Great Game 21

Ukraine - Russland Der Westen wird vielleicht bekommen, was er will. Aber er läuft Gefahr, einen Teil dessen zu verlieren, was ihn ausmacht
Bei diesem Beitrag handelt es sich um ein Blog aus der Freitag-Community

Der Westen will die Ukraine, unbedingt. Wer mag, kann das befreien – im Sinne demokratischer Verbesserungen – nennen. Bei der Durchsetzung seines Willens kommt dem Westen Russlands mangelnde Subalternität grad zupass. Sie lässt die Blütenträume konservativer Geostrategen ins Kraut schießen. Warum?

Historisch gesehen ist es nicht einfach, Russland zu bezwingen. Frankreich ist unter Napoleon daran gescheitert und Deutschland unter Wilhelm Zwo sowie gleich noch mal unter diesem Exilösterreicher. In der Vergangenheit stand Russland nicht allein gegen die Annexionsbestrebungen Frankreichs oder Deutschlands. Zu Napoleons Zeiten hatte dieser Großbritannien gegen sich, das sich zumindest bei endgültigen Bezwingung des größenwahnsinnigen Korsen massiv beteiligt hat, also mit Russland verbündet war. Im Ersten Weltkrieg wurde Russland auch deshalb nicht besiegt, weil es Teil der Entente war. Im Zweiten Weltkrieg wurde Russland nicht zerschlagen, weil es Teil der Alliierten war. Heute stehen sich Russland auf der einen Seite und die NATO auf der anderen gegenüber. Einen Krieg hat es – glücklicher Weise – unter dieser Konstellation bisher nicht gegeben.

D.h. Russland hat bei seinen machtpolitischen Bestrebungen keinen strategischen Koalitionspartner. Evtl. ist es das, was Obama meinte, als er davon sprach, dass Russland aus der Position der Schwäche heraus handele. Mit anderen Worten: wenn es der Westen heute darauf anlegt, Zugriff auf die Rohstoffe Russlands zu erhalten – wer mag, kann auch sagen „Russland die Demokratie zu bringen“ – hat er gute Chancen, sein Ziel zu erreichen, so denn er weiterhin die Eskalationsschiene fährt. Szenarien sind viele denkbar.

Zum Beispiel Russland in einen Stellvertreterkrieg mit der Ukraine zu zwingen/locken, ähnlich wie vor 35 Jahren in Afghanistan. Der damalige Krieg mit seinen hohen wirtschaftlichen Kosten für die stagnierende sowjetische Wirtschaft war eine der Ursachen für den Niedergang der Sowjetunion. Das darauf folgende Jahrzehnt unter Jelzin war zu Teilen schlimm für die dortige Bevölkerung, hat aber den russischen Markt für den Westen geöffnet. Zu dessen vollständigen Übernahme kam es jedoch nicht. Man erinnere sich an den Fall Chodorkowski. Sein Wirtschaftsimperium wurde nicht zerschlagen, weil er ein Oligarch war. Von denen gibt es bekanntermaßen einige. Sondern weil er beabsichtigte amerikanischen Ölkonzernen Zugriff auf strategische Rohstoffvorkommen einzuräumen.

Diesen Knüppelwurf zwischen die Beine seiner Wirtschaftsinteressen hat der Westen Putin nicht verziehen. Wenn also ein neuer Stellvertreterkrieg Russland so schwächte – wie seinerzeit der Afghanistankrieg die Sowjetunion – könnte dies das System Putin soweit destabilisieren, das wir eines Tages einen „Majdan auf dem Roten Platz“ präsentiert bekommen. (In diesem Sinne lässt sich auch nachvollziehen, warum Putin vor einiger Zeit dafür sorgte, die Finanzströme ausländischer Nichtregierungsorganisationen unter Kontrolle zu bekommen.)

Mit einem neuen Jelzin käme dann auch der vollständige Zugriff auf die russischen Rohstoffvorräte. Vom Polargebiet bis China. Apropos China: Die werden ganz genau beobachten, wie der Westen mit Russland umgeht. Denn jenseits der Großen Mauer weiss man: Der dortige kommunistische Herrschaftsapparat, wäre als nächster fällig.

Inwieweit die Bevölkerung Russlands von demokratischen Segnungen und einer Ent-Putin-isierung profitieren würde, stände auf einem anderen Blatt. Vielleicht ginge es gut wie in Polen, Tschechien und der Slowakei. Oder es ginge schlecht wie in Ungarn, Rumänien und Bulgarien.

Soweit zu dem, was der Westen mit seinen derzeitigen politischen Eskalationen gewinnen könnte.

Einzubüßen droht er ein weiteres Stück seiner demokratischen Reputation. Sein Handeln ist, falls er seinen globalen Wirtschaftsinteressen haltlos nachgibt, genauso dem 19. Jahrhundert entlehnt, wie er es Russland vorwirft. Demokratie ist jedoch die Basis für die politische Legitimation des Westens. Wenn er sich jedoch so gebärdet wie all die Großmächte in den vergangenen Jahrhunderten untergräbt er seine politische Legitimation. Was soll diese dann ersetzten, das Königtum von Gottes Gnaden? Es ist zu fürchten, dass die Menschen für derlei Mummenschanz mittlerweile zu gebildet sind.

Beispielsweise scheint die Stimmungslage in der Bevölkerung den politischen Großmachtbestrebungen gegenüber ähnlich reserviert zu sein wie vor einem Jahrzehnt gegenüber dem Anti-Terror-Krieg im Irak. Damals hat sich ein sozialdemokratischer Kanzler der Koalition der Willigen entzogen. Die jetzige christdemokratische Kanzlerin ist weniger entschieden. Nun, sie hat auch grad keine Wahl zu gewinnen. Und davon, dass die anstehende Europawahl irgendeine Auswirkung auf die EU-Außenpolitik hat, ist nicht auszugehen. Und das ist nicht gut für ein demokratisches Europa.

23:56 08.04.2014
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.

Kommentare 5

Avatar
Ehemaliger Nutzer | Community
Avatar
Ehemaliger Nutzer | Community
Avatar
Ehemaliger Nutzer | Community