Bush ohne Mullah-Bombe

USA Geheimdienstreport über Irans Atomprogramm - das Weiße Haus stottert, schwankt aber nicht

"Puh, doch kein Weltkrieg!", heuchelte, nachdem die 16 US-Geheimdienste ihren National Intelligence Estimate (NIE) veröffentlicht hatten, Die Zeit. Deren Frontleute, Josef Joffe und Bernd Ulrich, hatten bis dahin penetrant zum Sammeln gegen den "Irren von Teheran" getrommelt, der dabei zum Vorkämpfer des "Islamo-Faschismus" und Wiedergänger Adolf Hitlers geriet. Zu dumm, dass die US-Dienste Teheran nunmehr bescheinigen, rational und besonnen agiert zu haben, als nicht zuletzt auf internationalen Druck hin das Nuklearwaffenprogramm bereits 2003 eingestellt wurde. Umso deutlicher tritt hervor, wo die eigentlichen Verrückten regieren. Im Weißen Haus nämlich, von wo aus George Bush und Vizepräsident Cheney ihre Fäden im globalen Feldzug des Imperiums gegen den Rest der Welt ziehen.

Statt zu triumphieren, nun hätten die CIA und andere das Oval Office weltöffentlich bis auf die Knochen blamiert, scheint ein Blick auf das geostrategische Spiel im Mittleren Osten angebracht. Dabei springt eine eigentümliche zeitliche Koinzidenz ins Auge. Wie allgemein eingeräumt wird, war Präsident Bush bereits im August über die Geheimdienststudie informiert. Zuvor hatte Dick Cheney einiges getan, um zu verhindern, dass den Kriegsszenarien gegen Iran die Legitimation entzogen wurde. Just in diesem Moment, am 30. August 2007, startet ein US-Langstreckenbomber des Typs B-52, der unter Missachtung sämtlicher Kontrollvorschriften sechs AGM-129 Advanced Cruise Missiles mit sich führt - jede mit einem nuklearen W-80-1-Gefechtskopf armiert - von der Minot Air Force Base (North Dakota). Nach einem Stopp auf der Barksdale Air Force Base (Louisiana) fliegt die Crew weiter in den Mittleren Osten. Der US-Journalist Wayne Madsen berichtet, dieser Vorfall sei Teil des von Cheney gemeinsam mit Luftwaffenoffizieren unter Brigadegeneral Lawrence Stutzriem und dessen Chefberater Lani Kass, einem ehemaligen israelischen Geheimdienstagenten, entwickelten Project Checkmate gewesen. Ein mit Israel koordinierter Operationsplan für einen Angriff auf Iran, bei dem die Israelis für die Operation Orchard zuständig waren - einen Luftangriff auf die angebliche Nuklearanlage von Deir es-Zuhair in Nordsyrien. Diese Aktion sollte einen Gegenschlag provozieren, um zur Attacke gegen Iran ausholen zu können. Bekanntlich scheiterte das Unternehmen und führte zu umfangreichen Ermittlungen gegen die beteiligten Offiziere der Air Force. Syrien und Iran wiederum reagierten auf den Vorgang äußerst moderat. Ganz anders als George Bush, der - als wäre nichts geschehen - noch Mitte Oktober schrill den "Dritten Weltkrieg" prophezeite, um die "Bedrohung durch Iran" ins öffentliche Bewusstsein zu hämmern.

Ungeachtet des US-Geheimdienst-Reports konzentriert sich die US-Propaganda nunmehr darauf, die iranische Theokratie als Sponsor des islamistischen Terrors hinzustellen - ein sicheres Indiz dafür, dass der angestrebte "Regime Change" längst nicht vom Tisch ist. Alles andere nämlich liefe auf das Eingeständnis hinaus, die größenwahnsinnige imperiale Strategie für eine Neuordnung des Nahen und Mittleren Ostens versackt auf halben Wege. Die Mullahs in Teheran müssen fallen, sollen die Kriege in Afghanistan und Irak nicht umsonst gewesen sein. Wer blauäugig wie Princeton-Professor Joschka Fischer jetzt eine "Militäraktion für nicht mehr im Bereich des politisch Möglichen" hält, sollte gewarnt sein. Denn wie hatte das neokonservative Project for the New American Century exakt ein Jahr vor 9/11 orakelt: "Der Prozess der Transformation wird, auch wenn er revolutionären Wandel bringt, wahrscheinlich lange dauern, ausgenommen ein katastrophales und katalytisches Ereignis tritt ein - wie ein neues Pearl Harbor." Alles weitere ist bekannt.

Dipl. Päd. Jürgen Rose ist Oberstleutnant der Bundeswehr. Er vertritt in diesem Beitrag nur seine persönlichen Auffassungen.

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