Was bei der Erziehung so alles schiefläuft

Gesellschaft Es gibt viele Möglichkeiten, einem kleinen Mädchen, aber auch einem großen Mädchen, das Selbstbewusstsein auszutreiben.
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Es gibt viele Möglichkeiten, einem kleinen Mädchen, aber auch einem großen Mädchen, das Selbstbewusstsein auszutreiben. Was passiert, merkt frau leider oft erst viel zu spät. Wenn sie schwach und unsicher auf all ihre Pläne schaut und sich fragt, wann sind sie mir entglitten? Wann habe ich aufgehört daran zu glauben? Wann habe ich aufgehört an mich zu glauben?

Hier meine Anleitung, wie man kleinen und großen Mädchen das Selbstbewusstsein kaputt macht. Kommt euch bekannt vor? Habt ihr selbst erlebt? Oder sogar noch viel schlimmer? Verdammte Scheiße. Ihr habt all mein Mitgefühl. Es macht mich so wütend, wenn ich daran denke, dass auch ich mal so ein kleines Mädchen war, das dachte, die ganze Welt steht ihm offen, dass es alles erreichen kann, bis ihm immer gezeigt wurde: „Nein, das kannst du nicht, das darfst du nicht. Jetzt halt den Mund, sei lieb und räum‘ den Tisch ab!“

Lasst uns damit Schluss machen. Lasst uns darauf schauen, dass unsere Töchter ihr Selbstbewusstsein behalten dürfen. Und setzen wir unsere Energie endlich dafür ein, unser Selbstbewusstsein wieder zusammen zu setzen, anstatt darüber nachzudenken, ob unsere Kritiker mal wieder recht haben, ob wir es heute allen recht gemacht haben und ob die anderen uns wohl für wertvoll halten. Aber der Reihe nach!

Eine Anleitung

Also gleich vorweg, dies ist keine vollständige Anleitung. Es gibt sicherlich noch tausend andere Möglichkeiten, großen und kleinen Mädchen das Selbstbewusstsein kaputt zu machen. Dies sind lediglich ein paar mehr oder weniger subtile Tricks, deren Wirksamkeit durch intensive Feldversuche erwiesen wurde. Wenn Sie also eine kleine Tochter habt oder auch schon eine ältere Tochter und Sie haben Angst, dass sie zu stark wird, ihren eigenen Weg geht, beruflich erfolgreich wird oder es sich einfach abzeichnet, dass sie nicht lieb, nett, dankbar und bescheiden ihren Lebensinhalt darin suchen wird, selbstlos das Glück aller Menschen um sie herum, auch und insbesondere ihres Ehemannes in den Mittelpunkt all ihres Strebens zu stellen, dann werden Sie hier fündig!

Das wichtigste Gebot: Das Mädchen darf niemals, unter keinen Umständen das Gefühl bekommen, in irgendetwas wirklich gut zu sein oder schlimmer noch, die Beste. Es ist Ihre Aufgabe, jemanden zu finden, der besser ist. Idealerweise ist dieser Jemand männlich, denn wenn es Ihnen gelingt, die bessere Leistung konsequent mit dem Geschlecht zu verbinden, wird auch das sturste Geschöpf irgendwann erkennen, dass sie diesen Nachteil nicht ausgleichen kann.

Also nehmen wir mal das Beispiel Schule. Ein Mädchen zeigt herausragende Leistungen und es droht die Gefahr, dass sie, stolz und beflügelt von den guten Leistungen, langsam anfängt zu glauben, sie wäre ein überdurchschnittlich intelligenter Mensch. Hier muss schnellstmöglich eingegriffen werden. Sollten Sie das Glück haben, die Lehrerin dieses Mädchens zu sein, suchen Sie augenblicklich nach einem Schüler, der besser ist und reiben Sie das dem Mädchen unter die Nase. Sollten der Junge und das Mädchen gleichwertige Leistungen aufweisen, geben Sie dem Jungen am Ende des Schuljahres trotzdem die bessere Zeugnisnote. Falls Sie in Erklärungsnot geraten: In meiner Schulzeit hat sich der argumentative EverGreen bewehrt „Der Junge ist halt viel intelligenter als du, dass muss sich ja in den Noten widerspiegeln!“ Keine Angst, das Argument funktioniert auch, wenn Sie bei der Bewertung der Klausuren nicht aufgepasst haben und das Mädchen am Ende des Schuljahres einen deutlich besseren Schnitt aufweist! Sie werden sehen, Ihr weibliches Gegenüber ist von der Argumentation so perplex, dass Sie damit durch kommen.

