Schluss mit der Schönfärberei

Definitionssache Weshalb wir gern sagen, in jeder Krise stecke auch eine Chance. Und warum das an der Realität meist vorbeigeht
Ausgabe 46/2015

„Das sicherste Mittel“, schreibt Friedrich Schlegel in den Athenaeum-Fragmenten, „unverständlich oder vielmehr mißverständlich zu sein, ist, wenn man die Worte in ihrem ursprünglichen Sinne braucht; besonders Worte aus den alten Sprachen.“ So geht es uns seit geraumer Zeit mit dem Wort „Krise“. Man bezieht sich auf das Altgriechische und hebt die beiden Richtungen hervor, die in einem besonderen Wendepunkt enthalten sind: Die Sache kann gut ausgehen oder in einer Katastrophe enden. Wir lieben das Happy End und sagen gern: In jeder Krise steckt eine Chance, also bitte. Das ist Schönfärberei oder Trost.

Tatsächlich aber ist der gewöhnliche Gebrauch des Wortes ein anderer. Als der Philosoph Edmund Husserl in den 30er Jahren seinen berühmt gewordenen Vortrag über die „Krisis der europäischen Wissenschaften“ hielt, meinte er mit dem Wort „Krise“ nichts Gutes. Ähnlich bei den einfachen Leuten. Wenn der Fußball-Fan hört, dass sein Lieblingsverein in einer Krise steckt, dann freut er sich nicht.

Es ist vernünftig, zur Definition von Krise eine wirkliche Autorität heranzuziehen. Der Historiker Jacob Burckhardt verstand in den Weltgeschichtlichen Betrachtungen unter Krise „beschleunigte Prozesse“. Damit werden wir auf Realitäten gestoßen, die uns bekannt vorkommen. Die Finanzkrise, deren Folgen nicht ausgestanden sind, erzwang eine Reihe von Entscheidungen, die sehr schnell getroffen werden mussten, um die Schieflage vieler Banken nicht im Desaster enden zu lassen. Vertrauen musste in kürzester Zeit wiederhergestellt werden.

Das gelang. Die Flüchtlingskrise ähnlich zu verstehen, erscheint schwierig, weil bei den Flüchtlingen, die in großer Zahl schon seit langem unterwegs sind und deren Fluchtgründe noch viel länger bekannt sind, von beschleunigten Prozessen nicht die Rede sein kann. Die gab es stattdessen bei vielen Europäern, vor allem den Deutschen, die auf die Zuwanderung nicht gefasst waren und in beschleunigten Prozessen auf eine große Herausforderung reagieren mussten. Die Ursache der Krise liegt in Europa, und sie hat nichts mit den Ursachen der Flucht zu tun, weshalb die ständige Mahnung, die Fluchtursachen zu bekämpfen, an der Sache vorbeigeht. Das hat man in den vergangenen Jahren nicht vermocht, wie soll es jetzt in kürzester Zeit gelingen? Mit dem falschen Begriff von „Krise“, der sich im Wort „Flüchtlingskrise“ zeigt, wird verdrängt, dass Europa in einen Strudel beschleunigter Prozesse geraten ist, weil man die dramatischen Veränderungen um Europa herum allzu lange ignoriert hat.

Der Autor und Journalist Jürgen Busche schreibt in seiner Kolumne Unter der Woche regelmäßig über Politik und Gesellschaft

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