Nächstes Opfer des Brexits - Gesundheitswesen

Medizinische Versorgung In Großbritannien sorgte der folgende Fall für Schlagzeilen: Ein 62-jähriger Patient konnte trotz längerer Suche keinen Zahnarzt finden.
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Nur der National Helath Service konnte im erst in 18 Monaten einen Termin geben. Daher zog der Patient sich den Zahn selbst mit einer Zange. Die zahnärztliche Versorgung in Großbritannien ist mehr als prekär. Die ist bekannt, doch die Situation spitzt sich durch den drohenden Brexit weiter zu. Dies hat vor allem mit den großen Praxisketten zu tun. Diese streichen Patienten von der Patientenliste für die jeweilige Praxis, wenn diese die Praxis eine längere Zeit nicht mehr besucht haben. Nach Gründen wird hier nicht gefragt.

Mehr als 48.000 Patienten warten auf Behandlung

In dem oben genannten Fall wurde nach langer Suche nach einem Zahnarzt als letzte Möglichkeit die Selbstbehandlung gesehen. Dabei ist die Lage sogar nicht wesentlich schlimmer. Allein in Devon und Cornwall warten mehr als 48.000 Patienten auf eine Zahnarztbehandlung. Das sind mehr als 48 Prozent aller Patienten, die in den letzten Jahren aufgrund des Zahnarztmangels in keiner Zahnarztpraxis waren. Selbst bei Schmerzpatienten macht der marode NHS hier keine Ausnahme! Oft folgen daraus sehr kostspielige Privatbehandlungen oder auch aus Geldmangel auch kein Zahnarztbesuch.

Auf diese katastrophale Lage in Großbritannien weisen seit Jahren viele zahnärztliche Verbände, darunter die British Dental Association (BDA) hin. Dieser Versorgungsengpass im NHS ist dennoch weiterhin sehr besorgniserregend. Politiker, wie der Gesundheitsminister Matt Hancock, bezeichnen dies offen als "Panikmache". Auch als politisches agieren wird dies abgetan. Der Gesundheitsminister behauptete offen, dass "Zahnarztpatienten meist gut versorgt" wären. Auf die Millionen Patienten ohne zahnärztliche Versorgung ging er nicht ein.

Dies weist weiterhin auf die schlechte Versorgung bei der NHS England hin. Laut BDA ist es ein Glücksspiel einen Zahnarzt zu finden, der bereit ist einen zu behandeln. Dabei spiele viele Aspekte, wie Wohnort, eine Rolle. Die Versorgungslage wird sogar noch schlechter als besser.

Große gewinnorientierte Dentalketten sind Teil des Problems

Laut der Times (30.Juli 2018) bekommen die großen Dentalketten immer mehr Schwierigkeiten. Ein Beispiel ist die Dentalkette mydentist, die in Großbritannien der größte Zulieferer für zahnärztliche Dienstleistungen ist. Mit über vier Millionen Patienten ist dies auch einer der größten Ketten. Innerhalb der letzten sieben Jahre hat die Kette über 200 Praxen aufgekauft und das eigene Netzwerk auf über 600 Praxen ausgeweitet. Die arbeiteten Zahnärzte kommen meist aus der EU und nicht aus Großbritannien. Durch den Brexit wird es schwerer werden gut ausgebildete Zahnärzte zu bekommen. Dies wird die Situation weiter verschlimmern, auch weil 60 Prozent der Einnahmen des NHS durch mydentist kommen.

Einige Gebiete in England werden inzwischen vom BDA sogar als Notstandsgebiet bezeichnet. Dies betrifft vor allem Grafschaften in Nord-England. Ehemalige politische Mitarbeiter gehen sogar so weit zu sagen, dass das Gesundheitssystem seit Jahren kaputtgespart wird und immer mehr auf private Versorgung gesetzt wird. Dies funktioniere aber nicht. Eine Ursache dafür war die Reform der zahnärztlichen Gebührenordnung 2006. Dadurch wurden Zahnärzte in vier Behandlungsgruppen gezwungen. Dies verschlechterte die Einnahmen der Zahnärzte.

NHS positioniert sich klar gegen den Brexit

Daher gibt es nun eine Initiative "NHS against Brexit". Dabei soll das britische Gesundheitssystem durch die Folgen des Brexit geschützt werden. Dabei wird die Initiative aber nicht vom NHS unterstützt. Auch dass immer weniger Zahnärzte aus der EU nach Großbritannien kommen, wird dem Brexit zugeschrieben. Dieser führte zu einer Unsicherheit für die Zukunft er Zahnärzte in England.

Ein weiteres Problem in England sind die Praxisketten. Diese haben einen immer steigenden Marktanteil zu verzeichnen. Aktuell liegt dieser bei 24 Prozent und somit höher als in anderen Ländern. Dadurch fühlen sich viele Zahnärzte auch schlecht behandelt und beklagen sich auch über die Arbeitszeiten, Eingriffe in die Behandlungsfreiheit und auch über die Bezahlung. Patienten beschweren sich ebenfalls über zu hohe Preise, falsche Werbungen und Versprechen sowie über schlechte Beratung. Die Ketten werden von den Politikern aber immer wieder gelobt.

Die schlechte Behandlung der Ketten führt bei immer Patienten zu der sogenannten Dentalphobie. Damit ist die Angst vor dem Zahnarzt und dessen Behandlung gemeint. Dies führt dazu, dass immer weniger Patienten zum Zahnarzt gehen und die Versorgungslage noch verschärft wird.

In Deutschland ist die Versorgunglage bei zahnärztlichen Behandlungen wesentlich besser. Die Zahl der Ketten ist hier geringer und die Patienten bekommen innerhalb weniger Tage einen Termin. Schmerzpatienten werden in der Regel sofort behandelt. Dies ist vor allem auf das staatlichen Gesundheits- und Sozialsystem der Bundesrepublik zurückzuführen, welches einzigartig in Europa ist.

Fazit

All dies sagt uns, dass die Versorgungslage in England in den letzten Jahren immer schlechter geworden ist. Neben der Gebührenordnung trägt der Brexit und somit das Referendum einen großen Anteil daran. Je näher der drohende Brexit rückt, desto schwieriger wird die Situation werden. Die Dentalketten tragen ebenfalls zur Verschlechterung der Lage bei. Viele Patienten finden keinen Zahnarzt mehr oder werden bei den Ketten schlecht und teuer behandelt. Eine private Behandlung kann sich fast keiner leisten. Dabei würde dort allein eine Zahnextrahierung schon 200 Pfund kosten.

Um die Lage zu verändern, müsste der NHS mit den Berufsverbänden zusammenarbeiten und auch die Politik müsste eingreifen, statt selbst nur private Zahnärzte zu besuchen.

00:59 26.05.2019
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

Juliane von Hopfgarten

Meine Themenbereiche umfassen internationale Politik, Wirtschaft sowie Frauenrechte. Unten ein Link zu meinen Beiträgen auf EditionF.
Juliane von Hopfgarten

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