Die schlafende Revolution: der Mittagsschlaf

Lob des Schlafes Dieses Stündchen am Mittag ist nicht nur ein Luxusgut, also eine rare und teure Ware. Der Mittagsschlaf ist viel mehr. Er ist ein Akt der Revolution
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Die schlafende Revolution: der Mittagsschlaf
Grandiose Erfindung, die nun in Spanien abgeschafft werden soll: die Siesta
Foto: Cate Gillon/AFP/Getty Images

„Manchmal, wenn ich fertig mit der Arbeit bin, also so um 12 Uhr mittags, dann fühl ich mich ein bisschen schläfrig. Und dann denke ich so, was machste jetzt? Könntest dich ja nochmal für ein´ Moment hinlegen und so´n kleines Mittagsschläfchen halten! Ja, und dann mach ich das auch. Dann leg ich mich nochmal aufs Bett und schlummere so für ein, zwei Stündchen ein. Und irgendwann fiel mir auf, ne, ey, die meisten Menschen können das nicht, ne. Die müssen dann halt weiter arbeiten und sind dann müde. Die trinken dann noch ein´ Kaffee mehr und arbeiten weiter oder müssen die Kinder irgendwo hinbringen oder von irgendwo abholen oder irgendwas anderes erledigen. Aber ich, ich kann Mittagsschlaf machen. Das ist Luxus, sag ich dir.“

Es ist sogar viel mehr. Denn dieses Stündchen am Mittag an das ein Freund von mir neulich jene liebevollen Worte richtete, ist nicht nur ein Luxusgut, also eine rare, teure, erstrebenswerte Ware. Nein, es ist ein Akt der Revolution.

In einer Zeit, in der selbst die Emotionen ökonomisiert und dem Kosten-Nutzen-Kalkül unterworfen werden und Freizeit einer detaillierten Planung bedarf, wirkt eine Stunde Schlummern am helllichten Tag eher wie eine vertane Chance etwas anderes gemacht haben zu können als eine Weise auf die Bedürfnisse seines Körpers zu hören. Was man nicht alles in dieser einen Stunde hätte erledigen können! Man hat ja sowieso immer schon zu wenig Zeit! Dann also noch die nicht ausreichenden 24 Stunden durch eine Stunde zu minimieren, um ein nutzloses Schläfchen zu tun, kommt da nicht in Frage. Also, lieber noch einen Kaffee trinken und weiter geht’s!

Hierzulande ist der Mittagsschlaf schon immer ein seltenes Gut gewesen, das allenfalls Kindern und Rentner vorbehalten ist. Den Kindern graut es schon, wenn es nach dem Mittagessen wieder heißt: „Und jetzt: Mittagschlaf!“ Meine Oma freut sich hingegen, wenn sie sich nach getanem Abwasch auf ihr Sofa legen und für eine Stunde – wie sie es nennt – ruhen kann. Den anderen aber, die nicht mehr in dem Alter sind, wo die einhellige Meinung der Erwachsenen bestimmt, dass man noch mehr Schlaf als den nächtlichen nötig hat und noch nicht in dem Alter sind, wo die einhellige Meinung der Erwachsenen bestimmt, dass man nun nach 50 Jahren geleisteter Arbeit für die Gesellschaft das Recht hat sich nach dem Mittagessen für ein Stündchen auszuruhen, müssen Kaffee trinken und mit der Müdigkeit leben. Müdigkeit als Dauerzustand.

So ist das also hier in Deutschland. Es gibt aber noch einen hellen Stern auf dem europäischen Kontinent, auf dem die Menschen traditionell der Mittagshitze entfliehen, alles dicht machen und sich in die Schatten ihrer Häuser aufs Sofa verziehen. Das nennt man dann Siesta und kommt aus Spanien. Tolle Erfindung. Eine Sache allerdings, die, verfolgt man aktuelle Wirtschaftsnachrichten, wohl bald abgeschafft werden soll – denn, wie eine spanische Wirtschaftsprofessorin erklärt, die Siesta gehöre eben einfach nicht mehr zur Realität. Ja, natürlich nicht! Was für ein Wunder Frau Chinchilla! Wenn man in jedem Lebensbereich immer und immer produktiver und effizienter sein soll, muss der mittägliche Schlaf natürlich als erstes dran glauben. Was für eine Logik! Das wäre so, als würde jemand sagen: Menschen mit dem sogenannten Migrationshintergrund sind immer noch exorbitant unterrepräsentiert an deutschen Hochschulen, obwohl ja das Anti-Diskriminierungsgesetz gelte. Das sei dann ja wohl eine Realität. Da könne man nun nichts machen als diesen „Fakt“ hinzunehmen. Dass da unterschiedliche Faktoren, Ursachen und Wirkungen mit im Spiel sind, die nicht einfach erlauben, die Siesta als nicht real abzutun, liegt also auf der Hand. Aber wie die Lage aussieht, muss wohl auch der Spanier bald tagsüber müde weiterarbeiten, statt zu schlafen.

Und da hört man doch von allen Seiten von dieser Müdigkeitsgesellschaft, die der Philosoph Byung Chul-Han schon vor sechs Jahren in seinem Buch mit eben diesem Titel, konstatiert hat und hat immer noch nichts daraus gelernt. In seinem Buch ist vom erschöpften Selbst die Rede, das sich selbst ausbeutet, da es ja alles können und nicht mehr sollen muss. Und da man ja immer können muss, wie er in seinem Buch Leistungsgesellschaft schrieb, ist nichts schlimmer als Nicht-können. Die Depressiven und Versager und Burn-Out Geplagten also. Die werden dann mit Antidepressiva schnellstens wieder auf die Beine gebracht, damit sie bloß nicht das machen, was sie eigentlich möchten: sich ausruhen.

Es wäre ja auch zu simpel all die müden Menschen einfach schlafen zu lassen. Einfach wäre es vielleicht sogar, aber eben nicht produktiv und deshalb bleibt es lieber bei Kaffee und Ritalin. Und so lange das so bleibt, sind die, die sich tagsüber einfach mal hinlegen oder länger schlafen für die meisten vor allem eins: faul. Doch für mich sind sie meine Idole: kleine, revolutionäre Lichtblicke, die wenigstens für eine Stunde nutzlos und unproduktiv nicht das tun, was sie sollen und können, sondern das, was sie möchten.

19:37 19.05.2016
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