Sollten Sie aber doch mal in die unangenehme Situation kommen, dass ein Mädchen etwas sehr gut gemacht hat und Ihnen will auf die Schnelle absolut niemand einfallen, der das Gleiche auch gemacht hat, nur viel besser, haben sie drei Möglichkeiten:

– Bei älteren Mädchen, besonders aber im Studium oder im Job besteht natürlich immer die Möglichkeit zu unterstellen, dass die positive Bewertung erflirtet wurde. Dieser Ansatz ist allerdings sehr billig und Sie laufen Gefahr, schnell als Neider enttarnt zu werden. Daher sollte dieser Ansatz nur bei absoluter Verzweiflung und Einfallslosigkeit verwendet werden. Besser:

– Sie machen glaubhaft, dass die jeweilige Leistung absolut irrelevant ist und nur armselige, verblödete, naive Dummchens auf so was stolz sind. Diese Strategie ist allerdings nicht ungefährlich. Ein Beispiel: Mal angenommen Sie haben ihrer Tochter oder Enkelin oder Nichte all die Jahre vorgeschwärmt, wieviel besser der Sohn der Freunde doch in der Schule ist, und dass der ja bald Abitur macht, während das eigene Kind dafür offensichtlich zu blöd ist immer noch in der Mittelstufe rum dümpelt (Altersunterschiede können hier ruhig vernachlässigt werden. Hauptsache, Sie kommentieren jede Eins des Mädchens mit dem Satz, dass der Sohn der Freunde ja auch nur Einsen schreibt und der ist sogar schon vier Klassen höher. Wichtig ist nicht, ob dieser Vergleich Sinn macht. Es geht einzig darum, dem Mädchen klar zu machen, dass seine Leistung nicht gesehen, nicht anerkannt, nicht gewertschätzt und damit vollkommen irrelevant ist.) Nun könnte es aber trotzdem schwierig werden, wenn das eigene Mädchen endlich auch Abitur hat und das sogar mit einem deutlich besseren Schnitt, das Abitur an sich abzuwerten.

– Hier greift Plan B, der allseits einsetzbar ist. Also auch bei tollen Praktika, die das Mädchen bekommt, Stipendien oder Angeboten für Doktorarbeiten. „Ja, mein Schatz, dass ist ja ganz toll, was du da geleistet hast, aber sag mal, kann es sein, dass du ganz schön zugenommen hast?!“ Sofern das Mädchen nicht schon total abgestumft ist, können Sie sicher sein, das sitzt! Es geht dabei nicht nur um Kritik an der Figur, was an sich ja schon eine sichere Sache ist, sondern um die Kombination mit vollkommener Ignoranz der eigentlichen Leistung plus den Hinweis, „Wenn nicht alles perfekt ist, ist alles nichts. Also lass es gleich!“

Sollte all das nicht fruchten und das Mädchen geht weiterhin seinen Weg, machen Sie ihm klar, dass es durch Leistung, Intelligenz, Zielstrebigkeit und Ehrgeiz jegliche Anziehungskraft, Liebenswürdigkeit und Sympathie verliert. Als Partner_in oder Freund_in einer solchen Frau empfiehlt es sich, sollte diese zu stark auftreten oder Sie mit ihren Plänen und Zielen auch nur für eine Sekunde in den Schatten stellen, diese ruhig mal einen halben Tag oder auch einen ganzen Tag zu ignorieren. Allerdings nicht ohne den vorangehenden Hinweis, dass große Pläne, Einfallsreichtum, geistreiche Kommentare ja wohl eher Ihr Metier sind. Das muss natürlich als Witz rüber kommen, sonst wäre das ja ganz schön daneben. Aber glauben Sie mir, ein als Witz getarnter Kommentar, dass das Mädchen/ die junge Frau ihnen mit ihrem Selbstbewusstsein zu nahe getreten ist, plus konsequenter Liebesentzug werden mit Sicherheit dafür sorgen, dass sie mit solchen Äußerungen in Zukunft vorsichtiger ist.

