mehrfach durch standing ovations unterbrochen, obwohl ein fremd Hereingeschneiter sich nach zehn Minuten hätte fragen mögen, wann denn eigentlich der Hauptredner kommt. Zwietracht war nicht erwünscht an diesem Tag, aber Verdruss gab es einmal doch. Da musste beim Thema Finanzen erwogen werden, wie ein Bundestagswahlkampf zu führen sei angesichts krass unterschiedlicher Finanzstärken der Landesverbände. Das Wort „Finanzausgleich“ hing in der Luft – und den will die Anti-Euro-Partei gerade nicht. Auch nicht mit der D-Mark.

Jürgen Busche ist Kolumnist des Freitag. Er hat viele Jahre lang vor allem für große Tageszeitungen gearbeitet, darunter Frankfurter Allgemeine Zeitung und Süddeutsche Zeitung. Busche war außerdem Chefredakteur der Wochenpost und der Badischen Zeitung. Er lebt in Berlin.

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