Margot Käßmann: "Sie wären gerettet worden"

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Publizist ist im Zweifel jeder, der etwas veröffentlicht. So ähnlich, aber mit einem unfreundlichen Oberton, sah es auch Henryk Broder, als ihm vor acht Jahren in echt oder auch nur im Internet der Arsch platzte, weil auffallend viele 'Publizisten', die durch das Abfassen von Offenen Briefen bekannt geworden sind, einen offenen Brief an den damaligen chinesischen Botschafter in China geschrieben oder unterschrieben und/oder an verschiedenen Stellen ins Netz gestellt hatten.

Alle acht Jahre kann man schon mal ein bisschen ausrasten. Also in Zeiten wie diesen, wo die Theologin Margot Käßmann, die übrigens, laut "Bild", BAMS-Kolumnistin ist (was mich überrascht, aber nicht erstaunt), vorigen Samstag dazu aufrief, Hass nicht mit Hass zu beantworten.

Also, sie meinte selbstredend den Terrorismus. Ist ja für jeden Deutschen ein zentrales Lebensthema, wie viele Tage ihm und seinen Lieben noch vergönnt sind, bevor sie mit einer IS-Bombe hochgehen.

Broder setzt sich selektiv mit dem Interview auseinander, das die BAMS-Kolumnistin laut BAMS der BAMS vorige Woche gegeben hat.

Kässmann setzt sich selektiv mit Herausforderungen auseinander, die ihr nicht in den Kram passen:


BAMS: Nehmen wir ein Beispiel aus der jüngeren Geschichte: Millionen von Menschen wären gerettet worden, wenn Hitler frühzeitig getötet worden wäre.

Käßmann: Sie wären gerettet worden, wenn sich alle Christen dem Holocaust entgegengestellt hätten. Wenn Soldaten sich geweigert hätten, nach Stalingrad zu ziehen. Es braucht keinen Tyrannenmord, wenn es einen Geist des Widerstands gibt.


So bastelt man sich Realitäten weg. Käßmann hätte auch sagen können: "... wenn der Herr Jesus spätestens am 8. November 1938 wiedergekommen wäre." Oder: "Warum soll ich so eine blöde Frage beantworten? In meiner Welt ist kein Platz für Christen ohne Courage."

So steht eine korrekte Gesinnung (der wehrhafte Westen) der anderen (alles Scheiße in Afghanistan) gegenüber, und Schuld trägt immer die andere. Diese Art der Auseinandersetzung bezeichnet - hierzulande jedenfalls - ein sehr viel größeres Problem als den Terrorismus: Realitätsverleugnung zugunsten der jeweils eigenen, auf großen, aber tönernen Füßen lebenden Ideologie.

Der Islamische Staat wird die Bundesrepublik oder die Europäische Union nicht zum Scheitern bringen. Dass aber der Pluralismus der deutschen Öffentlichkeit vor allem in der Vielfalt ihrer Paralleluniversen besteht, stellt das bisherige Konzept des öffentlichen Raums in Frage. Das muss keine schlechte Nachricht sein - aber die Frage ist, wie öffentliche Dinge mit einem anderen Konzept zukünftig - möglichst friedlich - verhandelt werden sollen.

Nun ja. Vielleicht überschätze ich ja auch die Bedeutung der Achse des Guten und der BAMS-Kolumnistin. Es kommt doch eigentlich vor allem darauf an, was man liest. Das Blöde ist nur: ich habe just dies gelesen. Ich habe sogar ausführlich darüber geschrieben.

Aber wenigstens habe ich es freiwillig getan. Niemand stand hinter mir und sage, Los, mach jetzt! Du musst noch dreißig Zeilen liefern.

Nun stellt sich mir aber die Frage: wer stand hinter Broder? Und wer hinter Käßmann? Ich weiß es nicht.

Ich weiß aber: Broder steht für sich - oder vielleicht noch für das große Springerblatt. Oder für die Züricher "Weltwoche". Das ist nicht mein Bier.

Aber Käßmann steht für die evangelische Kirche. Das muss die EKD, die sie zur "Lutherbotschafterin" ernannt hat, gegen sich gelten lassen. Auch ich muss das gegen mich gelten lassen - ich bin schließlich evangelischer Kirchenchrist.

Sei's drum. Ich kann mir die Welt halt nicht machen, wie sie mir gefällt. Das kann nur meine Lutherbotschafterin.

20:21 31.03.2016
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Geschrieben von

JR's China Blog

Marxisten können die Zukunft vorhersagen. Das mit der Vergangenheit ist komplizierter.
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