Ein Mädchen/ eine junge Frau mit Plänen wird, zwangsläufig, auch mal keine Zeit für Sie haben, weil sie lernen muss, arbeiten oder gerade auf Weltreise ist. Das ist ein super Ansatzpunkt für Sie. Machen Sie auf jede erdenkliche Weise deutlich, wie unzufrieden Sie mit der Situation sind, wie sehr Sie unter der Zurückweisung leiden, was für eine schlechte Freundin das betreffende Mädchen/ die betreffende Frau ist, weil sie gerade nicht für Sie da ist, dass Sie sich bald eine neue beste Freundin suchen, dass die Freundin früher viel netter war und so weiter. Auf jeden Fall muss ganz deutlich werden, dass Sie kein Verständnis für das Streben und die Pläne der Frau haben und unter den Umständen die Freundschaft zur Disposition steht. Als Partner_in sollten Sie entsprechend die ganze Beziehung in Frage stellen.

Was natürlich auch immer geht, sind sexuelle Übergriffigkeiten. Also nicht so richtig schlimm, man will ja keinen Ärger bekommen. Aber halt so ein bisschen. Alles nur Spass, versteht sich! Das wirkt dann, ebenso wie Kritik an der Figur, übrigens doppelt. Einmal hat natürlich die Übergriffigkeit selbst einen Effekt und im Nachgang können Sie dann auch noch den Charakter des betroffenen Mädchens in Frage stellen, dass sie entweder keinen Spass versteht oder zum Beispiel nicht kritikfähig ist.

Ach ja, und zu guter letzt, egal was das Mädchen/ die junge Frau plant, weisen Sie darauf hin, dass Sie eigentlich etwas anderes erwartet haben und zeigen Sie ihre Enttäuschung. Denn egal, was das Mädchen am Ende macht, hauptsache, sie macht es nicht aus tiefster, innerer Überzeugung, Eigenantrieb, Leidenschaft und voller Selbstbewusstsein. Vielmehr soll sie unsicher sein, schwach und bedürftig nach Anerkennung. Denn nur so stellen wir sicher, dass sie allzeit lieb, nett, aufmerksam, zugewandt und aufopfernd das Glück und Interessen anderer Menschen in den Mittelpunkt ihres Handelns stellt, übrigens in der Regel der Menschen, die sie überhaupt erst in diese Abhängigkeit gebracht haben und wirkungsvoll dort halten.

Nachtrag


Und hier noch ein kleiner Nachsatz, für alle Frauen, die wie ich ebenfalls diese Schule durchlaufen haben: Schluss mit der Scheiße! Niemand, der konsequent, sei es unterschwellig oder direkt, euch als Menschen, euren Lebensentwurf oder eure Pläne in Frage stellt, verdient auch nur den Bruchteil einer Sekunde von eurer wertvollen Zeit, von eurer Liebe und eurer Aufmerksamkeit. Wenn ihr auch diese Menschen in eurem Umfeld habt, die nett sind, gute Freunde, nette Verwandte, aber wenn man nach Hause fährt, fühlt man sich klein und wertlos, weg mit denen. Sollen sie wen anderes klein halten, aber nicht länger euch.

Seit ein paar Jahren habe ich Töchter. Sie sollen ihren Weg gehen und während ich versuche, sie dabei zu unterstützen, wird mir immer deutlicher, was bei mir in Schule, Studium, in der Familie, im Freundeskreis und in Beziehungen schief gelaufen ist, dass ich trotz bester Anlagen es bisher nicht aus einer prekären Selbständigkeit heraus gekommen bin (Was natürlich noch andere Gründe hat, wie die Diskriminierung am Arbeitsmarkt.) und mein Selbstbewusstsein bei nichtigen Anlässen in sich zusammen fällt. Damit muss Schluss sein. Diesen Weg zu gehen, die Ängste vor Zurückweisung, Liebesentzug und Scheitern zu überwinden, ist schwer. Sehr viel schwerer, als ich dachte. Denn das sitzt alles sehr tief! Aber ich glaube, es lohnt sich. Für jede von uns.

Und übrigens auch für all die Jungs, mit denen das Selbe gemacht wurde.

04:16 29.03.2019
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

Juliane von Hopfgarten

Meine Themenbereiche umfassen internationale Politik, Wirtschaft sowie Frauenrechte. Unten ein Link zu meinen Beiträgen auf EditionF.
Juliane von Hopfgarten

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